Förderstedt l An diesem prominenten Ort im Dorf hat Philip Wiegand keine ruhige Minute. Auf der Bank vor dem Rathaus in Förderstedt sitzend unterbricht sich der 20-Jährige immer wieder selbst oder streut in seine Sätze nebenbei eine Gestik ein. „Hallo“, ruft er dann grinsend zum vorbeifahrenden Auto. Manchmal winkt er auch einfach nur. Aber eines ist völlig klar: Dieser Jungspund, der ja doch ein bisschen unscheinbar mit seinem Dreitagebart um die Ecke kommt, ist im Dorf kein Unbekannter. Es ist also nur logisch, dass er Anfang des Jahres einen neuen Schritt gewagt hat, um sich selbst eine gewichtige Stimme in der Öffentlichkeit zu geben. Er hat eine Meinung, alle wissen das und sie soll auch in die Welt.

Ende Januar hat Philip Wiegand aufgehört, ungehört vor sich hin zu meckern. Er trat in die CDU ein. Und das damals mit gerade einmal 19 Jahren. Warum CDU? Gerade für junge Menschen ja nicht die attraktivste Partei. „Linke Parteien haben mich nicht angesprochen“, sagt er schlicht. „Ich denke, dass ich eine konservative Einstellung habe. Themen wie Sicherheit und solide Wirtschaft sind mir sehr wichtig.“

Wiegand, der seit seiner Geburt in Förderstedt wohnt, hat 2017 sein Abitur am Friedrich-Schiller-Gymnasium in Calbe gemacht. Dort war er Schülersprecher, hat sich also gekümmert, zugehört und Tipps gegeben. Dieses grundsätzliche Interesse an Menschen und der Welt um sich herum hat er sich bewahrt.

Oma Lehrerin

Wiegand hat gute Kontakte zur Familie Lärz in Förderstedt oder auch zu Dominik Iser. Es konnte also nur die CDU werden. Danach ging alles ganz schnell. Er wurde gefragt, ob er sich vorstellen könne, sich für Ortschaftsrat und Stadtrat aufzustellen. Also trat er am 26. Mai in beiden Gremien zur Kommunalwahl an. In den Stadtrat wurde er nicht gewählt, dafür aber in den Ortschaftsrat Förderstedt. Mit 159 Stimmen. Diese Zahl hat der 20-Jährige selbst sofort parat. „Das ist schön, dass mir so viele Leute die Stimme gegeben haben. Ich war selbst ein bisschen erstaunt“, sagt er. Denn großartig Werbung hat er nicht gemacht. Er hat natürlich mit vielen Leuten im Ort gesprochen, hat Flyer verteilt. Was man eben so macht. „Es hat sich rumgesprochen. Und man kennt mich eben, weil meine Oma Lehrerin in Förderstedt war.“

Der kleine Philip gehört zum Förderstedter Inventar. Und weil er Sympathiepunkte sammelte, zog er viele Leute auf seine Seite. Auch die, die endlich frisches und junges Blut in politische Gremien bringen wollten. Nun ist es auch nicht so, dass Wiegand eine große politische Idee verkörpert. Er will der Kümmerer sein, der das Anliegen des Otto-Normal-Bürgers ins Gremium bringt. Sein Vorteil: Er hat eine andere Sichtweise und weiß, was junge Leute beschäftigt. „Der Bolzplatz ist marode. Da müsste man etwas machen“, sagt er. „Wichtig ist mir auch, die Schulen zu erhalten.“ Bildung sei grundsätzlich ein wichtiges Thema. „Für die Jugend muss man Angebote schaffen.“

Wo gehen Jugendliche hin, wo treffen sie sich? Was tun sie in ihrer Freizeit? Wiegand weiß selbst, wie es ist. Zum Feiern geht es da in die „Wilde Zicke“ nach Egeln. Manchmal nach Magdeburg. Es braucht aber immer einen Fahrer. Dieser findet sich auch, aber Absprachen braucht es jedes Mal. Und Bars? Wiegand verweist auf „Alexi‘s Lounge“ in Staßfurt. In Förderstedt sei auch das Landhaus ein Treffpunkt. Viel ist da aber nicht.

