Staßfurt l Plötzlich ging alles schnell. Von einem Tag auf den anderen hatte die Stadt Staßfurt gehandelt und die Absperrung im Juni 2018 aufgestellt. Die Gefahr durch herabfallende Steine war zu groß geworden, zu akut. Aktuell versperrt ein Bauzaun an der Kirche St. Petri rechts neben dem Eingang den Weg zum Gemäuer. Viele neugierige Bewohner der Stadt fragten auch beim Pfarramt nach, was da los sei. Was los ist? Die Kirche am Königsplatz weist massive Schäden auf. Im Sommer wurde das ganze Ausmaß der Schäden offenbart.

Eigentlich sollte die Baufirma aus Schönebeck nur das Loch im Dach beseitigen. Schließlich hatte das Orkantief „Friederike“ im Januar auch in Staßfurt und an der Kirche gewütet. Doch oben am Dach, wo es die beste Sicht auf das altehrwürdige Gebäude gibt, war das viel schlimmere Ausmaß der Schäden sichtbar, die nichts mit dem Sturm zu tun hatten. Die sogenannten Rollschichten am Turm, an denen der Regen abfließt, sind marode. Oder anders: Die Fugen zwischen den Steinen lösen sich auf, die Steine zerbröseln, haben keinen Halt und drohen herunterzufallen. Wasser, Frost und Hitze greifen die Fugen an und treiben die Feuchtigkeit hinein. Die Fugen schließen nicht mehr.

Schäden lange bekannt

Das Problem ist lange bekannt. „Uns sind zwar Schäden an unserer Kirche bekannt gewesen, doch vom Umfang waren und sind wir erschüttert. Offensichtlich sind die Schäden über Jahrzehnte entstanden, ohne dass im Detail davon Kenntnis genommen werden konnte; denn wer steigt schon wem und wann gern aufs Dach?“, sagt Regina Zuber, Vorsitzende des Gemeindekirchenkreises. Vor zwölf Jahren erarbeitete eine Planungsfirma aus Staßfurt bereits Vorstellungen einer Sanierung des Kirchenbauwerkes, doch nur ein geringer Umfang konnte aus Kostengründen realisiert werden. Schon damals beliefen sich die Kosten auf eine halbe Million Euro. Weil die Gefahr aber nicht akut war und auch das Geld fehlte für die Restaurierung, wurde das Projekt aus finanziellen Gründen verschoben.

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Der Sommer offenbarte, dass es schlimmer geworden ist. Die Baufirma aus Schönebeck, die die großflächig nicht mehr vorhandenen Fugen entdeckt hatte, handelte umgehend und verpresste die Fugen mit einem Epoxidharz. „Der Schaden wurde minimiert, die größte Gefahr beseitigt“, so Zuber. Was aber freilich nur eine provisorische Lösung ist.

Doch wie kommt es eigentlich dazu, dass die Fugen und auch die Steine im Mauerwerk zerbröseln? Zumal die Schäden nur auf einer Seite so akut sind. Die Kirchengemeinde vermutet, dass es mit der Belastung durch Luftbewegungen zusammenhängt. Durch die lange stark verschmutzte Luft und die Windrichtung wird vor allem die Nordseite an der Stadtbadstraße seit Jahrzehnten stark angegriffen.

Die Gemeinde muss handeln und hat das Thema ganz nach oben auf der Prioritätenliste gepackt. Im September gab es die ersten Gespräche mit einem Staßfurter Planungsbüro. Über 120 Aufnahmen von der Kirche wurden gemacht, aktuell ist das Planungsbüro damit beschäftigt, den Wertumfang der Restaurierung, also einen Kostenvoranschlag zu entwickeln. Seit Anfang November ist die Firma im Detail dabei, die Baukosten zusammenzustellen. Ein endgültiges Ergebnis wird für Ende November/Anfang Dezember erwartet. Erst dann kann ein Ausschreibungsverfahren eingeleitet werden.

Aber schon die grob geschätzten Kosten haben der Gemeinde den Boden unter den Füßen weggezogen. Denn diese werden sich auf 800.000 bis eine Million Euro belaufen. Geld, das die Gemeinde natürlich nicht aufbringen kann. Wo sollen die Finanzspritzen herkommen? Ideen stehen im Raum, Überlegungen machen die Runde. Eine Faustformel besagt, dass 15 Prozent aus Eigenmitteln kommen müssten. Was bei einer Million Euro 150.000 wären. „Das ist ja illusorisch“, so Zuber. Die Gemeinde in Staßfurt ist „bettelarm“. Auch der Kirchenkreis kann nicht so viel Geld aufbringen.

Es braucht Sponsoren, vielleicht lokale Unternehmen, die ein Herz und einen gefüllten Geldbeutel für die Gemeinde haben. Die Lotto-Toto GmbH hat ihr Wohlwollen für eine finanzielle Hilfe zum Ausdruck gebracht. Und der große Rest müsste aus Fördermitteln kommen. Die Gemeinde hat da die Städtebauförderung ins Auge gefasst. Wie das konkret aussehen kann, ist noch offen.

Sanierung im Sommer?

Fakt ist nur eines: „Es muss schnell etwas gemacht werden“, sagt Zuber. „Unser Ziel ist es, im Sommer 2019 anzufangen.“ Ein recht ambitioniertes Ziel. Aber große Pläne brauchen vielleicht auch große Ziele. Darüber hinaus ist die Kirchengemeinde über jede Spende dankbar. Vor allem, weil sich abzeichnet, dass im Inneren des Kirchturms eine weitere große Baustelle auf die Gemeinde wartet.

Die 1949 aus Hartstahl gegossenen Glocken klingen nicht mehr. Der instabile Glockenstuhl lässt das nicht zu. Es muss ein hölzerner Ersatzbau des Glockenstuhls her, um die Schwingungen vom Mauerwerk des Kirchturms fernzuhalten. Auch die Glockenstube muss saniert werden.

Die Zeiten sind nicht einfach für die Gemeinde. Und teuer wird es. Sehr teuer.