Staßfurt/Aschersleben l Mittlerweile braucht man alle fünf Finger an der Hand, um zu zählen, wie oft die Krankenschwestern in Staßfurt auf die Straße gegangen sind, um für die Angleichung der Gehälter an einen Tarifvertrag zu kämpfen. Zum fünften Mal standen gestern 20 Krankenschwestern vor dem Ameos-Krankenhaus, um per Warnstreik in die Innenstadt zu ziehen. Nur: Trotz Ankündigung fand der Streik nicht statt. „Wir mussten es auch logistischen Gründen absagen“, sagt Benjamin Ludwig von Verdi. Das Problem: Verdi hatte nur ein Auto, musste aber an drei Standorten gleichzeitig sein, um den Streikzug zu organisieren.

Die Staßfurter Krankenschwestern fuhren ohne Streik nach Aschersleben. Dort schlossen sich die Staßfurterinnen wie immer den Kollegen an. Weil hier der Hauptsitz des Klinikums Aschersleben/Staßfurt ist. Bei dem Streikmarsch zum Markt beteiligten sich 165 Beschäftigte. Darunter auch wieder 20 bis 25 Ärzte. Auch in Bernburg gab es gestern neue Arbeitskämpfe. Die zweite Woche in Folge wird in Aschersleben, Staßfurt, Bernburg, Schönebeck und Haldensleben gestreikt. Jeden Tag geht ein anderer Standort in den Ausstand.

Unterdessen hat Ameos erstmals mit einer offiziellen Pressemitteilung auf die Entwicklungen reagiert, geht aber nicht auf die seit Wochen andauernden Aufforderungen von Verdi zu Tarifverhandlungen ein. „Die Forderungen von Verdi gefährdeten bereits 2012 über 360 Arbeitsplätze in Sachsen-Anhalt. Nach der Übernahme der Klinika im Salzland versuchte Ameos mehrfach vergeblich, mit der Gewerkschaft zu verhandeln. In einer mit den Betriebsräten damals getroffenen Vereinbarung, der 96 Prozent der Mitarbeitenden in den Ameos-Klinika im Salzland zustimmten, erreichte man gemeinsam den Erhalt aller Arbeitsplätze und einen fünfjährigen Kündigungsschutz“, schreibt der Klinikbetreiber. „Dagegen klagte Verdi sogar ohne Mandat der Mitarbeitenden im Februar 2013 vor dem Arbeitsgericht Magdeburg und scheiterte. Verdi wollte lieber den Abbau der Arbeitsplätze in Kauf nehmen, als auf die Durchsetzung ihrer überzogenen Forderungen zu verzichten.“

Keine Streiks mehr vor Weihnachten

Die Sicherung und der Erhalt von Arbeitsplätzen und Standorten stünden im Mittelpunkt des Handelns. Danach erklärt Ameos erneut, was der Konzern den Angestellten angeboten hat. In 80 Mitarbeitergesprächen habe Ameos „ein sorgsam geschnürtes Zukunftspaket vorgestellt“. Festgeschriebene Gehaltssteigerungen von zehn Prozent bis 2024 wären garantiert. Hinzu kommt erneut ein Kündigungsschutz von fünf Jahren. „In einer sich rasant verändernden Krankenhauslandschaft sind diese Eckpfeiler für alle Mitarbeitenden besonders wertvoll. Die langfristige Sicherung des eigenen Jobs bei gleichzeitiger Lohnsteigerung geht weit über das hinaus, was andere Kliniken in Sachsen-Anhalt mittelfristig werden bieten können.“

Vor Weihnachten wird es keine Streiks mehr geben. „Das Signal ist eindeutig“, sagt Benjamin Ludwig. Im neuen Jahr geht der Arbeitskampf weiter.

Landesverband der Linken zeigte sich nun ebenfalls solidarisch mit den Ameos-Beschäftigten. „Die Situation bei Ameos in Haldensleben und Halberstadt aber auch im Salzlandkreis spitzt sich weiter dramatisch zu. Unsere volle Solidarität und Unterstützung gilt deshalb den Beschäftigten. Wir werden uns weiterhin an den Streiks beteiligen und den politischen Druck erhöhen“, teilt die Linke mit. Am Mittwoch soll es im Landtag eine Debatte zum Thema „Krankenhauslandschaft“ geben.

Demo in Halberstadt

In Halberstadt, wo bisher nicht gestreikt wird, gab es am Donnerstag erstmals eine Demonstration mit etwa 100 Beschäftigten. Knapp 200 waren später bei einer Kundgebung anwesend. Auch die Angestellten bei Ameos Halberstadt fordern eine Bezahlung nach Tarif. Ein jahrelanger Rechtsstreit hat die Fronten verhärtet. Es gibt zwar einen Haustarifvertrag, der aber deutlich unter dem geforderten öffentlichen Dienst liegt. Ameos will die Verträge nun kündigen und die Mitarbeiter in einer neuen Gesellschaft anstellen. Der Rechtsstreit wäre hinfällig. Eine Stationsschwester habe sich geweigert, den neuen Vertrag zu unterschreiben. Sie wäre entlassen worden und hätte Hausverbot bekommen.