Staßfurt l Wenn die Glocken der Leopoldshaller Johanniskirche erklingen, schwingt bei Annemarie Wassermann trotz aller Freude darüber auch ein bisschen Wehmut mit. Denn die 19-Jährige ist bisher vor den Gottesdiensten immer in den gut 40 Meter hohen Kirchturm gestiegen und das Geläut per Hand getätigt. Eine wichtige Aufgabe. Denn die Liturgie sieht vor, dass die Glocken den Gottesdienst neben einem Musikstück eröffnen.

Seit dem Wochenende nun werden die drei Glocken im Turm der Johanniskirche elektronisch angetrieben. Ein lang gehegter Wunsch der Gemeinde geht damit in Erfüllung. Die Leopoldshaller Christen haben einen hohen finanziellen Aufwand betrieben, damit sich das Geläut wie von selbst in Gang setzt und nun auch häufiger zu hören ist. Annemarie weiß um die Freude der Gemeinde darüber, ist aber dennoch ein wenig traurig, dass ihr Dienst damit nicht mehr gebraucht wird. „Ich habe das immer sehr gern gemacht, und alle wissen, wenn es läutet, ist das auch ein Stück von mir.“

In die Aufgaben ist die Tochter von Kantorin Birgit Wassermann und Gemeindekirchenratsvorsitzendem Peter Wassermann im wahrsten Wortsinn hineingewachsen. „Mein Vater hat lange die Glocken geläutet, als Kinder sind wir oft mit hinaufgestiegen, um ihm zu helfen.“ Ihre Geschwister haben bald das Interesse an diesem Küsterdienst verloren. Die 19-Jährige war wie eingefangen von der Aufgabe, vom Klang über ihr, von der Dankbarkeit der Gemeindemitglieder darüber, dass es sonntags im Turm nicht still bleibt. Dafür hat sie viel Zeit aufgebracht, auch an besonderen Tagen. Zu Silvester wird in den Kirchen das neue Jahr eingeläutet. Während andere Mitternacht unten auf den Straßen die Raketen steigen ließen und mit einem Gläschen Sekt anstießen, läutete Annemarie die Glocken, 15 Minuten lang. „Zu so einem schönen Moment das Geläut erklingen zu lassen, macht alles andere wett.“

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Jede Glocke brauche im Prinzip einen „eigenen“ Läuter und seine Muskelkraft, damit das Geläut gleichmäßig tönt, berichtet die junge Frau. Das war, so berichtet Annemarie, wenn sie allein gewesen sei, manchmal schon eine große Herausforderung. „Ich habe dann meistens die große Glocke angeläutet, wenn sie schwang, kamen die kleineren dazu. Dann musste nur im Wechsel an den Seilen nachgezogen werden.“ Manchmal hatte die junge Frau Hilfe, Schwester Sophie oder Max aus der Gemeinde zogen mit an den Stricken.

Oft aber war Annemarie allein oben im Turm. Von Höhenangst keine Spur, wenn die 19-Jährige die hölzernen engen Treppen und steilen Leitern bis in den Raum unter der Glockenstube gestiegen ist. „Das hat so viele Jahre gehalten, dass etwas passieren könnte, darüber habe ich mir nie Gedanken gemacht.“

Von besonderen Ereignissen kann Annemarie trotzdem berichten. Anekdoten, die in der Zeit eines so langen Ehrenamtes gar nicht ausbleiben können. „Wenn ich oben im Turm bin, steht unten jemand am Lichtschalter und gibt mir ein Signal, in dem er das Licht an- und ausmacht.“ Dann wisse sie, wann sie anfangen und aufhören müsse. „Einmal hat wohl jemand vergessen, dass ich noch im Turm bin und unten war die Tür wieder verschlossen.“ In der Kirche hatte der Gottesdienst bereits begonnen, als es an der Treppentür klopfte und Annemarie endlich „befreit“ wurde.

Das wird wohl zukünftig nicht mehr passieren. Die Glocken können per Fernbedienung gesteuert werden. Annemarie blickt hoch zum Turm. Sie wollte lange nichts von der Neuerung mitbekommen. „Aus Protest“, sagt sie lächelnd. „Doch einige haben gesagt: Du bist auch nicht für immer in Staßfurt, dann ist es gut, wenn die Glocken trotzdem läuten.“ Mit der Aussicht auf den Studienplatz in Halle weiß die junge Frau, dass sie recht haben. In den Turm will sie trotzdem ab und an hinaufsteigen, nicht mehr der Glocken, aber der guten Aussicht wegen.