Neundorf/Staßfurt l In die Neundorfer Grundschule ist vier Jahre nach ihrer Schließung wieder Leben eingekehrt. Die Staßfurter Uhlandschüler nutzen das Haus für zwei Jahre, weil die eigene Schule am Leopoldshaller Kirchplatz saniert wird. Einige Neundorfer fragen sich, warum die Interimslösung nicht ein Signal für die Wiederbelebung der Schule im Dorf sein kann.

So mancher Neundorfer reibt sich die Augen. Rund um die Schule ist morgens wieder richtig viel los. Dann nämlich, wenn die Busse halten oder Eltern ihre Schützlinge in der Hecklinger Straße absetzen. In einigen Fällen sorgt das für ein wenig morgendlichen Chaos im Dorf. Aber ist gibt auch Eltern, die ganz andere Überlegungen anstellen.

Anfrage

Im Ortschaftsrat richtete ein junger Vater seine Anfrage an die Politiker. Er selbst hätte sich gewünscht, dass seine Kinder im Heimatort eingeschult werden. Aber da gab es die Bildungseinrichtung nicht mehr. Sie wurde zum Schuljahresende 2013/14 geschlossen, weil sie die Vorgaben des Landes Sachsen-Anhalt in punkto Schülerzahlen nicht mehr erfüllte. Es gab noch Initiativen, vor allem aus dem Dorf selbst heraus, die Schuleinzugsbereiche aller Grundschulen im Stadtgebiet zu ändern. Damit hätte man Neundorf Kinder „zuschustern“ können. Doch der Stadtrat stimmte mehrheitlich gegen diese Idee. Auch vor dem Hintergrund, dass in der Kernstadt Schulen perspektivisch saniert werden sollten und für die Beantragung entsprechender Fördermittel der Nachweis über ausreichend Kinder als Prognose abgegeben werden musste.

Warum kann die Neundorfer Schule nicht einfach jetzt wieder geöffnet werden, fragt der Vater im Rat. Die Einschulungsjahrgänge sind dichter als noch vor Jahren. Wenn man Schüler aus Staßfurt künftig Neundorf zuordnen würde, könnte die Schule doch wieder ihre Türen öffnen, so die Gedankenspiele.

Vorgaben

Die Antwort auf diese Frage ist komplex. Viele Entscheidungsträger wirken zusammen. Sachsen-Anhalt mit seinem Landesschulamt sorgt dafür, dass es Lehrer gibt. Die Pädagogen kommen aber nur, wenn genügend Schüler da sind. Die Vorhersagen für Neundorf sehen da alles andere als rosig aus. Schon in den kommenden Jahren wird der Knick zu merken sein, auch wenn jetzt mit 76 Erstklässlern 22 mehr als noch im Vorjahr da sind.

Die Gemeinde, also die Stadt Staßfurt, ist als Schulträger für die materielle Ausstattung zuständig. Selbst, wenn sie die Schule einfach öffne, gäbe es vom Land kein Lehrpersonal.

Stefan Thurmann, Sprecher des Ministeriums für Bildung des Landes Sachsen-Anhalt, gibt Auskunft zu den Zahlen: Da die Grundschule Neundorf durch den zuständigen Schulträger geschlossen worden sei, würde es sich bei der Wiederöffnung formal um eine sogenannte Neugründung handeln. „Gemäß der geltenden Vorgaben können neue Schulen in die Schulentwicklungsplanung aufgenommen werden, wenn der Schulträger für diese mindestens fünf Jahre im Voraus das Erreichen des Zügigkeitsrichtwerts nachweist.“ Es muss mindestens zwei Klassen geben. In ihnen, so der Sprecher weiter, müssten laut Verordnung mindestens 30 Kinder beschult werden. „Eine neu eröffnete Grundschule hat demnach im ersten Jahr mindestens 30, im zweiten Jahr mindestens 60 im dritten Jahr mindestens 90 und im vierten und fünften Jahr mindestens 120 Schülerinnen und Schüler aufzuweisen“, erklärt Stefan Thurmann.

Auf diese Zahlen kommt man nicht, man liegt bis 2024 perspektivisch immer bei unter 50 Schülern.

Schulbezirke

Die Idee, Kinder aus anderen (Staßfurter) Grundschulen nach Neundorf zu schicken, damit die Maßgaben erfüllt werden, trifft wahrscheinlich nur in Neundorf auf Zuspruch. Oberbürgermeister Sven Wagner formuliert das sehr vorsichtig im Ortschaftsrat. „Ich kann mir nicht vorstellen, dass Eltern aus Staßfurt, Löderburg oder Förderstedt Verständnis dafür aufbringen, dass ihre Kinder nach Neundorf fahren, nur damit es hier wieder eine Schule gibt.“

Abgesehen davon müssten die Schuleinzugsbereiche neu geordnet und die Schulentwicklungsplanung der Stadt neu geschrieben werden. Ob das im Rat mit Vertretern aus allen Orten heute eine Mehrheit finden würde, ist fraglich. Hinzu kommt die Schülerbeförderung, die komplett umgekrempelt werden müsste.

Stefan Thurmann wird deutlicher als der Oberbürgermeister: Der Aufwuchs an einer neu gegründeten Schule „muss von unten her“ erfolgen. „Die rückwirkende Zuweisung von Schülerinnen und Schülern, die bereits an einer anderen Schulen eingeschult wurden, an eine neue Schule ist nach Landesschulgesetz nicht möglich ist.“

Im Neundorfer Rat findet die Anfrage dennoch Sympathie. Die Ortschafträte wollen sich wie der Neundorfer Bürger jetzt von der Stadt die Zahlen der Schüler aller Grundschüler aktuell und in den kommenden Jahren zuarbeiten lassen. Eine Übersicht. Ob sie zur Grundlage einer neuerlichen Diskussion über Schuleinzugsbereiche wird, muss sich zeigen.