Staßfurt/Hohenerxleben l Ein „Klärschlammverwertungszentrum“ plant der Wasser- und Abwasserzweckverband (WAZV) „Bode-Wipper“ in Staßfurt. Mit neuen Anlagen soll das Projekt spätestens 2025 an den Start gehen.

Hintergrund sind die Mengen an Klärschlamm, die täglich im Klärwerk zwischen Staßfurt und Hohenerxleben anfallen. 4266 Tonnen wurden für das Jahr 2020 berechnet: Alles was an Abwasser aus Staßfurt und Umgebung in der Kläranlage ankommt, durchläuft einen Reinigungsprozess und kann dann gesäubert wieder in die Bode geleitet werden. Übrig bleibt Klärschlamm, bestehend aus zirka 80 Prozent Wasser.

Düngemittelverordnung schränkt Entsorgung ein

Derzeit wird dieser Klärschlamm noch nach Atzendorf abtransportiert, wo ihn ein externes Unternehmen als landwirtschaftlichen Dünger und zur Kompostierung weiterverwertet. Die neue Düngemittelverordnung schreibt aber vor, dass Klärschlamm nicht mehr in der bisherigen Intensität auf Felder aufgebracht werden darf. „Wir rechnen jedes Jahr damit, dass die Grenzwerte aus der Düngemittelverordnung weiter verschärft werden. Das hätte zur Folge, dass der Klärschlamm in Atzendorf nicht mehr angenommen wird und in Verbrennungsanlagen in Bitterfeld, Halle oder Helmstedt gebracht werden muss. Letztere sind derzeit in Planung und noch nicht einmal gebaut“, erklärt Verbandsgeschäftsführer Andreas Beyer das Dilemma.

Allein die Transporte nach Atzendorf und die Entsorgung verursachen jährlich Kosten von 385 000 Euro. Nach Bitterfeld oder Helmstedt wäre es das Fünf- beziehungsweise Siebenfache. Dabei hat der Verband auch den CO2-Ausstoß im Blick. „Für den Umwelt- und Klimaschutz müssen auch wir in neue Techniken investieren“, so Beyer.

Daher die Idee: Den Klärschlamm auf der Verbandskläranlage zwischen Staßfurt und Hohenerxleben selbst verwerten, die dabei entstehende Energie nutzen und Transporte und Entsorgungskosten einsparen.

Die Vorstufe zu diesem Projekt, dem Klärschlammverwertungszentrum, ist bereits seit 2016 im Bau. Zwei Faultürme wurden auf der Kläranlage hochgezogen. In diesen zwei Türmen soll die sogenannte „Faulung“ betrieben werden: Bakterien zersetzen die Feststoffe im Klärschlamm zu Methan, Kohlendioxid und Kohlenwasserstoffen. Weiteres Wasser wird entzogen und die Klärschlammmenge verringert sich um zirka ein Viertel.

Faultüme im Probebetrieb

Die Arbeiten an den Vier Millionen Euro-Türmen, die sich wegen der komplexen Technik bis heute hinziehen, sollen demnächst beendet werden. Im Dezember ist der Start des Probebetriebs geplant.

In einem zweiten Schritt – und das ist der Kern des Verwertungszentrums – geht der Klärschlamm in eine Trockungsanlage, wo er am Ende einen Trocknungsgrad von bis zu 95 Prozent erreicht. „Was übrig bleibt, ist nahezu mit Staub vergleichbar“, so Beyer.

Der restliche Klärschlamm macht dann weniger als ein Viertel der heutigen Menge aus. 1000 Tonnen statt 4200 Tonnen pro Jahr. Diese Reste müssen dann entsprechend entsorgt werden, ob in einer Deponie oder durch Verbrennung wird noch geprüft.

Der Verband verspricht sich auch innerhalb der neuen Anlage Energieeinsparungen. Das Wasser, das dem Klärschlamm entzogen wurde, kann im Prozess wieder genutzt werden. Das Methangas, das bei der Faulung durch die Bakterien entsteht, wird verbrannt und treibt die Anlage an. Beyer: „Dadurch senken wir auch die Kosten auf der Anlage – im Idealfall produzieren wir die benötigte Energie der Kläranlage zukünftig selbst.“

Gebührenerhöhung wird abgemildert

Der Verbandsgeschäftsführer rechnet für die Zukunft mit erheblichen Einsparungen durch das Projekt. Wie hoch diese sind, soll eine Wirtschaftlichkeitsanalyse ermitteln. Kunden des WAZV werden das insoweit spüren, dass die Gebühren nicht so sehr erhöht werden müssen, wie es ohne das neue Verwertungszentrum der Fall wäre. Allein die allgemeine Kostensteigerung bei der Klärschlammentsorgung könnte ab 2021 theoretisch zu Gebührenerhöhungen von 25 Cent pro Kubikmeter führen.

Auch der Klärschlamm aus dem Klärwerk Hecklingen, das bis Ende 2023 von der Firma WTE betrieben wird, soll in Zukunft mit in Staßfurt verarbeitet werden.

In die Anlagen für die Trocknung sollen noch einmal eine bis eineinhalb Millionen Euro investiert werden. Förderungen von Land und Bund werden beantragt. Baubeginn könnte 2021 oder 2022 sein.

Die Verbandsversammlung, in der Vertreter der einzelnen Kommunen im Verbandsgebiet über alle Maßnahmen entscheiden, hat den ersten Schritt zum Verwertungszentrum abgesegnet. Kürzlich gaben die Gemeindevertreter ihr Okay, dass ein externes Ingenieurbüro mit einer Wirtschaftlichkeitsanalyse zum Projekt beauftragt wird. „Aufgrund der Explosion der Klärschlamm-entsorgungskosten ist es sehr wahrscheinlich, dass unser Vorhaben auch in der externen Prüfung als wirtschaftlich angesehen wird“, so Beyer. Den Beschluss zum Bau könnte die Verbandsversammlung 2020 fassen.