Rathmannsdorf l Kein Lüftchen weht an diesem lauen Sommerabend. Plötzlich, es ist etwa 21 Uhr, bemerken Internatsbewohner des Beruflichen Bildungs- und Rehabilitationszentrums (BBRZ) ein dumpfes Geräusch.

„Es klang, als hätte jemand eine Fuhre Kies abgekippt“, meint ein Betreuer. Er steht mit Auszubildenden fassungslos an einem Fenster im obersten Stockwerk des Schlosses. Sie blicken auf den Riesen, der da halb über der Werkstatt gleich neben dem Eingangstor liegt. Sie beobachten, wie Kameraden der Feuerwehr etwa auf ihrer Höhe beginnen, von der Drehleiter der Staßfurter Feuerwehr aus mit der Kettensäge die obersten Äste abzutragen.

„Wir können nicht den ganzen Stamm zerkleinern“, erklärt Einsatzleiter Thomas Esch. Das Schwert der Kettensäge ist eh nur 50 Zentimeter lang. Der Stamm hat im unteren Bereich einen Durchmesser von schätzungsweise anderthalb Meter. Da muss dieser Tage eine Firma mit speziellem Gerät weiter machen.

Bilder

Etwa zwei Stunden kämpfen die Kettensägen-Männer bis in die Nacht mit den Ästen. Bis man sicher sein kann, dass von dem Baum keine Gefahr mehr für das Umfeld ausgeht, vor allem auch die benachbarte Kindertagesstätte nicht mehr bedroht wird.

Die hatte riesiges Glück. Wie auch die Auszubildenden und Ausbilder des BBRZ. Denn tagsüber ist hier der Hof zwischen den einzelnen Bereichen von der Lehrküche bis zum Gewächshaus immer sehr belebt.

Grundschule

Und dann ist da noch das Gebäude, in dem gerade begonnen wurde, eine Grundschule daraus zu machen. Es befindet sich ebenfalls nur wenige Schritte von der etwa 20 Meter hohen Eiche entfernt. „Das war Glück im Unglück“, ist vielfach an diesem Abend zu hören.

Gar nicht daran zu denken, wenn der Riese während eines der beliebten Weihnachtsmärkte gekippt wäre, womöglich noch in eine andere Richtung.

Die kleine Werkstatt dürfte allerdings so in Mitleidenschaft gezogen sein, dass sie abgerissen werden muss. In dem Gebäude wurden übrigens die Lehrlinge des Bereichs Landschaftsbauer und Gärtner im Umgang mit Kettensägen ausgebildet...

Wie es zu nun dazu kam, dass der Koloss wie von Geisterhand zu Fall gebracht wurde, ist noch unklar. Fakt ist, dass an der Bruchstelle kurz unter Bodenniveau kaum noch intakte Wurzeln zu erkennen sind. Eichen sind Pfahlwurzler, das heißt, ihre „Anker“ reichen im Normalfall je nach Größe des Baums viele Meter tief ins Erdreich. Möglicherweise war dieses Exemplar auch langsam erstickt in den vielen Jahren, seit dem der Bereich rund um den Stamm gepflastert war. Das kleine Beet ringsum reichte offensichtlich nicht aus. Auch die anhaltende Trockenheit könnte eine Rolle gespielt haben.

Rathmannsdorf hat ein Naturdenkmal weniger. Die Eiche an der Einfahrt des Geländes hat die einstige Schlossbesitzerfamilie von Krosigk vermutlich vor etwa 300 Jahren pflanzen lassen. Im Beet am Stamm steckt noch ein Schildchen auf dem steht: „Vergissmeinnicht“.