Staßfurt/Egeln l Einen schier unglaublichen Fall hat der Egelns Bürgermeister Reinhard Luckner in der jüngsten Sitzung des Kreistages vorgetragen.

Er berichtete von einem älteren Herrn in der Egelner Mulde, zu dem am vergangenen Montag, 17.45 Uhr, der Notarzt kommen musste. Der nahm den Patienten mit dem Rettungswagen mit – doch kein Krankenhaus habe sich in der Lage gesehen, den Notfallpatienten aufzunehmen. Der Notarzt, der nicht locker ließ, begleitete den Mann schließlich bis zum Krankenhaus in Halberstadt, so Luckner in seiner Schilderung einer verstörenden Odyssee. Doch damit nicht genug: Von Halberstadt ging es zurück nach Aschersleben. Dort erfolgte zwar eine erste Untersuchung, aber keine Aufnahme. Also noch einmal in den Rettungswagen und nach Staßfurt. Die Diagnose hier: Verdacht auf Darmverschluss. Immerhin durfte der Patient im Staßfurter Klinikum, hauptsächlich spezialisiert auf Altersmedizin, übernachten. Am nächsten Morgen allerdings verschlechterte sich der Zustand des Mannes, und er musste schnell in das Krankenhaus nach Aschersleben gebracht werden. Hier wurde er zwei Mal operiert, so Luckner. Er berichtet in der Kreistagsversammlung noch, dass selbst die Uni-Klinik in Magdeburg sich nicht in der Lage gesehen habe, den Mann stationär aufzunehmen. „Wir müssen uns wirklich ernsthaft Gedanken um die Versorgung von Patienten machen. Ich jedenfalls mache mir Sorgen um die medizinische Versorgung der Bürger im Salzlandkreis“, sagte Luckner.

Spezialisierung

Die Volksstimme schilderte den Fall dem Sozialministerium in Magdeburg. Sprecher Andreas Pinkert teilt daraufhin mit: „Der angesprochene Fall ist uns nicht bekannt.“ Grundsätzlich gelte: Der Rettungsdienst muss nicht das nächste Krankenhaus anfahren, sondern das nächste geeignete. Es ergebe zum Beispiel keinen Sinn, mit einem schwerverletzten Patienten ein Krankenhaus anzufahren, welches keine Chirurgie vorhält - wie zum Beispiel das Krankenhaus in Calbe. „Außerdem kann es sein, dass ein Krankenhaus zwar grundsätzlich geeignet ist, aber zum entscheidenden Zeitpunkt keine Kapazitäten frei hat. Wenn ein Krankenhaus im Rahmen der Intensivmedizin eine bestimmte Anzahl von Beatmungsplätzen vorhält und alle sind belegt, kann es keine neuen Beatmungspatienten aufnehmen – unabhängig davon, wie dringend der Notfall ist“, so Pinkert erläuternd. Vor diesem Hintergrund sei es insbesondere wichtig, dass der Fahrer eines Notarztwagens weiß, welche Patienten er wohin bringen kann. „An der Verbesserung des Kommunikationssystems im Bereich der Notfallversorgung wird gegenwärtig gearbeitet“, räumt der Sprecher allerdings ein und verweist auf die Zuständigkeit des Innenministeriums (eine Anfrage der Volksstimme dazu läuft).

Klinik angemeldet

Auch die Klinikleitung von Aschersleben und Staßfurt äußert sich. „Im fraglichen Zeitraum am 19. Februar gegen 18 war keine der genannten Ameos-Krankenhäuser für Notfallpatienten abgemeldet. Richtig ist aber, dass die Krankenhäuser der Umgebung in Quedlinburg und Wernigerode abgemeldet waren“, sagt Sprecherin Alexa von Dossow. Stichwort Auslastung. Warum der Rettungsdienst allerdings die Krankenhäuser in Bernburg oder Aschersleben nicht direkt angefahren habe, sei nicht bekannt. Diese Frage könne nur die Rettungsleitstelle und damit der Landkreis beantworten.

Landrat Markus Bauer kündigte während der Kreistagssitzung an, den Fall genau prüfen lassen zu wollen. Im Sozialausschuss würde dann berichtet werden. „Ich mache mich aber dafür stark, dass allen Menschen im Salzland, die in einer Notfallsituation sind, schnell geholfen wird.“ Dieser Fall dürfe sich so nicht wiederholen.

Zeiten

Übrigens: Auch Kreistagsmitglied Manfred Püchel meldete sich am Mittwoch in Bernburg zu Wort. Er sprach die Hilfsfristen an, die laut Gesetz vorgegeben sind. Er habe in einem Zeitungsbericht gelesen, dass diese Zeiten auf dem Lande teilweise nur zu 55 Prozent eingehalten werden. Ein Wert, den Landrat Markus Bauer (SPD) mit ungläubigem Kopfschütteln registrierte. Er sagte auch hier zu, sich der Problematik anzunehmen und im Kreistag darüber berichten zu wollen.