Staßfurt l Wer mit offenen Augen durch Staßfurt geht, sieht sie immer wieder. Leerstehende Häuser, ganze Eingänge, vor denen kein Auto mehr parkt. Und ganze Straßenzüge, in denen der Sanierungsstau an den heruntergekommenen Häusern gewaltig ist. Zum Beispiel in Leopoldshall. Auch 30 Jahre nach der Wiedervereinigung ist der Wohnstandort Staßfurt nicht immer attraktiv.

Auf der anderen Seite ist natürlich auch viel passiert. In der Innenstadt rund um die Steinstraße, im Viertel rund um Prinzenberg und Schäfereiberg oder rund um den Königsplatz nördlich der Bode lässt es sich mittlerweile schön wohnen. Die Straßen sind gemacht, die Gründerzeithäuser saniert. Schlägt sich das in den Mieten nieder?

Im Auftrag des MDR hatte das Hamburger Forschungsinstitut F+B GmbH 46 Städte in Mitteldeutschland mit mehr als 25 000 Einwohnern unter die Lupe genommen. Untersucht wurde die Angebotsmiete für eine zehn Jahre alte, 75 Quadratmeter große Wohnung mit normaler Ausstattung. Und von diesen 46 Städten ist die Miete in Staßfurt am stärksten angestiegen. Lag die Durchschnittsmiete Anfang 2015 noch bei 4,20 Euro Kaltmiete pro Quadratmeter im Monat, so lag sie Anfang dieses Jahres nun bei 4,70 Euro. Das ergibt eine Steigerung von 11,9 Prozent. Die Preisspanne liege in diesem Jahr zwischen 3,40 und 6,30 Euro Kaltmiete.

Niedrigster Ausgangswert in Staßfurt

Zu beachten ist aber: Von allen untersuchten Städten hatte Staßfurt mit 4,20 Euro den geringsten Ausgangswert. Nirgends konnte man 2015 billiger wohnen. Mit 4,70 Euro in 2020 liegt Staßfurt auch hinter vergleichbaren Kommunen im Salzlandkreis wie Schönebeck (5,10 Euro), Aschersleben (5 Euro) oder Bernburg (5,20 Euro). Aber ja, es ist zu erkennen, dass die Mieten in Staßfurt steigen.

Die Wohnungsbaugenossenschaft zu Staßfurt eG (WBG) erklärt sich das so: „Den vergangenen Anstieg bei den Mieten von anderen Vermietern in Staßfurt, den Sie uns dargelegt haben, erklären wir uns mit dem hohen Mietsteigerungspotential, welches ausgehend von vergleichsweise sehr niedrigen Mieten genutzt worden ist“, sagt WBG-Vorstandsvorsitzender Hagen Ringström.

Gleichwohl würde die WBG kaum Mieten erhöhen. „Wir sind stolz darauf, seit dem Jahre 2008 kaum (nur bei fünf Häusern) Vergleichsmieterhöhungen durchgeführt zu haben und auch das nur im sehr moderaten Rahmen. Die Spitzenmieten liegen für diese fünf Häuser danach bei 4,23 Euro kalt pro Quadratmeter Wohnfläche im Monat.“ Weil es aber Kostensteigerungen im Baubereich von fünf Prozent gibt, schließt er zukünftig Vergleichsmieterhöhungen nicht aus.

Die WBG bietet Wohnungen zwischen 30 und 120 Quadratmetern an. „Die durchschnittliche Nettokaltmiete unserer Genossenschaft erhöhte sich – bedingt durch Wohnungswechsel und Modernisierungen – von 4,16 Euro pro Quadratmeter im Monat im Jahre 2015 auf 4,26 Euro pro Quadratmeter im Monat im Jahre 2019“, berichtet Ringström. Damit seien die Mieten um durchschnittlich 2,5 Prozent gestiegen. Die maximale Wohnungsmiete liege bei 5,96 Euro.

