Wer die „nationalsozialistischen Ritter des Ku-Klux-Klans“ sind

Nachbarn in Hohenerxleben können nicht von verdächtigem Treiben und viel Bewegung in der Wohnung des Verdächtigen berichten. Auch Waffen wurden nie gesehen, bis auf eine einzige, nicht verifizierte Geschichte, als der Mann bewaffnet mit einem Jungen durch den Ort gelaufen sein soll.

Denn die Kommunikation innerhalb der mutmaßlichen kriminellen Vereinigung „National Socialist Knights of the Ku-Klux-Klan Deutschland“ funktioniert vor allem über das Internet und soziale Medien, berichtet das Landeskriminalamt (LKA) Baden-Württemberg. So werden auch neue Mitglieder „rekrutiert“. Zur Finanzierung der Gruppierung werden monatliche Mitgliedsbeiträge erhoben.

Bundesweit wird jetzt gegen 40 Personen ermittelt, die in Verdacht stehen, die kriminelle Vereinigung „National Socialist Knights of the Ku-Klux-Klan Deutschland“ gebildet zu haben. Der Name „Ku-Klux-Klan“ geht auf eine rassistische Strömung aus dem Süden der USA seit 1865 zurück, die die Unterdrückung der farbigen Bevölkerung zugunsten der „weißen Bevölkerung“ zum Ziel hat.

Bei der Razzia am Mittwoch, die von Stuttgart aus koordiniert wurde, wurden zwölf Wohnungen von zunächst 17 Verdächtigen im Alter von 17 bis 59 Jahren in Baden-Württemberg, Bremen, Hamburg, Niedersachsen, Nordrhein-Westfalen, Rheinland-Pfalz, Sachsen-Anhalt und Thüringen durchsucht.

„Die Mitglieder eint ihre rechte Gesinnung, die sich unter anderem in einer Glorifizierung des Nationalsozialismus äußert“, so das LKA Baden-Württemberg. Diese Erkenntnisse hat die Polizei aus der Kommunikation auf einem beschlagnahmten Handy eines dortigen Rechtsextremen.

Bisher konnte die Polizei keine Hinweise auf Verbindungen zu anderen Ku-Klux-Klan-Gruppierungen finden. Durch die neuen Beweismittel aus den Razzien erhoffen sich die Ermittler Hinweise auf die Struktur der Gruppierung.

Rechtsextremismus-Experte David Begrich vom Magdeburger Verein „Miteinander“ sagt, dass es bei dieser Gruppierung „nur schwer einschätzbar“ sei, ob es sich nur um Gewalt-Fantasien handelt oder ob real Straftaten geplant waren. In Sachsen-Anhalt habe es Anfang der 1990er die letzten Versuche gegeben, den Ku-Klux-Klan zu etablieren, was aber schnell im Sande verlaufen sei. (fh/mf)

Hohenerxleben l Eine Szene wie im Film spielt sich am Mittwochmorgen in Hohenerxleben ab. Es ist noch dunkel. „Das muss gegen 6 Uhr gewesen sein“, erzählt ein Nachbar. Er wollte gerade seinen Sohn in die Schule schaffen. „Hier liefen überall Vermummte rum.“

Die „Vermummten“ waren Polizisten des SEK (Spezialeinsatzkommando) der Polizei. Mehrere Kleinbussen hat das Landeskriminalamt Baden-Württemberg nach Hohenerxleben geschickt, zur Unterstützung Kollegen des SEK Magdeburg dazugeholt. Einsatzort ist eine Häuserreihe mit mehreren, kleinen Wohnungen in der Dorfmitte. „Mein Kumpel stand im Bett, so hat das geknallt“, erzählt ein Mann aus dem Dorf. „Die gehen ja richtig brachial vor.“

Verdächtigem die Orientierung nehmen

Die schwerbewaffneten Polizisten stürmen durch die Tür der Wohnung und werfen eine Blendgranate hinein. „Das ist ein Irritationskörper, der erstmal die Sicht vernebeln und den Verdächtigen die Orientierung nehmen soll“, erklärt der Sprecher des Landeskriminalamtes (LKA) in Magdeburg. Die Blendgranate zerstört sogar das Fenster auf der anderen Seite der Wohnung. „Der Glaser war da und Scherben lagen dort auf dem Fußweg, als ich an dem Morgen mit meinem Hund gegangen bin, und die Bullis der Polizei waren auch noch da“, erzählt ein Augenzeuge.

