Staßfurt l Hoffnung für naturbelassene Wiesen in Staßfurt. Nachdem sich die Fachgruppe Faunistik und Ökologie Staßfurt in Leserbriefen aufgeregt hatte, dass die Stadtverwaltung eine versuchte Zusammenarbeit einfach ignoriere, freuen sich die Mitglieder jetzt umso mehr über das positive Signal aus der Rathausführung. Oberbürgermeister Sven Wagner erklärte in der Reaktion nämlich, dass das Verschieben von Terminen keine böse Absicht gewesen sei und dass man sich die Ideen sogar gerne anhöre.

„Wir freuen uns außerordentlich, wenn die Stadt für unser Anliegen offen ist“, sagt Christian Bank von der Fachgruppe jetzt. Denn auch sein erster Anlauf, was solche Naturwiesen betrifft, endete negativ: In den Staßfurt-Melder gab er im August 2017 den Wunsch ein, man könnte doch die Wiese am Kreisverkehr an der Liethe weniger oft mähen, um Lebensraum für Schmetterlinge, Bienen und Insekten zu lassen. Dennoch rückte vor einigen Wochen der Rasenmäher an und schnitt alles kurz.

Die Idee

Aber mit dem positiven Signal aus der Stadt klappt es vielleicht in der nächsten Saison. Die Idee: Einige Wiesen im Stadtgebiet, eher am Ortsrand, stehen lassen und so für Artenvielfalt sorgen.

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Die Fachgruppe Faunistik und Ökologie trägt diese Idee schon lange mit sich herum und kann mit Expertenwissen aufwarten. „Wir sind dazu in Kontakt mit der Hochschule Strenzfeld, speziell dem Fachbereich Landwirtschaft, Ökotrophologie und Landschaftsentwicklung. Dort wird erforscht, wie man Grünflächen artenreich bekommen kann“, erzählt Christian Bank. Man hat bereits das Signal erhalten, dass sich die Hochschule über Projekte oder Bachelorarbeiten bei der Umsetzung solcher Ideen gern einklinken würde. Über Förderprogramme zur Biodiversität und Insektenvielfalt können sich Kommune heutzutage auch Rasenmäher anschaffen, die sanft im Sinne von Flora und Fauna arbeiten.

Die Auswahl

Unabhängig von der Begleitung durch die Fachhochschule, will die Fachgruppe selbst aktiv mitmachen: „Wir können uns die Wiesen, die in Frage kommen oder von Bürgern vorgeschlagen werden, vor Ort anschauen“, erklärt Dietmar Spitzenberg von der Fachgruppe. Die Ökologen können dann abschätzen, wie der Boden beschaffen ist, welche Pflanzen und Blumen sich eignen und wie man dezent pflegen kann. Aus einem Projekt in Tübingen, wofür die Stadt mit dem Naturschutzpreis ausgezeichnet wurde und an das sich viele deutsche Städte anhängten, hat man bereits Typen von Wiesen samt Pflegeweise katalogisiert, was ganz einfach zu übernehmen wäre. Auch Wiesen, die mehr dekorativen Charakter als ökologischen Zweck haben, können ein guter Kompromiss für das Stadtbild sein.

Um so eine Naturwiese wachsen zu lassen, reicht ein Mähen zur Löwenzahnblüte, wenn das Gras im Frühjahr anfängt zu wachsen, und dann erst wieder im Spätsommer aus, erklären die Mitglieder der Fachgruppe. Das würde auch dem Stadtpflegebetrieb Arbeit ersparen. Eine Mahd bei Hitze während der Blütezeit aber lasse die Wiesen nur austrocknen und ökologisch mache der englische Rasen überall erst Recht keinen Sinn.

Die Praxis

Die Fachgruppe betont, dass die Sache mit dem Wildwuchs nicht übertrieben werden soll: Mit ein paar Wiesen könnte man das Projekt in Staßfurt anfangen. Größere Wiesen am Ortsrand von Kernstadt oder den Ortsteilen wären ideal. Dass in der Stadt kurzer Rasen angesagt ist, versteht man genauso wie die Verkehrssicherungspflicht. Christian Bank erklärt: „Der Randstreifen zum Beispiel bei Feldern muss kurz sein, sonst verstecken sich dort Tiere, die plötzlich die Straße überqueren.“ Bei neuen Naturwiesen müsse für den Spaziergänger auch ersichtlich sein, dass das hohe Gras einen Sinn hat: „Wenn ich ein Schildchen aufstelle oder nur den Randbereich der Wiese mähe, erkennen die Menschen eine Absicht dahinter.“

Die Fachgruppe jedenfalls freut sich auf die Zusammenarbeit mit der Stadt, ein erster Termin soll bald stattfinden. Der Rückgang an Insekten in Sachsen-Anhalt wird immer offensichtlicher. Christian Bank meint: „Die meisten Leute merken jetzt, dass sie schon lange keinen Schmetterling mehr gesehen haben.“