Förderstedt l Es ist eine wunderschöne Geschichte. Eine Geschichte, die vor dem Hintergrund des gravierenden Ärztemangels in Staßfurt Seltenheitswert hat und ein absoluter Glücksfall ist.

„Ich habe einfach angerufen“, erzählt Dr. Anca Leucus die Geschichte. Über Bekannte hat die junge Ärztin erfahren, dass Förderstedts Allgemeinarzt Dr. Hansgerd Höschel in Rente gehen möchte und seine Praxis zu übernehmen wäre. Eine eigene Praxis ist für sie die nächste große Herausforderung, die während ihrer Karriere schon immer gern neue Einsatzorte ausprobiert hat. Sie scheint genauso wie Dr. Höschel eine Frohnatur und Optimistin zu sein.

Erfahrungen

Die junge Frau lacht und strahlt. „Ich wollte etwas Neues kennenlernen, weit weg von meiner Heimat unabhängig sein und neue Erfahrungen machen“, erklärt sie. Denn ursprünglich stammt sie auch Rumänien. In Temeschburg, im Westen des Landes, hat sie Medizin studiert und ging 2010 nach Deutschland.

Hier machte sie ihre Weiterbildung im Bereich Innere Medizin, arbeitete in Bernburg, Heilbronn, Staßfurt und Köthen in Krankenhäusern und war als Ärztin angestellt. Über den Salzlandkreis sagt sie: „Das ist meine zweite Heimat.“

Dr. Anca Leucus wohnt heute in Förderstedts Umgebung, spricht fließend Deutsch und hat sich ihr soziales Umfeld geschaffen. Lesen und Reisen sind ihre Hobbys.

„Es hat sofort gepasst“, sagt Dr. Höschel, der Ende Februar mit 67 Jahren in Rente gegangen ist. Zum Jahreswechsel hatte er die junge Ärztin kennengelernt, die zum 1. März offiziell seine Praxis übernommen hat und seit Montag die ersten Patienten in Förderstedt behandelt. Sympathie war beim Kennenlernen „auf den ersten Blick“ da. „Es hat einfach alles gestimmt, vom Menschlichen und vom Fachlichen her“, meint Dr. Höschel.

Heimatgefühl

Die junge Ärztin hatDr. Hansgerd Höschete das, was für Dr. Höschel entscheidend war bei seiner Nachwuchssuche und was er nicht bei jedem Kandidaten gesehen hat: „Sie hat ein Heimatgefühl entwickelt“, erklärt er. „Sie fühlt sich im Salzlandkreis zuhause.“ Dies sei die Grundvoraussetzung dafür, dass die Praxisübernahme von Dauer ist, dass sich ein gutes Verhältnis zwischen Patienten und Ärztin aufbauen kann, dass eine Verbundenheit mit dem Ort und den Menschen entsteht.

Im Januar und Februar wurde Dr. Anca Leucus dann in Höschels Praxis eingearbeitet. „Die Leute sind nett und freundlich“, freut sich die junge Ärztin. Sie fühle sich wohl in Förderstedt und habe auch schon eine ganze Menge ihrer zukünftigen Patienten kennengelernt.

Vieles, wie etwa die Sprechzeiten, soll in der Praxis bleiben wie es ist. Dr. Anca Leucus will demnächst noch neue Funktionen einführen, wie Sonografie oder Belastungs-EKG. Alle anderen Gerätschaften und die Einrichtung überlässt ihr Dr. Höschel.

Die beiden Schwestern Jutta Fürst und Kerstin Reichert machen auch weiter. „Ich möchte ab April noch eine dritte Schwester einstellen“, kündigt Dr. Anca Leucus an.

Christina Höschel, die in der Praxis „Mädchen für alles“ war und sich um den ganzen Organisationsaufwand gekümmert hat, geht mit ihrem Mann in Rente. Sie war eine der fröhlichen Stimmen am Ende der Praxis-Telefonleitung.

Dr. Höschel sagt, es sei ein ziemlich schlechtes Gefühl, wenn die Rente vor der Türe stehe und man damit aber 700 Patienten und nochmal rund 300 Vertretungspatienten im Stich lassen soll. „Ich habe deswegen immer gesagt, ich mache solange bis ich einen Nachfolger gefunden habe.“ Erste Anläufe für die Nachfolgesuche hatte er schon seit März 2014 unternommen, erklärt er.

Medizinische Versorgung

Wie kann man die medizinische Versorgung verbessern? „Man muss die Attraktivität des Berufes vermitteln, es ist einfach ein schöner Beruf“, findet Dr. Höschel. Als Arzt könne man übrigens praktizieren, solange man möchte. „Umso schöner finde ich es jetzt, den Staffelstab an die Jugend übergeben zu können.“

Während auch die Kassenärztliche Vereinigung – die offizielle Stelle für Zulassungen und Ärztestellen – nach einem Nachfolger für die Förderstedter Praxis gesucht hatte und auch erfolgreich war (siehe Info-Kasten), hatte Dr. Höschel auch schon Anzeigen in einer Zeitung geschaltet. Zuvor hatte er bereits Pech mit einem jungen Arzt, den er schon eine Zeitlang eingearbeitet hatte. Dieser wurde mittendrin in einen anderen Ort abgezogen, wo der Ärztemangel noch akuter war.

Praxis stammt von 1897

Das Ehepaar Höschel hatte sich in jungen Jahren übrigens bei den Pfeifferschen Stiftungen in Magdeburg kennengelernt, wo er als Arzt und sie als Physiotherapeutin arbeitete. Studiert hatte er in Magdeburg. Christina Höschel stammt aus Förderstedt. Ihr Vater, Dr. Putzmann, übergab die Arztpraxis dem Schwiegersohn, der aus dem Erzgebirge stammt. Die Geschichte der Förderstedter Arztpraxis geht bis ins Jahr 1897 zurück.

Vor 34 Jahren, 1985, hatte Dr. Hansgerd Höschel in der traditionsreichen Förderstedter Arztpraxis angefangen. „Das muss man sich mal überlegen“, sagt er über die lange Zeit. „Meine Patienten, die heute 80 Jahre alt sind, waren damals 46 Jahre.“ Er lächelt noch heute über das damalige Ortsgespräch, als der 33-jährige „Jungspund“ als Arzt anfing. „Da haben manche Damen im Ort gerätselt, ob man den so einem jungen Mann gehen könne.“

Dr. Höschel erklärt, der ehemalige Förderstedter Bürgermeister Bodo Messerschmidt und seine damalige Verwaltung haben ihn in der Anfangszeit maßgeblich unterstützt. Schlussendlich kann der fröhliche Doktor sagen: „Ich danke allen, die mir über so viele Jahre die Treue gehalten haben.“

Die neue Freizeit verbringt Dr. Höschel jetzt mit dem Gitarre- und Klavierspielen und Fahrradfahren an der frischen Luft, verrät seine Ehefrau.