Hecklingen l Groß ist der Beutel. Walter Richter hat ihn von der Bushaltestelle bis zur Kirche getragen. Zwei Blöcke sind darin und sie liegen schon auf dem kleinen Tisch. Holländische Touristen schauen sich das Gotteshaus gerade sichtlich begeistert an. Sie haben das Glück, den Maler anzutreffen, der all die derzeit in der Kirche ausgestellten Werke gezeichnet hat. Die Niederländer haben mit ihm eine Foto aufgenommen und gesprochen. Jetzt verabschieden sie sich.

Walter Richter greift in seine Hosentasche. Zwei Druckbleistifte, ein Stück Kreide hat er immer dabei; zwei Blöcke sind aus dem Beutel schon ausgepackt. Skizzen sind zu sehen. Viele Porträts, Menschen, mal nachdenklich, mal lachend. Zufällige Begegnungen stecken dahinter.

Wer malt, beobachtet ganz genau - Zu dieser Erkenntnis muss derjenige kommen, der die Bilder sieht. Sie stecken voller Details: manchmal mit Feder extra herausgearbeitet. Oft offenbart ein Bild die versteckte Schönheit der Realität, wer genau hinschaut, erkennt vieles, das eigentlich verborgen bleibt, wenn es etwa in der Hektik des Alltags flüchtig wahrgenommen wird. Walter Richter zeichnet in Bus und Bahn, in der Natur oder in der Stadt. Hecklingen gehört dabei zu seinen Lieblingsplätzen.

Bilder

Ortsansichten mit den typischen zwei Kirchturmspitzen haben den Maler immer wieder inspiriert. Der dörfliche Charakter sei es, der ihn immer wieder fasziniere, erklärt er seine Freude daran, neue andere interessante Standorte zu entdecken.

Walter Richter malt nicht von Fotos ab. Ein Motiv von der Straße mit der Kamera ins Wohnzimmer zu bringen, um es danach zu zeichnen, kommt und kam für ihn nie in Frage.

Skizzen

Er skizziert vor Ort, das, worauf es für ihn ankommt. Er kehrt zu seinem „Blickwinkel“ immer wieder zurück, dann auch mit Farben, bis das Bild fertig ist. Die Echtheit und das Original, so wie es tatsächlich aussieht, sei für ihn nur auf diesem Weg zu finden, erzählt er.

In Hecklingen hat ihn im Laufe der Jahre auch der Weinbergsgrund immer wieder in seinen Bann gezogen.

Die Natur biete dort so viele unzählige Schönheiten zu jeder Jahreszeit, kommt er ins Schwärmen, wenn er von dem Schutzgebiet, seinen alten Streuobstwiesen, der Fauna und Flora dort berichtet. Zu einer Position und ihrem Blick gehören im Wechsel der Jahreszeiten etwa vier Werke. „Einmal hat meine Frau gesagt, dass mein Bild glänzt, weil es eingefroren ist“, lacht Walter Richter als er sich daran erinnert, dass die Aquarellfarbe auf dem Papier bei klirrender Kälte zu Eis wurde.

Noch immer ist der 88-Jährige fast jeden Tag draußen in der Natur, eineinhalb Stunden sind das Minimum. „Ich sehe so viel, so viele Kleinigkeiten, die so schön sind, ein Hornveilchen beispielsweise, wer sieht das schon, es ist ja so klein“, kommt Walter Richter ins Schwärmen. Er hat in seinem Leben nichts anderes machen wollen. Schon als Zehnjähriger wusste er, wohin sein Weg führt.

„Ich wollte eigentlich Glasmaler werden.“ Damals sei sein Ausbildungsplatz in einer Glasmalerei schon so gut wie sicher gewesen. Dann musste Richter nach Ende des Krieges die alte Heimat und das Sudetenland verlassen. Er wurde trotzdem Maler, lernte in Magdeburg, besuchte eine Zeichenschule. Seine Bilder waren schon auf 77 Ausstellungen zu sehen, Werke wurden im In- und Ausland gezeigt.

In der früheren DDR zeichnete er sogar Werbeplakate und Nummernschilder für Motorräder, er gestaltete schon Decken und Wände. Walter Richter war Gerichtszeichner. Er hat schon Druckgrafiken gestaltet und Karikaturen gezeichnet. Im Moment malt er am liebsten mit Aquarell-, Acryl- oder Ölfarben oder Bleistift. Die Hecklinger Basilika ist auf einem der Skizzenblöcke aus dem großen Beutel nicht nur einmal zu sehen. „Schauen Sie, hier kann man die Konturen nachziehen“, sagt der Maler.

Für den Laien sieht es so aus, als würde er wahllos ein paar Linien zeichnen. Er nimmt die Kreide dazu, wischt darüber und plötzlich gewinnt der Kirchturm an Raum und sieht so aus, als wäre er echt.