Güsten l „Bimm“ und „bamm“ macht das kleine Glöckchen an der langen Leine, das die herkömmliche Klingel an der Tür ersetzt. Im Wind schwingt es lustig hin und her. Und nachdem der helle Ton fast schon verklungen ist, wird es auf einmal unruhig hinter der Tür. Ein Hund bellt, zwei Menschenfüße sind zu hören, die über den Boden schaben. Und dann macht sich jemand an der Tür zu schaffen, die im nächsten Moment aufspringt.

Ein kleiner schlanker Mann öffnet. Ron Brommundt schaut mit Dreitage-Bart heraus. „Ach hallo“, sagt er und fässt sich an die Brille. „Herein, herein.“ Und geht voraus. Die Adresse ist: Untermühle 1 in Güsten. Wer die Amesdorfer Straße in Güsten Richtung Süden nach Amesdorf fährt, kommt erst an gepflegten Einfamilienhäusern vorbei. Danach schließen sich Kleingärten an. Und wenn man denkt, die Welt würde in Güsten nun zu Ende sein, dann steht da auf der linken Seite noch dieses altehrwürdige Gebäude. Die Ruschemühle zeigt hier seit Jahrhunderten Wanderern den Weg von Güsten nach Amesdorf. 1462 wurde die Wassermühle direkt an der Wipper erstmals erwähnt.

Und hinter den historischen Mauern auf riesigem Gelände mit Höfen, mehreren Anbauten und großem Garten wohnt seit Weihnachten 2019 offiziell Ron Brommundt mit seiner Partnerin Sylke Sacher. Wer seit dem Frühjahr 2018 dort vorbeigefahren ist, wird aber auch schon in der Zeit dazwischen Geräusche gehört haben. Es wurde gerarbeitet und gearbeitet. Ron Brommundt ist einer, der anpackt. Das hört man und man sieht es mittlerweile auch.

Großer Reparaturstau

Im Februar 2018 hatte Brommundt zusammen mit seiner Frau die historische Wassermühle gekauft. Er will verständlicherweise nicht sagen, wie viel er ausgegeben hat. Klar ist aber: Der Sanierungsstau ist riesig. Außer einigen Arbeiten am Dach gab es seit Jahrzehnten keine Reparaturen mehr. 2500 Quadratmeter Nutzfläche hat der Bereich, 200 Quadratmeter sind Wohnfläche. Alles steht unter Denkmalschutz. Es gibt riesige Ställe, Anbauten, in denen einst gewohnt wurde. Es ist ein Wahnsinnsprojekt, welchem sich Brommundt und Sylke Sacher da widmen. „Wir waren schon lange auf der Suche nach einem Grundstück“, sagt sie. „Es war nie das Richtige dabei.“ Bis dem Paar die Wassermühle in Güsten vor die Augen kam. Das war Liebe auf den ersten Blick. „Mir war von vornherein klar, dass das kein Zuckerschlecken wird“, erzählt Brommundt. Aber er fand den Standort „sehr lebenswert“.

Natürlich ist das so. Gleich hinter der Mühle schwappt die kleine Wipper fröhlich vor sich hin. Nachbarn gibt es keine. Wenn nicht gerade der Traktor über die staubtrockenen Felder pflügt, ist es ruhig und idyllisch. Am Anfang – als die Mühle noch nicht bewohnbar war – war das Paar mit Wohnwagen vor Ort. So konnte Ron Brommundt werkeln, ohne weite Anfahrtwege zu haben. Denn er kommt aus dem Raum Magdeburg, seine Partnerin aus Staßfurt.

Und ja, es war viel zu tun. Es ist viel zu tun. Und es ist nicht mal ansatzweise ein Ende in Sicht. Einfache Beispiele sind Wasser und Elektrik. Das Wasser fließt jetzt sauber aus dem Hahn, aber der Weg dahin war beschwerlich. Denn Wasserleitungen gab es nicht, als Brommundt und Sacher die Mühle kauften. Die Leitungen hören ein paar Hundert weiter nördlich des Ortes auf, wenn das letzte Haus an der Straße grüßt. Die Vorbesitzer erledigten ihre Notdurft auf einem Plumpsklo. Das Abwasser lief in die Wipper.

