Staßfurt l Am Ende war das Eis. Das große Eis, das den doch erhitzten Kindern im Schloss Hohenerxleben bei mehr als tropischen Temperaturen zumindest etwas Linderung und Abkühlung versprach. Wie überall im Land war es am Sonntag auch im Schloss Hohenerxleben heiß. Auch die hohen Wände halfen kaum. Und drinnen im Ahnensaal saßen die sechs Mädchen und ein Junge, die noch mehr schwitzten. Auch vor Aufregung über soviel ungewohntes Rampenlicht, das sich aber jedes einzelne Kind verdient hatte.

Denn – wer hätte das geahnt – in Staßfurt und Umgebung gibt es kleine Literaten, die – vom Kuss der Muse beträufelt – erstaunliche Fantasiegebilde zu Papier tragen können. Seit sechs Jahren schon gibt es am Dr.-Frank-Gymnasium in Staßfurt einen Kurs mit dem Namen „Kreatives Schreiben“. Am Sonntag war der große Tag. Die „Vielleicht-mal-bald Schriftsteller“ präsentierten ihre kleinen gesammelten Schätze ihren Eltern und Lehrern. Geleitet wird der Kurs, der natürlich nur einer von zahlreichen im weit gefächertem Angebot ist, von Hubertus von Krosigk vom Schloss-Ensemble.

Immer wieder montags besucht von Krosigk den Kurs, feilt an Texten, gibt Anregungen und fördert Kreativität. Wobei: Richtig einorten muss von Krosigk oft nicht. Was gut ist. „Ich greife nicht viel ein“, sagt er. In der Regel läuft das so: „Ich komme in den Kurs, wir quatschen ein bisschen, ich frage, wo bist du dran“, erzählt von Krosigk. Dann öffnen die Kids die seelische Büchse der Pandora. Sie erzählen vom Schreibstau, weil sie nicht weiter wissen, geben untereinander Tipps und beraten sich. Sie schreiben Enden um. „Ich sitze manchmal mit offenem Mund da“, so von Krosigk.

Die Fantasie macht's

Denn schüchterne Kinder können durchaus ausdrucksstarke Geschichten schreiben. Bestes Beispiel sind die Kinder vom Dr.-Frank-Gymnasium. Hubertus von Krosigk stellte immer die gleiche Frage an die sieben jungen Referenten. „Warum schreibst du?“ Die Achseln wurden gezuckt oder es kam ein „Es macht Spaß. Ich habe einfach angefangen.“

Die Geschichten trugen dann aber Titel wie „Die große Chance“ oder „Harper, Emmy und die Lichtsignale“. Eine sehr bildhafte Geschichte stellte beispielsweise die zwölfjährige Angelia vor. Sie berichtete davon, wie ihr Protagonist seine Familie in Glasgow zurücklässt, nach London zieht, dort durch Pubs und verregnete Straßen zieht und als Filmproduzent arbeiten will. „Ich habe Angelia gefragt, ob sie schon mal dort war“, sagt von Krosigk. Aber nein, war sie nicht. Die Fantasie macht‘s! „Ich schreibe seit zwei bis drei Jahren“, sagt Angelia. Sie liest viel Fantasy, auch Harry Potter oder Bücher von J.R.R. Tolkien. Das regt an. „Am Stil wird da gar nicht viel geändert“, sagt sie. Es ist gut so wie es ist.

Der Kurs findet immer montags von 12 bis 14 Uhr statt. „Es ist ein integrativer Kurs“, sagt Heike Lenz, stellvertretende Schulleiterin. Heißt also: Der Kurs ist fester Bestandteil des Unterrichtsplans und findet nicht außerhalb der Schulzeiten statt. „Das hat sich bewährt. Das Schloss Hohenerxleben ist ein guter Kooperationspartner. Hubertus von Krosigk schafft eine gute Atmosphäre“, freut sich Lenz.

Immer sind es dabei Fünft- und Sechstklässer, die sich dem Kurs anschließen. Zwölf Schüler gibt es aus der sechsten Klasse in diesem Schuljahr, fünf aus der fünften Klasse. Daneben gibt es aber auch andere Kurse, in denen die Macher von morgen musisch, sportlich, künstlerisch oder wissenschaftlich aufgehen können. „Es geht darum, Neigungen zu fördern“, erklärt Heike Lenz.

Mehr Mädchen

Was auffällig ist: Die Geschlechterwaage ist gekippt. Viel mehr Mädchen waren auch am Sonntag bei der öffentlichen Lesung dabei. Zufall? Nein. Es wird immer wieder vorkommen, dass Tai Eric als Einzelkämpfer voranschreitet. „Schon Mädchen haben Probleme, ihre Gefühle auszudrücken“, sagt Hubertus von Krosigk. Bei Jungs ist das noch ausgeprägter. Sie chiffrieren noch mehr, verheddern sich noch mehr. „Sie schreiben kryptischer“, drückt es von Krosigk aus. Oder sie lassen es ganz.

Die aber, die sich trauen, werden zu kleinen starken Persönlichkeiten herangezogen. „Sie trauen sich mehr, für die Kinder ist das Schreiben wie ein Kanal. Es macht etwas mit ihnen, es entstehen Freundschaften“, meint Hubertus von Krosigk. „Ich bin dankbar für den Rahmen. Das Gymnasium hat auch immer ein offenes Ohr.“ Und nachdem 2018 die in der Kammerstube verfassten Fantasiestürme erstmals öffentlich ausgelegt waren, gab es auch nun am Sonntag beim zweiten Durchlauf einer öffentlichen Lesung ständige Applausstürme. Völlig zu Recht. Kinder haben keine Fantasie mehr? Stimmt nicht. Wirklich nicht.