Staßfurt l Der moralisch wackelnde Zeigefinger kommt ganz schön charmant um die Ecke. Schüler für Schüler schlurft in in der großen Hofpause in den Raum im Erdgeschoss, obwohl draußen die Sonne am wolkenlosen Himmel scheint. Vorn stehen drei Jugendliche, lächeln. Sie wirken ein bisschen aufgeregt, laden aber permanent ein, freuen sich über den Zuspruch für ihre Idee.

Am Dr.-Frank-Gymnasium in Staßfurt gibt es eine frisch gegründete Umwelt-AG. Ins Leben gerufen von den Elftklässlern Nina Kleemann (17), Tom Nebel (16) und Lea Uhde (16). Zur ersten Sitzung letzte Woche sind 19 Kinder und Jugendliche gekommen, gemixt von der fünften Klasse bis zur Oberstufe. Die Fünftklässler gehen nach der Sitzung sogar zu den drei Initiatoren und bringen Vorschläge ein.

„Wir haben uns die Frage gestellt, was wir eigentlich für den Umweltschutz tun“, sagt Tom Nebel. Die Antwort bei Tom Nebel, Nina Kleemann und Lea Uhde war: zu wenig. Viel zu wenig. Auslöser war eine Dokumentation im Ethik-Unterricht von Al Gore, einen bekannten Umweltschützer. „Das hat uns mitgenommen“, so der 16-Jährige. „Tu etwas, sei laut, sende ein Zeichen an die Mächtigen. Kämpfe, als würde deine Welt davon abhängen“, heißt es da zum Beispiel in einem Trailer. Danach herrschte auch bei Lea Uhde „ein schlechtes Gewissen“, wie sie sagt.

Freitagsdemos kritisch

Die beiden suchten den Kontakt zu Nina Kleemann, setzten sich zusammen und wälzten die Gedanken. Bald kamen sie darauf, den ersten Schritt zu machen, diese AG ins Leben zu rufen, die unter dem Namen „enfuturement“ steht – ein Kofferwort aus „environment“ (deutsch: Umwelt) und „future“ (deutsch: Zukunft).

Dabei geht es den drei Schülern nicht darum, die Werbetrommel für Demonstrationen zu rühren. Das hat keine Priorität. „Ich finde, dass ‚Fridays for Future‘ keine gute Idee ist. Man kann auch samstags demonstrieren“, meint Tom Nebel. Nina Kleemann nickt. Sie findet, dass damit zu viel Augenmerk auf das vermeintliche „Schulschwänzen“ gelegt wird. Über die eigentliche Sache würde kaum geredet.

Auch Schüler aus Staßfurt waren einmalig bei so einer Freitags-Demo in Magdeburg bereits dabei. Doch man weiß auch unter den Schülern: Einige waren einfach froh, nicht zur Schule gehen zu müssen. Auch deshalb würden die Aktivisten der Umwelt-AG lieber am Wochenende demonstrieren. Weil dann klar wäre, dass es nur um die Sache geht und nicht um Schulausfall.

Kein Plastik in der Schulmensa?

Die Welt einreißen wollen die drei Schüler mit ihrem Engagement nicht. „Wir sind auch nicht perfekt, wir sollten nicht postrevolutionär denken“, sagt Nina Kleemann in druckreifen Sätzen. Aber ein Anfang soll es sein. Auch in Staßfurt. In der ersten Sitzung wurde die Idee geboren, in der Schulmensa auf Plastik zu verzichten. Ein anderer Schritt wäre auch, den Müll auf dem Schulhof nicht liegen zu lassen oder nicht zu heizen, wenn das Fenster geöffnet ist.

Das Trio versucht auch selbst Vorreiter zu sein. Tom Nebel benutzt in der Schule keine Plastikflaschen mehr. Sein Getränk füllt er in eine Trinkflasche aus Metall, die er immer wieder auswäscht und auffüllt. Und obwohl der 16-Jährige in Hecklingen wohnt, fährt er jeden Tag mit dem Fahrrad zur Schule. Nina Kleemann ist seit zwei Jahren Vegetarierin. Denn auch Fleischverzicht schützt die Umwelt. Eier kriegt die Rathmannsdorferin, die beim Papa wohnt, von einem Hof. „Man kriegt viel Gegenwind, das kann ernüchternd sein. Wir wollen aber einen Rückhalt bieten“, so Nina Kleemann.

Diesen bekommen die Schüler auch von ihren Lehrern. Mit Schulleiter Steffen Schmidt ist die Umwelt-AG freilich abgesprochen, für die Zeit der Sitzung und danach haben die zwei Mädchen und der Junge Freistellungen von den Lehrern bekommen. Unterstützung bekommt Nina Kleemann auch von ihrem Papa. „Er sieht, dass mir das wichtig ist.“ Tom Nebel führt jetzt zu Hause öfter Diskussionen mit seinen Eltern. „Die fragen mich dann, ob manche Dinge nicht übertrieben sind.“ Findet er nicht. „Wir leben in einer Wegwerfgesellschaft. Wir müssen erkennen, dass das falsch ist und dürfen nicht weich denken. Wir können so nicht weiterleben.“ Eine gewisse Radikalität steckt da zwischen den Zeilen.

Allein mit ihrer Angst und ihrem Drang, sich Gedanken zu machen, stehen Tom Nebel, Nina Kleemann und Lea Uhde aber nicht in ihrer Schule. Das zeigen die Rückmeldungen in der ersten Sitzung. „Ich habe die Schnauze voll. Man muss einen Anfang machen“, sagt eine Schülerin. „Ein Gewitter fängt mit einem Regentropfen an.“ Oder wie Nina Kleemann es ausdrückt: „Es ist nicht kurz vor zwölf, es ist um zwölf. Es ist Zeit zu handeln.“