Schönebeck l Mahler und Mozart. Zwei musikalische Schwergewichte hat Gerard Oskamp als Auftakt von „Klänge im Raum“ gesetzt. „Beide verbindet, dass die Musikstadt Wien sie zu ganz verschiedenen Zeiten unterschiedlich geprägt hat“, sagt der Chefdirigent der Mitteldeutschen Kammerphilharmonie. Das Eröffnungskonzert des Musikfestivals ist gleichzeitig Abschluss der Spielzeit 2015/16 - da muss Fulminantes in die Ohren. Weil mit Ingrid Kaiserfeld eine ausgewiesene Mozart-Kennerin in Schönebeck gastiert und Mitteldeutsche Kammerphilharmonie wie Philharmonisches Kammerorchester Wernigerode den Orchesterpart gemeinsam übernehmen, sind die Eckpfeiler für das Programm gesetzt. Opernarien treffen Sinfonisches. Mahlers gewichtiges Werk ist dabei alles andere als willkürlich gewählt, denn es ist das letzte der sogenannten „Wunderhorn -Sinfonien“, immer wieder greift der Komponist in ihnen Melodien eigener Lieder auf.

Der inhaltliche Bogen über den Konzertabend ist gespannt. Große Kunst will Existenzielles - und das ist an diesem Abend keine Floskel. Die Musik fängt alles ein. Himmel und Hölle treffen aufeinander. In den Arien der Opern „Il re pastore“, „Idomeneo“ und „Le nozze die Figaro“ von Wolfgang Amadeus Mozart geht es fast ausschließlich um die Liebe in ihrer reinsten und von allen Eitelkeiten freien Form. Die Musiker haben die Ausschnitte in einen sinnstiftenden Zusammenhang gestellt, eingeleitet von einer Overtüre und mit einer Ballettmusik als Intermezzo.

Ingrid Kaiserfeld findet für die Musik eine ausdrucksvolle Stimme. Ihr Sopran ist in den Höhen beweglich und unaufgeregt. Einfallsreich und nie affektiert verziert sie die Kadenzen. Das Orchester erweist sich als solider Begleiter und zeichnet einen Grund, der den vielfältigen Ausdruckslagen der Bühnenstücke gerecht wird.

Waren Abgründe im ersten Konzertteil lediglich im Ausbleiben der Zuneigung angedeutet, reißt Gustav Mahlers Sinfonie sie im Verlauf des Abends regelrecht auf. Lange haben Kritiker und Zuhörer die Vierte als die am meisten klassische und eingängliche bezeichnet. Ihre äußere Anlage und das eingeforderte Instrumentarium legt das nahe. Und schnell ist man in Versuchung geführt, hier die Verbindung zu den vorher erklungen MozartStücken zu finden und sich damit die Programmdramaturgie zu erschließen.

Doch weit gefehlt. Auch wenn immer wieder Schellenmotive erklingen, auch wenn Melodien wie aus Kinderliedern zu hören sind, auch wenn der Finalsatz das „Himmlische Leben“ besingt - Mahler nimmt seine Zuhörer mit auf eine Seelenfahrt. Seine Idyllen blühen herrlich, sind aber - anders als bei Mozart - dünnes Eis.

Gerard Oskamp lässt sich von dieser Idee bei seiner Gestaltung inspirieren. Er verstärkt Unterschiede und wählt für die ersten beiden Sätze äußerst rasche Tempi, für die anderen die Ruhe. Schwelgerisches wird dennoch nur angedeutet, hat es doch keinen Bestand. Denn an der nächsten Ecke lauert schon wieder der Verfall einer eben noch von Mahler aufgeworfenen Idee. Immer wieder treibt der Orchesterchef die Musiker zu großen Steigerungen. Trotzdem: Das überschlägt sich nur dann, wenn es wirklich soll. Denn niemals verliert der Dirigent ordnende Momente aus dem Blick. Die einzelnen Abschnitte in den Sätzen arbeitet er mit den Musikern rhythmisch wie klanglich fein heraus. Diese filigran sortierte Binnenstruktur macht Oskamps Mahler trotz der enormen Geschwindigkeit äußerst transparent. „Für mich ist Mahler der beste Komponist“, sagt der Dirigent und ist fasziniert vom Farbenreichtum der Orchestrierung des Meisters, „technisch unglaublich versiert“. Die Zuhörer erleben ein Orchester, das singt, aber genauso klanglich explodiert, das die Innigkeit der Töne auskostet, oder groteske Zerrbilder malt - wie im zweiten Satz, einem gespenstischen Scherzo.

Der letzte Satz ist nach einem langen Adagio, das fast die Zeit der beiden ersten Sätze einnimmt, das „Himmlische Leben“ aus dem Liederzyklus „Des Knaben Wunderhorn“. Mahler hat es in der Sinfonie in einen neuen Zusammenhang gestellt. Er versöhnt seine Zuhörer in der fast visionären Vorstellung eines naiven Himmels, einem Schlaraffenland ähnelnd. Weiß man um das Schicksalhafte der fünften Sinfonie und den Beinamen „Tragisch“ für die sechste, bleibt dieses Ende doppelbödig. „Man merkt, dass der Mann kämpft“, sagt Gerard Oskamp.

Die Mitstreiter auf der Bühne sind die Musiker aus den Orchestern in Schönebeck und Wernigerode. Es sei schwierig, zwei Klangkörper miteinander zu vereinen, erklärt der musikalische Leiter. Denn jedes Orchester habe seine Spielprägung. Als Gastdirigent versuche man damit umzugehen. Beim gemeinsamen Spiel gehe es um die Verbindung der Charaktere.

Für das Konzert haben Kammerphilharmonie und Philharmonisches Kammerorchester viel geprobt, auch in den Instrumentengruppen. „Ich finde, wir haben uns erstaunlich schnell gefunden“, sagt Gerard Oskamp. Das Publikum bestätigt das mit viel Beifall.