Kritik an eigener Partei

Und doch ist Wiegand auch froh, hier zu leben und agieren zu können. Derzeit macht er ein duales Studium. In Glauchau studiert er Betriebswirtschaft. Den praktischen Teil absolviert er bei einer Bank in der Region. Was er so mag an Förderstedt? „Wir haben eigentlich alles, was es zum Leben braucht“, stellt er fest. Supermarkt, Grundschule, Sekundarschule, eine Kita, eine gute Verkehrsanbindung mit Auto und Bahn. „Förderstedt ist ein Dreh- und Angelpunkt in der Region.“ Er will dafür kämpfen, dass das auch so bleibt. Gerade gibt es ja Probleme mit der Kita in Förderstedt, die ja neu gebaut, statt nur saniert werden muss. „Bei baulichen Sachen fehlt mir noch das Wissen“, sagt Wiegand. Aber eine Meinung hat er freilich trotzdem. „Dass der Ringanker fehlt, sollte man nicht erst seit heute wissen“, klagt er. „Gerade für die Eltern ist das eine Belastung, die ihre Kinder nach Atzendorf oder Glöthe bringen müssen.“

Bestimmt und ohne ein Stocken kommen ihm solche Sätze über die Lippen. Wie ein typischer 20-Jähriger tritt Wiegand nicht auf. Er weiß, was er tut und sagt. Wobei er bei den ganz großen politischen Themen vorsichtig ist. Aber er scheut nicht, auch seine eigene Partei zu kritisieren. Die Reaktion der CDU zum Video des Youtubers „Rezo“ mit dem Titel „Die Zerstörung der CDU“, fand er nicht gut. „Das war taktisch unklug, darauf nur mit einer Pressemitteilung zu antworten.“ Auch die Diskussionen um den umstrittenen Artikel 13, der das Urheberrecht der EU reformieren wird, sieht Wiegand kritisch. „Die Einschränkungen sind nicht mehr zeitgemäß.“ Bei einigen Sachen geht er also nicht konform mit der eigenen Partei. „Das ist aber kein Grund, das Handtuch zu werfen“, meint Wiegand lachend. Es spornt im Gegenteil dazu an, in die eigene Partei frische Ideen zu bringen. Verbote findet er nicht immer sinnvoll. Es könne nie genug für die Umwelt getan werden. Aber: „Es muss alles finanzierbar sein.“

Nun: Auf kommunaler Ebene spielen die großen Themen keine ganz große Rolle. Hier geht es um Aufreger, die im Dorf umgehen. Um ganz profane Dinge. „Richtung Neugattersleben wohnt ein Kumpel von mir in Förderstedt an der Hauptstraße. Bei dem wackelt die Stubentür, weil sich die Lkw auf der Straße nicht an Tempo 50 halten“, meint Wiegand. „Vielleicht könnte man Verkehrsinseln aufstellen.“ Für solche Themen will er sich stark machen.

Nach der Wahl in den Ortschaftsrat Förderstedt, bei dem er sich ja nun auch nicht nur für Förderstedt, sondern fünf weitere Staßfurter Ortschaften einsetzen wird, traf Wiegand – der politische Welpe im Rudel der seit Jahrzehnten erfahrenen Altpolitikern – am 2. Juli bei der konstituierenden Sitzung auf seine neuen politischen Kollegen. Wie war‘s? „Natürlich war ich nervös und aufgeregt“, sagt er. „Es war sehr förmlich, aber auch interessant. Ich muss mich erst noch finden. Ein bis zwei Sitzungen werde ich noch verfolgen und die Gepflogenheiten abtasten.“ Dann will er loslegen mit eigenen Wortbeiträgen.

Zu viele Meckerer

Den Respekt der Ortschaftsratmitglieder, die nicht in seiner Partei sind, muss er sich noch erarbeiten. „In der eigenen Fraktion werde ich ernst genommen“, sagt Wiegand. Vor solchen Sitzungen macht die CDU schon einmal interne Runden. Hier bringt er Themen an, bringt sich ein. Und – bildlich – an der Hand von zum Beispiel Peter Rotter, der nicht nur Ortsbürgermeister, sondern auch Stadtrats- und Kreistagsmitglied ist, und einst auch im Landtag saß, wird er sanft herangeführt.

So, dass auch die Gemeinschaft in Förderstedt wächst. Denn die ist hier nicht so groß wie in anderen Dörfern. „Jeder kocht sein eigenes Süppchen in Förderstedt“, klagt Wiegand. Alle sollen zurück an einen Topf. Aber gerade jemand wie Philip Wiegand kann mit jugendlicher Neugier und gesundem politischen Sachverstand ein Scharnier sein zwischen Alt und Jung. Zwischen Mann und Frau. Die Zeit wird zeigen, was möglich ist.