Staßfurt/Magdeburg l Nachdenklich ist sie geworden, die Antje Reich. Die Frau mit der tiefen Stimme, die gesanglich schon so viele Härchen aufgestellt hat, sagt mit leiserer Stimme in Corona-Zeiten: „Wir mussten uns alle durchkämpfen.“ Eine Frohnatur wie sie zieht daraus aber auch Kraft: „Wir hatten Zeit zu uns selbst zu finden. Wir haben zurück zur Musik gefunden, sind alle sehr kreativ.“

Es sind schwere Zeiten für Künstler. Auch für die Staßfurter Band „Noch ist Zeit“ um Sängerin Antje Reich. Auftritte waren in der Corona-Zeit bisher nicht möglich. Vier der sechs Bandmitglieder sind Berufsmusiker. Mit Nebenjobs und staatlichen Hilfen jonglierten sie sich finanziell durch die Zeit. Und doch war es auch eine kreative Zeit. Jeder hat ein Ventil gefunden, um sich Luft zu machen. Um den Frust in die richtigen Bahnen zu lenken. Seit etwa zwei Wochen trifft sich die Band wieder im Proberaum, tauscht sich aus, gibt sich Kraft.

Mit dabei im Proberaum ist auch wieder Gitarrist Sascha „Sammy“ Blume. Dieser hatte sich im Januar für vier Monate nach Australien aufgemacht. Dort arbeitete er auf einer Avocado-Farm, sammelte neue Eindrücke. Als die Corona-Zeit begann, bangten die Bandmitglieder, ob er überhaupt zurück nach Deutschland kommen kann. Mitte April durfte er ausreisen. „Wir haben mitgefiebert“, so Reich.

Bei Einlass Picknickdecke

In Deutschland wurden im Proberaum neue Melodien getestet, neue Texte einstudiert. Diese der Öffentlichkeit zu präsentieren, dafür ist es zu früh. Dank der bekannten Lieder gibt es aber heute trotzdem die Chance, endlich wieder Augenkontakt mit den Fans zu halten, Emotionen auszutauschen. Vielleicht miteinander zu lachen oder auch zu weinen. Denn „Noch ist Zeit“ werden am Freitag 19 Uhr auf der Bühne stehen. Auf der Wiese vor der Festung Mark in Magdeburg wird die Band unter freiem Himmel das Eröffnungskonzert der Konzertreihe „Magdeburger Kulturpicknick“ geben. „Wir freuen uns sehr, dass wir gefragt wurden. Das wird einen sehr schönen Charakter haben“, sagt Reich.

250 Karten dürfen verkauft werden. Die Konzertgäste bekommen beim Einlass eine Picknick-Decke. Dank der Markierungen auf dem Boden, auf denen sich die Gäste niederlassen müssen, ist der Abstand gewahrt. Nach „Noch ist Zeit“ finden noch weitere Konzerte statt. Auch Schauspiele und Lesungen sind geplant. Die Kultur läuft wieder an. „Hoffentlich wissen die Leute mehr zu schätzen, wie wichtig Livemusik und wie wichtig Kultur ist. Kultur ist systemrelevant. Musik macht uns aus, für uns alle ist das eine Berufung“, erzählt Antje Reich.

Andere Besetzung

Sechs Bandmitglieder hat „Noch ist Zeit“. Und es werden sechs Musiker heute auf der Bühne stehen. Zwei der sechs Musiker gehören aber nicht zur Band. Marlen Simon (Bass) und Christoph Krahl (Schlagzeug) sind neben „Noch ist Zeit“ voll berufstätig und hatten in den vergangenen Wochen keine Zeit für Proben. Sie werden einmalig ersetzt durch Martin „Brummbass“ Rückert und Fabian Witter. Die beiden sind bekannt durch die Partyband „Ventura Fox“, in der auch Reich, Christopher „Conny“ Konrad und „Sammy“ Blume von „Noch ist Zeit“ mitwirken.

Rückert wird Kontrabass spielen und „Noch ist Zeit“ eine neue Note verleihen. Ein Chor wird die Band begleiten. Im Publikum sitzt Krahl, der seinen Bandkollegen zuschauen muss. „Für ihn sicher auch eine komische Situation“, sagt Reich lachend. Trotzdem sind die Bandmitglieder im Geiste verbunden.