Staßfurt l Die Ruhe nach dem digitalen Sturm genießt Adelheid Nikula zuweilen in vollen Zügen. Dann lächelt sie, entspannt sich und besinnt sich auf das, was wirklich wichtig ist. Wenn die Staßfurterin ihr Handy ausmacht, taucht sie ab in eine Zeit ohne Stress und Hetzerei. In eine Zeit, in der der Moment mehr zählt als der Terminkalender. Bis zu zwei Stunden macht sie schon mal am Tag ihr Handy aus. „Alles kann warten“, sagt sie. Da stellt sich dann schon mal so ein Aha-Effekt ein.

Adelheid Nikula, eine freundliche Frau mit braunen mittellangen Haaren, die einem beim Gespräch in die Augen guckt und auch schon mal nach dem Wohlbefinden des Gegenübers fragt, ruht in sich selbst. Auch, weil sie seit einigen Jahren versucht, minimalistisch zu leben. Doch was heißt das eigentlich? Was macht das aus? Es ist ein Lebensstil, eine Lebenseinstellung, die breit gefächert ist in vielen Facetten. Am Ende der Aktionskette steht im besten Fall das Wohlbefinden.

Bewusst mit dem Thema befasst hatte sich Nikula erstmals vor einigen Jahren bei einer Wohnungsauflösung im Bekanntenkreis. „Die Möbel waren zu schade zum Wegwerfen“, erzählt Nikula. Wohin damit? Es wurde Kontakt hergestellt zum Jugendfreizeittreff „Glashaus“. Jugendliche, die ihre erste eigene Wohnung bezogen haben, konnten diese Möbel weiter nutzen.

Dieser Nachhaltigkeitsgedanke beeindruckte Nikula und spornte weiter dazu an, sich auch im eigenen Alltag frei vom Ballast zu machen und dabei zwei Fliegen mit einer Klappe zu schlagen, indem die Sachen weitergenutzt werden.

Seit Jahren ungelesene Bücher? Sind zu schade, wenn sie ungenutzt im Schrank stehen. Ein Teil von Nikulas Büchern fand in der Patientenbibliothek im Staßfurter Ameos-Klinikum und in der Staßfurter Urania dankbare Abnehmer. „Das ist mir teilweise schwer gefallen. Da hängen Geschichten und Erinnerungen dran“, sagt Nikula.

Auch von Kleidung und Haushaltsgegenständen trennte sich Nikula und verschenkte diese an Bedürftige. „Der Mensch bunkert zu viele Dinge aus Angst vor Notlagen, kauft oft viel zu viel ein, mehr als er benötigt. Man schafft es nicht jeden Tag, bewusster zu leben. Aber eine kleine Geste reicht manchmal. Man kommt immer im Leben an Kreuzungen, wo man sich für einen Weg entscheiden muss“, erklärt Nikula. Ab und zu ist es sinnvoll, den schwierigeren Weg zu nehmen, der aber belohnt wird. Für Adelheid Nikula ist die Nachhaltigkeit eine süße Belohnung. Und manchmal reicht es ihr auch im ganz Kleinen, der Kassiererin im Supermarkt ein Lächeln abzuringen. „Es ist wichtig, sich selbst nicht so ernst zu nehmen“, sagt Nikula.

Freiraum schafft sie aber auch im privaten Bereich. So hatte sie sich regalweise von Unterlagen getrennt, die nicht mehr gebraucht werden. „Im Bekanntenkreis gab es dankbare Abnehmer für die Ordner und Folien“, so Nikula.„Das sind kleine Beispiele.“ Die aber jeden Tag und Stück für Stück für mehr Empathie und eine Erweiterung des mentalen Horizonts sorgen. „Man sollte immer nachdenken, was man so im Leben eigentlich braucht“, sagt Nikula.

Das gilt auch im Urlaub. Braucht es wirklich einen großen Koffer mit Übergepäck? „Ich bin jetzt schon mehrmals nur mit Handgepäck in den Urlaub gefahren“, erklärt Nikula. „So spare ich Zeit und Geld.“ Denn das Auspacken geht deutlich fixer. „Wie oft hat ein jeder schon festgestellt, dass er viel zu viel im Koffer hatte, was gar nicht gebraucht wurde.“ Und den Koffer am Flughafen muss sie nun nicht für teures Geld extra aufgeben.

„Es ist erstaunlich, wie wenig man braucht. Ich habe mir zum Ziel gesetzt, das noch mehr zu rationalisieren. Das steckt auch andere an“, sagt Nikula. „Am Anfang fällt es schwer, sich von Dingen zu trennen. Doch es kann eine große Erleichterung sein.“

Wenn Besitz zur Last wird, diese philosophische These findet immer mehr Anklang. So gibt es im Internet Ratgeber, wie man sich vom Gerümpel des Alltags befreien und wie ein Koffer minimalistisch gepackt werden kann oder Anziehsachen optimal verpackt werden können. Unter dem Thema „Mit Minimalismus Zeit sparen?“ hatte auch Nikula im März 2018 in der Urania eine Gesprächsrunde geleitet.

„Ich handele minimalistisch, mache das aber nie bewusst. Es geht immer um Problemlösungen und darum ein System zu finden, im Leben zurechtzukommen und Freiräume und Zeit zu schaffen für andere Dinge.“ Adelheid Nikula kann Menschen nicht besser machen. Aber ein Werkzeug in die Hände legen, das will sie versuchen. „Ich kann die Angel geben, aber angeln müssen sie alleine.“