Staßfurt/Egeln/Hecklingen l „Wie ist denn unsere Google-Bewertung?“ Das war eine der ersten Reaktionen eines Gastgebers aus der Region, befragt nach seinen Kundenrezensionen im Internet. Doch für den Großteil hat das Netz heute Bedeutung – Gemecker kann Ruf und Einnahmen schädigen, sachliche Kritik und Lob wiederum eröffnen nie dagewesene Chancen.

Sachliche Hinweise helfen

Vor Jahren hatten sich Besucher des „Cafés am Wasserturm“ in Staßfurt bei der Lebenshilfe als Betreiber beschwert, dass keine Telefonnummer des Bistros zu finden ist. „Gemeinsam mit der Telekom haben wir eine Lösung gesucht und das Café ist jetzt auf den ersten Blick erreichbar“ sagt Stefan Labudde, Geschäftsführer der Lebenshilfe, der sich über sachliche Hinweise freut. (Google-Bewertung des „Café am Wasserturm“: 4,7 von 5 Punkten aus 103 Rezensionen; www.11880.com: 4,7 von 5 Punkten aus 23 Rezensionen)

Auch beim Tiergarten Staßfurt der Lebenshilfe Bördeland holte man einen Netz-Eintrag nach, nachdem ein Besucher online darauf aufmerksam machte, dass die Öffnungszeiten um Weihnachten nicht zu finden waren. „Diesen Hinweis hätten wir nie bekommen, gäbe es das Internet nicht. Denn im Tiergarten sind die Pfleger nicht immer greifbar“, sagt Stefan Labudde.

Ähnlich ging es einst dem Staßfurter Salzlandtheater, mit einer Generalkritik: „Ein Besucher schrieb mal im Netz ‚Schönes Theater, aber in die Jahre gekommen‘. Das trifft es ja im Kern und da sind wir ja auch dran“, erzählt Theaterleiter Stephan Czuratis. Einträge können den Blick von außen gut wiedergeben.

Lob aus dem Netz motiviert

Für die Theaterleitung sind Onlinebewertungen und Kommentare auf Facebook wichtig. „Da muss man dranblieben und alles im Blick behalten“, meint Stephan Czuratis, „aber auch abwägen, ob etwas aus der Emotion heraus geschrieben oder ernsthafte Kritik ist“. Auf dem Facebook-und dem Instagram-Auftritt des Theaters bekommen die Theaterfreunde vor allem positive Resonanzen. (Google-Bewertung: 4,5 von 5 Punkten aus 85 Rezensionen)

So steht auch die Leitung der Lebenshilfe Bördeland mit Tiergarten und Co. den Hinweisen aus dem Internet positiv gegenüber. „Man erhält ein echtes Stimmungsbild darüber, wie die Menschen den Besuch bei uns empfunden haben“, meint Stefan Labudde. Die Lebenshilfe-Leitung wertet Kommentare regelmäßig aus und reagiert. Netz-Kritik müsse genauso wie Kritik aus dem persönlichen Gespräch ernst genommen werden. „Onlinebewertungen sind ein super Feedback für uns und Lob gegen wir an das Tiergarten-Team weiter.“ Das freut und motiviert. (Google-Bewertung: 4,5 von 5 Punkten aus 662 Rezensionen)

Gemecker verpufft schnell

Die „Wilde Zicke“ in Egeln, die sich weit über den Salzlandkreis hinaus einen Ruf erarbeitet hat, befasst sich vor allem mit den Facebook-Kommentaren ihrer jungen Discogäste. Dort geht es etwas rauer zu. Gordon Tamm vom Betreiber-Team stellt fest: „Wenn etwas gepostet wird, dann meistens Negatives. Wer zufrieden war, schreibt eher gar nichts.“ Online werde sich über die Musik, die nicht gefallen hat, beschwert oder dass jemand nicht reingelassen wurde. „Klar meckert der, der er nicht reinkommt, aber da müsste er auch mal dazuschreiben, dass er Hausverbot bekommen hat, weil er sich bei uns geprügelt hat“, nennt Gordon Tamm ein Beispiel. „Und beim Musikgeschmack kann man es sowieso nicht jedem Recht machen.“

