Hohenerxleben l Kennen Sie den? Eine Kölnerin, ein Saarländer und eine Österreicherin treffen sich. Das klingt wie der Beginn eines Witzes über vielleicht interkulturelle Verständnisschwierigkeiten. Erst Recht, wenn daneben ein Magdeburger sitzt, der als hintergründige Instanz einordnet und erklärt. Aber im Schloss Hohenerxleben ist der Zusammenprall der Kulturen Alltagsgeschäft und wichtig. Und nur wer sich unterhält, austauscht, dabei den Horizont erweitert und dazu immer neugierig bleibt, bleibt fortschrittlich.

Seit 23 Jahren finden am Schloss Hohenerxleben Kulturtage statt. Auch diesmal gibt es zu Pfingsten ein dickes Programm. An drei Tagen haben die Ensemblemitglieder Themenabende zusammengestellt, die eine große Mottoklammer haben. Im November jährt sich der Mauerfall, der der Anfang vom Ende der DDR war, zum 30. Mal. Das war Anlass, um zu einem Podiumgsgespräch am Sonnabend, 8. Juni, zu einer szenischen Lesung am Pfingstsonntag und zu einer Ausstellungseröffnung einzuladen. Und auf die Beine gestellt haben das unter anderem die gebürtige Kölnerin Friederike von Krosigk, ihr Mann Hubertus von Krosigk, der im Saarland geboren wurde und die Österreicherin Judith Kruder.

Die Annäherung kam also nicht von innen heraus, sondern von außen. Aber vielleicht daher mit umso mehr Interesse. Weil viele selbstverständliche Sachen für das Trio neu waren oder immer noch sind. „Ich bin 1993 nach Deutschland gekommen. Das war für mich eine ganz fremde Welt“, sagt Judith Kruder. Sie erinnert sich, dass sie in Österreich 100 Meter von der tschechischen Grenze entfernt gewohnt hat. Als der Eiserne Vorhang Europa noch geteilt hat. „Da war Wald, Stacheldraht und dahinter die Welt zu Ende“, so Kruder. Erst nach und nach ist sie mit der fremden Welt in Berührung gekommen. Hubertus und Friederike von Krosigk hatten kürzlich einen Hallo-Wach-Effekt, als das Ehepaar im Kino den Film „Gundermann“ sah, der das Leben des DDR-Liedermachers Gerhard Gundermann auf die Leinwand brachte. „Das war eine erstaunliche Atmosphäre. Es lag eine besondere Stimmung in der Luft. Wir konnten manchmal nicht verstehen, warum“, so Friederike von Krosigk.

Der besonderen Mentalität auf die Spur kommen

Zuhören, verstehen, lernen. Die Hände reichen, nach vorn schauen. Das Ensemble vom Schloss Hohenerxleben gestaltet ein dreitägiges Programm zum Jubiläum des Mauerfalls. Weil aber auch die DDR freilich nicht ohne Vorgeschichte entstanden ist und der Arbeiter- und Bauernstaat Nachwehen bis in die heutige Zeit hat, wird daraus ein Spagat, der deutsch-deutsche Geschichte von der Nazizeit bis in die Moderne umfassen wird. Alles gehört zusammen, nichts sollte allein gelesen und verstanden werden. „Es ist ein weites Feld“, sagt Hubertus von Krosigk. „Was haben wir für eine Prägung? Warum fühlen wir uns hier wohl? Es gibt eine andere Mentalität in den neuen Bundesländern, dieser wollen wir auf die Spur kommen. Es ist eine Hommage an die Welt.“

Nun ist es aber nicht so, dass die Künstler im Schloss nicht mit DDR-Literatur vertraut wären. Vor vielen Jahren durfte Friederike von Krosigk die große DDR-Schriftstellerin Christa Wolf, die mittlerweile verstorben ist, persönlich kennenlernen. Namen wie Friedrich Schorlemmer, Stefan Hermlin oder Werner Bräunig kommen nicht erst seit dem Spätsommer 2018, als die Ensemblemitglieder sich intensiver mit den Kulturtagen 2019 auseinandersetzten, selbstverständlich über die Lippen.

Los gehen die Kulturtage am 8. Juni um 17 Uhr im Ahnensaal mit einem Podiumsgespräch. Zu Gast ist das Theologen-Ehepaar Gabriele und Andreas Herbst aus Magdeburg. Die Adelheid-Preisträger haben die friedliche Revolution an der Elbe begleitet und stehen für Toleranz und Weltoffenheit.

Eine szenische Lesung gibt es für Kulturfreunde dann am 9. Juni um 19 Uhr im Weißen Saal. Seit vielen Monaten proben Ensemble-Mitglieder die mit Liedern und Schauspiel begleitete Lesung. Auf poetischer Spurensuche werden unter anderem Werke von Christa Wolf, Friedrich Schorlemmer, Gerhard Gundermann oder Werner Bräunig gelesen. Neben den von Krosigks, Kruder und Thomas Zieler sind da auch Elisabeth Haug und Lucia Keller mit von der künstlerischen Partie. Abgeschlossen werden die Kulturtage am 10. Juni im Kammermusiksaal um 10.30 Uhr mit der Eröffnung der Ausstellung Farbenspiele. Schlossmalerin Nikoline F. Kruse und die bekannte Künstlerin Janette Zieger aus Borne zeigen Bilder ihrer Malseminare.

In DDR nicht glücklich, in BRD auch nicht

Sich selbst wollen die Künstler der untergegangenen DDR annähern, aber eben auch verständliche und versöhnliche Töne anklingen. Weil nicht alles gut, aber auch nie alles schlecht war. Thomas Zieler weiß das sehr gut. Der bekannte Magdeburger Schauspieler ist ebenso Teil des Ensembles in Hohenerxleben. „Ich war in der DDR nicht glücklich und bin es auch in der BRD nicht. Es gibt nur andere Gründe“, sagt der 62-Jährige. DDR-Nostalgie wird es nicht geben. Eher eine künstlerische Annäherung an reale Lebensumstände. „Die alten und neuen Bundesländer werden sich angleichen, aber das braucht viel Zeit“, sagt Zieler. Er hält inne, überlegt und erinnert sich dann an amerikanische Psychologen, die einmal herausgefunden haben: „Es braucht vier Generationen, um ein Kriegstrauma zu beenden“, so Zieler. So sei es logisch, dass auch 30 Jahre nach dem Fall der Mauer diese zwar physisch gefallen ist, aber in Köpfen manchmal noch immer steht.

Aber es geht voran. „Meine Tochter ist assimiliert“, sagt Thomas Zieler. Für die macht es keinen Unterschied mehr. Westen und Osten sind da nur noch Himmelsrichtungen. Das macht Hoffnung. Die Wendekinder sind erwachsen. Und die Kinder, die folgen, kennen die DDR nur noch aus Erzählungen. Die wie Märchen von Hand zu Hand, von Mund zu Mund gehen, um das wichtige Kapitel deutsch-deutscher Geschichte zwischen 1945 und 1990 wach zu halten. Damit Geschichte lebendig bleibt.

Eine Anmeldung ist erforderlich unter (03925) 98 90 20. Der Eintritt bei allen drei Veranstaltungen ist frei, die Künstler verzichten auf ihre Gage. Um Spenden für den Erhalt und den Weiterausbau des Schlosses wird aber gebeten.