Die Wohnungs- und Baugesellschaft mbH (Wobau) muss die Mieten ebenfalls anheben. Was ununmgänglich wäre. „Die Bestände werden kontinuierlich modernisiert. Damit steigen die Mieten“, erklärt Geschäftsführer Ralf Klar. Derzeit liegen die Mieten bei der Wobau bei 4,90 Euro pro Quadratmeter. Die Wobau kämpft dabei vor allem mit dem Leerstand, der derzeit bei 27 Prozent liegt. Und damit laut Klar deutlich über dem Leerstand in Schönebeck, Bernburg oder Aschersleben. In Aschersleben liege er bei vier Prozent. „Wir haben viele Wohnungen abgerissen und damit Wohnungen vom Markt genommen, die preiswert sind. Dadurch steigt die Durchschnittsmiete“, erklärt Klar. 360 Wohneinheiten wurden in den letzten fünf Jahren abgerissen. Zudem seien allein in den letzten drei Jahren 8,5 Millionen Euro investiert worden. Auch das zieht den Preis nach oben.

Prozentuale Belastung steigt

Peter Kaufmann, Vorsitzender des Deutschen Mieterbundes Bernburg und Staßfurt, kritisiert die Untersuchungen der F+B GmbH. „Das ist nicht aussagekräftig“, sagt er. „Die Firma hat Annoncen in Tageszeitungen untersucht. Da waren vielleicht Wohnungen dabei, die die Vermieter nicht losgeworden sind.“ Für eine 75 Quadratmeter große Wohnung in Staßfurt liegen laut Kaufmann die Mietspannen zwischen 3,4 und 8 Euro, die Durchschnittsmiete bei 5,10 bis 5,20 Euro. „Seit 2015 gab es eine zwei bis dreiprozentige Steigerung“, sagt Kaufmann. 2019 wären die fünf Euro überschritten worden.

Was Kaufmann vor allem Sorge bereitet, ist die zunehmende Belastung der Mieter. „Mieter in Staßfurt geben deutlich über 30 Prozent ihres Einkommens für die Miete aus. Bei Rentnern sind es 40 Prozent, bei alleinstehenden Rentnern sogar 45 Prozent. Wer Gutverdiener ist, gibt aber nur 20 Prozent seines Einkommens für die Miete aus. Das ist sozial ungerecht.“

Preis hängt von Nachfrage ab

Die prozentuale Belastung würde dabei immer mehr steigen. „1994 waren noch 24 Prozent vertretbar, 2010 wurden dann die 30 Prozent überschritten“, so Kaufmann. Derzeit liege die Belastung bei 33 Prozent. Zwischen 2005 und 2012 habe es dabei fast gar keine Mieterhöhungen gegeben. „Mittlerweile gibt es aber auch Erhöhungen im Altbestand ohne Sanierungen“, sagt Kaufmann. Nicht nur private Vermieter würden dabei an der Schraube drehen. „Auch Genossen- und Gesellschaften erhöhen Mieten bis zu acht Prozent und mehr. Vermieter haben eine gewaltige Lobby.“ Erhöhungen bis zu 20 Prozent sind dabei erlaubt, wenn der Vermieter eine höhere Vergleichsmiete beweisen kann. Ungefähr die Hälfte der Wohnungen sind dabei privat vermietete Wohnungen. Die andere Hälfte wird von Wobau, WBG und Umland Wohnungsbau GmbH Egeln vermietet.

Trotz der steigenden Mieten ist Staßfurt aber noch immer ein vergleichsweise günstiges Pflaster. Das wird laut Wobau auch so bleiben. „Die Mieten werden nicht exorbitant steigen“, sagt Ralf Klar. „Der Preis hängt auch immer von der Nachfrage ab.“ Die Wobau habe dabei auch einen sozialen Auftrag. „Wir haben sozialen Wohnungsraum vorzuhalten und versuchen sozial zu denken“, erklärt Ralf Klar.

Ähnlich sieht das die WBG. „Staßfurt - auch unsere Genossenschaft - hat immer noch vergleichbar geringe Mieten, muss jedoch in angemessenem Maße die bestehenden Mietsteigerungspotentiale sozialverträglich nutzen, um auch zukünftig wirtschaftlich erfolgreich arbeiten zu können“, teilt Hagen Ringström mit. „Unsere Wohnungsbaugenossenschaft nimmt nur die Mieten, die sie für den wirtschaftlichen Betrieb und die Zukunftssicherung benötigt.“