Bilder

Die kleinen, stark sanierungsbedürftigen Wohnungseingänge liegen dicht an dicht. „Morgens war hier noch abgesperrt“, erklärt eine Nachbarin. „Ich habe geschlafen, aber meine Nachbarin kam gerade nach Hause. Als sie die vermummten Polizisten gesehen hat, ist sie vor Angst gleich wieder umgedreht.“ Eine andere Nachbarin soll sich so sehr erschreckt haben, dass sie sofort die Polizei rief.

Etwa 9 Uhr am Morgen sollen die letzten Fahrzeuge der SEK-Einheiten weggefahren sein. Ihr Ziel war es, Beweismaterial aus der Wohnung eines verdächtigen Hohenerxlebener zu beschlagnahmen, der zur Vereinigung „National Socialist Knights of the Ku-Klux-Klan Deutschland“ (zu Deutsch in etwa „Nationalsozialistische Ritter des Ku-Klux-Klans Deutschland“) gehören soll.

Großrazzia mit 200 Polizisten

„Es besteht der Verdacht, dass eine kriminelle Vereinigung gebildet wurde, die geplant hat, schwere Straftaten zu begehen oder bereits solche begangen hat“, erklärt Andreas von Koß, LKA Magdeburg, das als Behörde nur unterstützend involviert war. Die Staatsanwaltschaft Stuttgart, Abteilung Staatsschutz, hatte eine Großrazzia mit 200 Polizisten angeordnet. Zwölf Wohnungen von 17 Verdächtigen wurden zeitgleich in acht verschiedenen Bundesländern gestürmt. In Sachsen-Anhalt waren es zwei mit Hohenerxleben und Aschersleben.

Auf die Spur der Mitglieder der mutmaßlichen Vereinigung kamen LKA-Ermittler in Stuttgart zufällig, als sie im beschlagnahmten Handy eines Rechtsextremen Chatprotokolle und Kennzeichen verfassungswidriger Organisationen fanden, so Ulrich Heffner, Sprecher des LKA Baden-Württemberg. Die Mitglieder äußerten sich dort gewaltbereit, planten, sich zu bewaffnen, und sprachen Gewaltfantasien aus. Bis zu der Razzia war nicht einmal dem LKA in Magdeburg etwas von dem Verdacht bekannt, so von Koß.

Die Behörden in Baden-Württemberg stehen heute erst am Anfang der Ermittlung und werden zunächst die neuen Beweismittel mit insgesamt über 100 Waffen auswerten – darunter verbotene Waffen, Schwerter, Macheten, Faust- und Butterflymessern, Wurf- sterne, Urkunden, Mitgliederlisten, T-Shirts und Symbole der Gruppierung, Computer und Handys. Weil noch unklar ist, ob das Netzwerk eine kriminelle Vereinigung ist, „liegen erst einmal keine Haftgründe vor“, erklärt von Koß. Der Verdächtige aus Hohenerxleben durfte zuhause bleiben. Auch bis zum gestrigen Donnerstag wurden noch keine Haftbefehle vollstreckt.

Wer ist der Mann?

Wer ist der Verdächtige aus Hohenerxleben? Geboren wurde er 1974. Der als „stämmig“ beschriebene Mann hat sich 2014 für die NPD zur Kreistagswahl aufstellen lassen. Auf Facebook zeigt er sich mit Kleidung und Schmuck mit rechtsextremer Symbolik, veröffentlicht Slogans wie „Deutscher durch die Gnade Gottes“. Er trägt Glatze und Tattoos mit Motiven, die an die Symbolik der Wehrmacht erinnern.

Der Verdächtige soll mehrmals in kurzen Maßnahmen als Ein-Euro-Jobber gearbeitet haben. Er sei freundlich und verträglich gewesen, heißt es aus dem Umfeld, war im Ort aber kaum in Erscheinung getreten.

Der Mann soll abwechselnd in der aktuell durchsuchten Wohnung und in einem Haus im Dorf gewohnt haben. Dort soll er gemeinsam mit einer Familie gelebt haben, die im Ort als verwahrlost gilt. Es habe Vorfälle gegeben, bei denen Bierflaschen aus dem Fenster flogen oder Kampfhunde der Familie ausgerissen waren und von den Behörden wieder eingefangen werden mussten.