Staßfurt l Mit Karacho kommt er ins Zirkuszelt geschossen, sitzt sofort auf seinem Podest und ruft seinen Trainer. Charly, der Seelöwe, wirkt riesig und imposant. Aufmerksam verfolgt er die Gestik seines Trainers und streckt seine Zunge heraus. Charly scheint vor Eifer richtig aufgeregt. Bei der Probe am gestrigen Montagvormittag übt der Seelöwe die Tricks, die er ab heute mit seinen beiden tierischen Kollegen auf dem Neumarkt beim „Staßfurter Nikolauszirkus“ präsentieren wird. Alle drei sind echte Profis und haben von 2001 bis 2008 gemeinsam die Hauptfigur in der ZDF-Serie „Hallo Robbie“ dargestellt.

Schwupps ist der Seelöwe wieder im Vorzelt - erstaunlich wie schnell er mit seinem Schaukelgang vorankommt. Mit lautem Rufen versucht er wieder Fisch einzufordern. Sein energisches Verhalten flößt nahezu Respekt ein. „Es sind Raubtiere, das muss man sich immer vor Augen halten“, erzählt sein Trainer und „Herrchen“ Roland Duss. In freier Natur sind die Tiere eben ziemlich rabiat, prügeln sich mit ihren Kontrahenten, verteidigen ihre Truppe und können sich gegenseitig arg verletzen.

Augen immer beim Trainer

Roland Duss geht im Laufschritt vom Vorzelt in Richtung eines riesigen weißen Lkw und eines blauen Wasserbassins. Charly rennt nahezu hinterher, die Augen immer bei seinem Trainer. Denn dort, am Becken, gibt es gleich Fisch. Das weiß Charly ganz genau. „Gefährlich ist das Training mit ihnen nicht, wegen einem Seelöwen war ich noch nie im Krankenhaus.“ Seine Tiere hat er aus Tierparks übernommen oder zuhause gezüchtet und mit der Flasche aufgezogen.

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Charly ist im Nullkommanichts die Treppe zum Becken hochgerobbt und ins Wasser gesprungen. Vielleicht erwartet der Trainer ja ein Kunststück für den Fisch! Dort schwimmen schon seine tierischen Kollegen, Tino und Joe. „Sie lernen wirklich schnell, manche Kunststücke haben sie sofort drauf“, erzählt der Trainer, als er einen Fisch nach dem anderen ins Becken wirft. Wie viele Haustiere kurz vor der Fütterung sind die drei jetzt richtig aufgeregt und schreien laut nach ihrer Belohnung.

Unterwegs mit dem "Seelöwen-Mobil"

Die drei Seelöwen können ihre Zunge herausstrecken, ihr Maul zu einem Lächeln verziehen, mit den Flossen winken, einen Watschelgang imitieren und vieles mehr. „Das erste, was man einem Seelöwen beibringt, ist sich anfassen zu lassen“, erklärt Roland Duss. „Das ist für die meisten Tiere zunächst sehr ungewohnt.“ Genau wie alle anderen Tricks, die die Tiere können, funktioniert das über positive Verstärkung. Sprich schnelle Belohnung durch fischige Leckerlies.

„Wenn ich möchte, dass sie mir die Flosse geben, nehme ich diese in Hand und lobe sie dann“, berichtet er vom Lernen eines Kunststückchens. Beim Lächeln fasst man den Tiere an die Schnute, beim Zunge herausstrecken tippt man die Zunge kurz an. Der Slapstick des Trainers, der zum Beispiel beim Watschelgang vor einem Seelöwen vorangeht, kommt dann erst später hinzu. Erst lernen sie die komische „Gangart“ können, dann läuft der Trainer spiegelverkehrt vor ihnen her, später andersherum und schließlich ergibt sich eine ulkige Nummer, bei der sich der Trainer zum Clown im Seemannskostüm verwandelt.

„Zwei Tage lang waren wir unterwegs“, erzählt Roland Duss. Mit dem „Seelöwen-Wohnmobil“ ist er mit seiner Frau Petra und drei seiner Schützlinge tatsächlich aus Spanien nach Staßfurt gereist. Ihr riesiger Lkw stammt noch aus den Zeiten, als die Familie mit Zirkussen durch ganz Europa tourte. Er hat alles, was die Tiere für ihre Reise brauchen – ein Gehege, ein kleines Becken, eine Fischküche mit Auftauanlage und eine Gefrierabteilung. Zur Zeit schlagen die drei Kerle richtig zu, erzählt Roland Duss. „Acht Kilo sind es am Tag. Wir haben gefrorenen Fisch für einen Monat mitgebracht“.

Gefrorener Fisch für einen Monat

Das Bassin für 15 Tonnen Wasser hatte die Feuerwehr in Staßfurt über Hydranten befüllt. Petra Duss zeigt auf die Aufschrift „The Duss Family“ auf ihrem Lkw. „Unsere Tier gehören für uns zur Familie“, sagt sie.

Das große blaue Becken auf dem Neumarkt hat schon viel Aufmerksamkeit auf sich gezogen. Umgeben von einem Zaun zieht es seit Freitagabend, als der „Nikolauszirkus Probst“ seine Zelte aufgeschlagen hatte, die Passanten an. Immer wieder halten Autofahrer auf dem Weg zur Tankstelle an, zücken ihre Handykamera und machen Fotos von den schwimmenden Seelöwen, wie sie ihren Kopf aus dem Wasser stecken und schnauben.

Ihr Ruf ist seitdem im Stadtzentrum zu hören. „Sie sind sehr kommunikative Tiere“, sagt Roland Duss. Natürlich spielt das Verlangen nach Futter eine große Rolle, wenn sie ihren Trainer zu Gesicht bekommen.

Lange Zirkuskarriere

Nun ist der Futtereimer leer, die Seelöwen ziehen ihre schnellen Kreise im Becken. „Wir waren unser Leben lang mit Zirkussen unterwegs und haben in Spanien super Konditionen für unsere Tiere gefunden“, erklärt Roland Duss. Dort verbringen die Familie mittlerweile ihr Leben.

Engagements fürs Zirkusse wie den Staßfurter sind heute die Ausnahmen. In Spanien arbeitet der Trainer in einem Meerestierpark und erklärt bei Lehr-Shows alles Wissenswerte über die Tiere. Außerdem interagieren Charly, Tino, Joe und Co. mit beeinträchtigten Kindern bei Schwimmtherapien. „Sie sind sehr gute und einfühlsame Therapeuten. Sie stellen sich auf die Situation ein und verhalten sich in dem Moment sehr ruhig und vorsichtig.“

Staßfurter Bekannte

2008, nachdem die ZDF-Serie fertig gedreht war, war das Ehepaar Duss auch beim Staßfurter Zirkus Probst mit ihrer spaßigen Seelöwen-Nummer engagiert. So entstand der Kontakt, der heute wieder zum Engagement beim Nikolauszirkus führte. Um mal wieder die „alten Zeiten“ im Zirkus aufleben zu lassen, nahm Das Ehepaar Duss dann auch die zwei Tage im „Seelöwen-Wohnmobil“ von Spanien nach Staßfurt in Kauf.

Staßfurter Nikolauszirkus: Vorstellungen diesen Dienstag bis Sonnabend täglich 15 und 18.30 Uhr, diesen Sonntag 10.30 und 15 Uhr, Eintrittskarten sind ab sofort an der Kasse auf dem Neumarkt Staßfurt erhältlich