Moderner Wasseranschluss

Es folgte ein monatelanger Austausch mit dem Abwasserzeckverband, wie ein moderner Wasseranschluss hergestellt werden kann. Eine Leitung zum Haus war nicht möglich. Die fünfstelligen Kosten selbst übernehmen wollte das Paar nicht. Jetzt gibt es auf dem Hof eine biologische Kläranlage. Das Wasser kommt aus dem Brunnen. Es wurden verschiedene Bohrversuche gemacht. Mehrere Versuche brauchte es. „Seit April ist die Trinkwasserqualität ok“, sagt Brommundt. „Das hat viele Nerven gekostet. Wir haben es uns leichter vorgestellt. Und die Arbeit wird nicht weniger.“ Bei der Elektrik gab es bereits einen Hausanschlusskasten. Aber alle Leitungen waren uralt, mussten neu verlegt werden. Auch im Innenbereich der Mühle musste fleißig Hand angelegt werden, damit der Bereich bewohnbar wird.

Der Umbau der Mühle ist die eine Baustelle. Die Mühle soll aber nicht nur ein Wohnort sein. Was hat Ron Brommundt vor? „Das Ziel ist es, dass der Hof sich irgendwann selbst trägt“, sagt er. Die Erlöse sollen also den Hof finanzieren. Brommundt bezeichnet sich selbst als Aussteiger. Seinen alten Job hat er aufgegeben. Seine ganze Kraft, sein ganzer Elan fließt in das Projekt Wippermühle. Auf dem riesigen Hof gibt es Schafe, Katzen, Bienen, Hunde, Kaninchen. „Wir möchten eine große Produktpalette anbieten“, so Brommundt.

Er ist nicht nur Mühlenbesitzer, sondern seit 2014 auch Bioland-Imker. Dabei verkauft er verschiedene Honige. Dazu Öle aus eigener Produktion. „Das hat jetzt angefangen“, sagt Brommundt. „Unser Ansatz ist es, mit Produzenten aus der Region zuzsammenzuarbeiten.“ Raps, Sonnenblumen und Schwarzkümmel werden dabei von Landwirten eingekauft. Weitere Öle sollen noch dazukommen. Die Produkte werden gereinigt und gepresst und in Flaschen und Dosen verkauft als Öl. Es soll also ein Mühlenhof entstehen mit regionalen Produkten – direkt vom Hof.

Regionale Produkte

Schon jetzt gibt es eine übersichtliche Homepage, auf der die verschiedenen Öle und Honige angeboten werden. Hühnereier, Schafswolle, Wiesenheu, Walnüsse, Gurken, Kürbisse und Bohnen können ebenso gekauft werden. Aber das ist natürlich ein Entwicklungsprozess. Und oft ist es auch gar nicht absehbar, wie der Tag so läuft. Es gibt immer etwas zu tun und die Baustelle kommt manchmal unverhofft. Dann zum Beispiel, wenn es die frechen und cleveren Schafe wieder einmal schaffen, aus ihrem umzäunten Bereich auszubrechen. Mit den Mündern öffnen diese schon mal den Verschluss und spazieren dann fröhlich in den Garten. Alle Schafe wieder herauszubringen, ist ein echter Kraftakt. 21 Schafe hatten Ron Brommundt und Sylke Sacher 2018 übernommen. Derzeit gibt es 15 Schafe. Relativ neu angeschafft sind drei Quessantschafe – die kleinste Schafrasse der Welt. Auf diese pflegeleichte Schafrasse will sich das Paar auch in Zukunft konzentrieren.

Früher wurde in der Mühle Korn geschrotet, bis 2016 war sie noch vom alten Müller bewohnt, eine Erbengemeinschaft kümmerte sich danach um das Objekt. Das Wasserrecht ist aber ausgelaufen. Als Mühle wird das weitläufige Objekt wohl nicht mehr genutzt. Sehr wohl aber als Mühlenhof. Auch wenn es dafür noch sehr viel Arbeit braucht. Das zeigt auch ein Blog, den Ron Brommundt und Sylke Sacher betreiben. In einem Art Tagebuch wird da Monat für Monat beschrieben, was aktuell so passiert. „Es gibt immer wieder Brände, wo man löschen muss“, sagt Ron Brommundt. „Man braucht einen langen Atem und muss Gelassenheit aufbringen“, ergänzt Sylke Sacher. Vielleicht auch ein wenig positiv verrückt sein. „Aber wer nicht wagt, der nicht gewinnt.“ Gewissermaßen sei das Projekt russisches Roulette. Jetzt lacht Sacher über das ganze Gesicht.

Aber einig sind sich die beiden: Etwas besseres als der Kauf der Ruschemühle hätte nicht passieren können. Hier gibt es viel Natur. Da tickt die Uhr auch einmal etwas anders. Eigentlich ist Ron Brommundt den ganzen Tag aktiv, solange es hell ist. Er freut sich also auch auf den Winter, wenn es früher dunkel wird. Und ja: Fernsehen gucken die beiden fast nie. „Auch von Corona haben wir nicht viel gemerkt“, sagt Sylke Sacher. Hier ist die Welt eben noch in Ordnung und im Gleichgewicht.