Große Aufregung im Internet erlebte das Betreiber-Team Ende 2017, als ein bekanntes DJ-Team in der „Zicke“ auflegte und ein aufblasbares, lebensgroßes Einhorn mitgehen ließ. Die Betreiber forderten die gestohlene Spezialanfertigung zurück, die Security musste nach dem Angriff des DJs eingreifen, was eine Onlinezeitung wiederum als Attacke auf die Künstler darstellte. „Da mussten wir dann wirklich mal eine Stellungnahme auf Facebook schreiben. Aber mein Gott, das war nach zwei Wochen auch vergessen und keiner redete mehr drüber.“ Negativ-Tiraden im Internet sollte man nicht allzu ernst meinen. (Facebook-Bewertung: 4,3 von 5 Punkten aus 1218 Abstimmungsergebnissen, Google: 4,3 von 5 Punkten aus 186 Rezensionen)

Negatives schreibt sich schneller

Auch bei der Verwaltung vom Schachtsee in Wolmirsleben, die Campingplatz und Seebad betreibt, fällt der Hang zu negativen Kommentaren auf. Die Mitteldeutsche Camping- und Gastro, die mit dem Schachtsee seit einem Jahr auf dem Hotelportal booking.com verzeichnet ist, wertet die Bewertungen aus und reagiert, wenn etwas „klargestellt“ werden muss. „Angemessene Kritik ist okay, aber manche Kunden übersehen das Preis-Leistungs-Verhältnis“, erklärt die Salesmanagerin des Leipziger Unternehmens. „Zum Preis eines Campingplatzes kann es kein 5-Sterne-Hotel geben. In eine Finnhütte gehören drei Betten und mehr nicht“, bezieht sie sich auf eine Online-Beschwerde zum fehlenden Waschbecken. (Google-Bewertung: 4,1 von 5 Punkt aus 114 Rezensionen; booking.com: 7,1 von 10 Punkten aus 35 Rezensionen)

Auch im Salzland Center Staßfurt, das überwiegend positiv bewertet wird, bemerkt man, dass sich eine „Meckermentalität“ entwickelt und eher Kunden, die etwas auszusetzen haben, online schreiben, sagt der Geschäftsführer Volker Schilling. Für das Hotel nehmen die Bewertungen im Internet heute definitiv zu. „Wir schauen schon rein und man sollte diese Thematik ernst nehmen.“ Allerdings wäre es dem Chef lieb, wenn der Gast seine Kritik zusätzlich auch persönlich und vor Ort anspricht. Das gehöre sich einfach so. (Google-Bewertung: 4,0 von 5 Punkten aus 348 Rezensionen; booking.com: 7,7 von 10 Punkten aus 83 Rezensionen)

Bewertung manchmal unwichtig

Im Hotel Stadt Bernburg in Hecklingen hat man bei vollem Terminkalender kaum Zeit, sich im Internet herumzutreiben. Chef Lars Asmussen findet die Bewertungen „Quatsch“. „Die Leute können herkommen und kosten und wenn es ihnen nicht schmeckt, sollen sie es mir ins Gesicht sagen. Wir haben unsere Kunden und sind gut vorbestellt.“ (Google-Bewertung: 4,1 von 5 Punkten aus 72 Rezensionen; www.11880.com: 4,1 von 5 Punkten aus 69 Rezensionen)

Auch für die Herberge im Tarthuner Wöhl, die von Schulklassen, Pilgern, Chören oder Familien genutzt wird, spielen Internetbewertungen keine Rolle. Über das Portal gruppenhaus.de wird das Übernachtungsziel kaum gesucht. Denn die Zielgruppe besteht aus Stammgäste. Das Team setzt stattdessen auf Fragebögen, die Gäste in den Briefkasten am Haus werfen können. (Google-Bewertung: Keine, gruppenhaus.de: 4,4 von 5 Punkten aus 5 Rezensionen)