Staßfurt/Schönebeck l Behörden geraten naturgemäß selten in Aufruhr. Panikmache scheuen sie wie der Teufel das Weihwasser. Weil sie freilich bei allen Problemen an sachlichen Lösungstendenzen interessiert sind. Da verbietet sich quasi automatisch ein scharfer Ton.

Es ist also bemerkenswert, wenn der Salzlandkreis eine Pressemitteilung herausschickt, in der es am Anfang heißt: „Der Ärztemangel in der Kreisverwaltung spitzt sich weiter zu. Eine weitere Ärztin hat ihre Kündigung eingereicht.“ Das klingt wie ein alarmierender Hilferuf und tatsächlich ein wenig nach Panik. Ende September scheidet eine Ärztin aus dem Dienst im Landkreis aus, die aus persönlichen Gründen gekündigt hat. Dann bleibt nur noch eine festangestellte Ärztin, um die anfallenden Aufgaben zu bewältigen. „Unterstützt wird die verbliebene Ärztin dann lediglich von zwei Honorarärzten, die dem Landkreis allerdings nur wenige Stunden pro Woche zur Verfügung stehen“, teilt der Salzlandkreis mit.

Im Gegensatz zu niedergelassenen Ärzten sind Amtsärzte im öffentlichen Dienst angestellt und verpflichten sich für den Landkreis, um zahlreiche Aufgaben zu übernehmen. „Dazu gehört längst nicht nur die Schuleingangsuntersuchung, die noch bis August andauern soll. Durchgeführt werden jährlich 800 bis 1000 Begutachtungen für die Fachdienste Jugend und Familie, Soziales sowie auch für den Fachdienst Kreis- und Wirtschaftsentwicklung, der für den Schülerverkehr zuständig ist“, heißt es vom Kreis. „Hinzu kommen laut Gesetz auch Aufsichts- und Beratungsfunktionen sowie die schulärztliche Reihenuntersuchung.“ Seit September 2018 versucht der Landkreis zwei Stellen zu besetzen. Um die Arbeit abzusichern, ist eine Zusammenarbeit mit den Kliniken geplant.

Weniger Geld für Amtsärzte

Doch warum ist es so schwer, diese Stellen zu besetzen? Ist es das Geld? Ärzte im öffentlichen Dienst verdienen weniger als Mediziner in den Praxen oder Krankenhäusern. Dazu gibt es aber auch einen generellen Ärztemangel. Nicht nur im öffentlichen Dienst. Auch in den Krankenhäusern. „In den Ameos-Klinika im Salzlandkreis ist die Zahl der Ärzte in den letzten Jahren weitgehend stabil“, erklärt Alexa von Dossow, Regionalleiterin Kommunikation bei Ameos. „Derzeit haben wir keine Vakanzen bei den Chefarztpositionen.“ Übliche Fluktuationen hätten bislang ausgeglichen und damit die qualifizierte medizinische Versorgung unserer Patienten sichergestellt werden können. „Dennoch gestaltet sich die Suche nach geeignetem ärztlichem Personal zunehmend schwieriger“, räumt sie ein. Weiterbildungen, Unterstützung bei der Karriereentwicklung, Mitarbeitervorteile oder Präsenz auf Karrieremessen gibt Ameos als Maßnahmen an, um dem Trend entgegenzuwirken.

Was hat der Landkreis schon getan? „Ausschreibung der Stellen auf der Internetseite des Landkreises, Anzeigenschaltung in Ärzteblättern, Aushänge“, teilt Fachbereichsleiter Thomas Michling mit. „Die Vermittlung über allgemeine Jobbörsen wurde geprüft, stellt allerdings keine Möglichkeit dar, da insbesondere hoch- qualifizierte Ärzte Stellengesuche anderweitig kommunizieren. Der Landkreis hält allerdings stets Augen und Ohren nach geeigneten Kandidaten offen.“

Eine Ausgliederung der Tätigkeiten als Entspannungsmaßnahme ist hingegen nicht vorgesehen. Weil es auch gesetzlich nicht anders möglich ist. Schließlich haben Amtsärzte auch Aufsichtsfunktionen für zum Beispiel niedergelassene Ärzte, Zahnärzte, Physiotherapeuten, Hebammen oder Heilpraktiker. Ein Stipendium hat sich zwar in Staßfurt für einen angehenden Mediziner als wirkungsvolles Instrument herausgestellt, für den Salzlandkreis ist es aber keine Option. „Stipendien sind gerade vor dem Hintergrund der Haushaltslage aktuell kein Thema beim Landkreis.“

Wer kann noch helfen? Vielleicht die Kassenärztliche Vereinigung (KVSA)? Schließlich hat diese eine Übersicht über die niedergelassenen Ärzte im Land und verteilt die Mediziner auch auf frei werdende Praxen. Allein: Für öffentliche Stellen ist die KVSA nicht zuständig. Daher kann sie dem Salzlandkreis auch nicht die Hand reichen bei der Suche. Ebenso wenig kann sie die Stellen nachbesetzen. „Die Kassenärztliche Vereinigung kann Aufgaben der öffentlichen Gesundheitsverwaltung nicht übernehmen“, erläutert KVSA-Pressesprecher Bernd Franke. „Dies würde am Ende zu Lasten ihrer eigentlichen Aufgabe, der Sicherstellung der ambulanten ärztlichen Versorgung der gesetzlich versicherten Patienten in Sachsen-Anhalt, gehen.“

Kooperation mit Kliniken?

Auch die Idee, dass niedergelassene Ärzte Aufgaben von Amtsärzten übernehmen, muss ein Luftschloss bleiben. Schließlich sind diese zeitlich mit ihren Aufgaben selbst genug eingebunden. Mehr Geld könnte locken, ja. Aber: „Solange die Tarifpartner nicht anerkennen, dass für Fachkräfte wie Ärzte, IT-Spezialisten oder auch Ingenieure flexiblere Lösungen notwendig sind, ändert sich nichts“, sagt Thomas Michling. Bleibt nur eine engere Zusammenarbeit mit den Kliniken. „Selbstverständlich sind wir gern gesprächsbereit, wenn der Landkreis mit der Anfrage um Unterstützung der amtsärztlichen Thematik auf uns zukommt, dies ist allerdings bislang noch nicht erfolgt“, so Alexa von Dossow von den Ameos-Klinika.

Immerhin: Die notwendigen Untersuchungen der Kinder durch die Amtsärztin sollen trotz Personalmangel termingerecht stattfinden. Die körperliche und geistige Entwicklung wird geprüft, durchgeführte Impfungen werden kontrolliert. Schuleingangsuntersuchungen sind vor allem für Kinder wichtig, die nicht regelmäßig beim Hausarzt untersucht werden. Ausfallende Untersuchungen könnten sich zudem nachteilig bei Frühförderung oder Integrationsförderung auswirken. Ganz klar: Es braucht also Amtsärzte.