Staßfurt l Bennet wird ein bisschen frech. Als einziger Junge nimmt sich der Zwölfjährige unter den ganzen Mädchen ganz schön was raus. Schüchtern ist er freilich nicht. Kim boxt ihn dann gegen die Schulter und lacht. Auf der anderen Seite reden Nele und Melinda dazwischen. Die stille Cora lächelt dabei einfach.

Es ist ein ganz schön wilder Haufen, der da in der „Bunten Insel“ in der Steinstraße 49b in Staßfurt vor sich hintobt. Während draußen bei frühlingshaften Temperaturen schon Schneeglöckchen blühen, sitzen fünf Kinder hinter der offenen Tür und basteln Visitenkärtchen. Da wird gemalt in verschiedenen Farben und gebastelt. Das dient der Vorbereitung auf Sonntag. Dann werden Kinder aus Staßfurt und Nienburg nach Berlin reisen. Da stellen die Kids ihr Projekt bei der „Grünen Woche“ vor.

Kreativer Kopf

Integration und Inklusion treiben bei der Kreativwerkstatt „Bunte Insel“ neue Blüten. Wer stehen bleibt, geht unter. Und wer sich auf bisher Geleistetem ausruht, hat den Anschluss schon verloren. Leiterin Nikoline F. Kruse ist eine Querdenkerin, die mit kreativem Kopf in großen Zusammenhängen denkt und als gebürtige Berlinerin längst das kleine Staßfurt im Herzen trägt.

Eine neue Idee nimmt Formen an. Zusammen mit acht wilden und ebenso kreativen Kindern von acht bis zwölf Jahren stellt Kruse ein Kindercafé auf die Beine. Ein Café also, in dem Kinder selbst hinterm Tresen stehen. Nikoline F. Kruse schaut nicht zu, wenn Kinder mit ihrer Freizeit nichts anzufangen wissen und entwickelt Projekte, die beweisen, dass Heranwachsende in unserer Zeit nicht fantasielos und träge sind. „Es gibt so viel Potenzial bei Kindern“, sagt Kruse. „Das wird gar nicht ausgeschöpft.“ Sie runzelt bei solchen Sätzen ihre Stirn, die Lippen presst sie fest zusammen. Ganz so, als würde in ihrem Kopf schon wieder die nächste Idee entstehen.

Wie kam es zum Kindercafé? Was hat es damit auf sich? Seinen Anfang hat das Café im Sommer 2019 genommen. Kruse ist es wichtig zu betonen, dass die Idee nicht von ihr kam, sondern den Kindern selbst. Usprünglich sollte die „Bunte Insel“ einmal Räumlichkeiten im Soziokulturellen Zentrum „Kaiserhof“ an der Bode bekommen. Nikoline F. Kruse fragte ihre Kinder: „Was wollen wir da machen?“ Einer schlug vor, man könne Graffiti gestalten. Weitere Ideen folgten, bis ein Kind vorschlug, ein Kindercafé auf die Beine zu stellen. Ein Café also, in das Kinder Menschen allen Alters einladen. „Das ist eine überaus integrative und inklusive Idee“, sagt Kruse. Es spielt keine Rolle, welches Geschlecht, welche Hautfarbe, welche Nationalität ein Mensch hat. Genauso wenig spielt es eine Rolle, ob der Gast beeinträchtigt oder nicht beeinträchtigt ist. Es ist eine Völker und Menschen verbindende Idee, die für Toleranz und Weltoffenheit wirbt.

Erste Planungstreffen

Nachdem die Gespräche bei der Ansiedlung im Soziokulturellen Zentrum im Sande verlaufen waren und die „Bunte Insel“ sich stattdessen in der Innenstadt eine kuschelig kreative Wohlfühloase eingerichtet hatte, begannen im September 2019 die ersten Planungstreffen. „Zwischendurch gab es aber Leerlauf“, so Kruse. Die Kinder, die ursprünglich die Idee für das Café hatten, wollten nicht mehr mitmachen. Es kamen aber neue dazu, die Idee wuchs. Mit Geldern aus dem Förderprogramm „Demokratie leben!“, vom Rotaryclub Staßfurt oder dem Preisgeld aus dem Ideenwettbewerb „Machen! 2019“ ging Nikoline F. Kruse mit ihren Kindern auf Shoppingtour.

Erst einmal sollen 58 Quadratmeter in der Steinstraße als Domizil für das Kindercafé herhalten. „Es wird eine Doppelnutzung geben“, sagt Kruse. Weiterhin wird es wöchentlich kreative Kurse geben.

In der „Bunten Insel“ werden Stühle und Möbel verrückt. Hängeschränke sind angebracht im knalligen Orange. Der Tresen wurde zusammen gezimmert. Es wird neue Tischdecken geben, Vorhänge. Für eine gemütliche Atmosphäre hat Kruse zusammen mit den Kindern eingekauft. Ein Logo wird entwickelt, im Schloss-Restaurant in Hohenerxleben werden die Kinder lernen, wie man kellnert. Diese sind sich einig: Jeder möchte alles machen. Bedienen, ausschenken. „Wir werden uns abwechseln“, sagt Kim.

Kuchen, selbst gebacken

20 Plätze sollen entstehen. Angeboten werden Kaffee, Kakao, aber auch Kuchen, den die Kinder selbstverständlich im Schloss Hohenerxleben selbst backen werden. Für die Preise wird es einen Richtwert geben. „Aber das ist alles auf Spendenbasis“, sagt Kruse. Mit dem Geld in der Kasse sollen dann auch die gestiegenen Nebenkosten bezahlt werden. Das Ziel ist natürlich, dass sich das alles rechnet. Im Frühjahr soll das Café eröffnet werden.

Ansonsten bleibt die Kreativ-Leiterin entspannt. „Die Dinge wachsen langsam. Das ruckelt sich zurecht“, sagt sie. Am Ende geht es um die Kinder. „Diese sollen Lust auf Begegnung haben. Kinder sind sehr sensibel und wollen nicht bevormundet werden, die wollen einfach machen“, so Kruse. „Und ernst genommen werden.“ Wer selbst gestaltet, steckt Herzblut rein. Also, auf geht‘s: Auf einen Kaffee in die Steinstraße.