Staßfurt l Wenn Gisela Arndt in das Dr.-Otto-Geiss-Haus in Staßfurt kommt, dann wissen die älteren Herrschaften, dass der Nachmittag abwechslungsreich wird. Die pensionierte Lehrerin bringt nämlich Geschichten und Musik mit. Es wird viel gelesen und erzählt. Zeit für Erinnerungen, ein bisschen Schwelgen ist erlaubt. Seit dem Frühjahr besucht Gisela Arndt die Senioren nicht allein. Alexandra ist zum Beispiel an ihrer Seite. Sie lernt in der Hermann-Kasten-Sekundarschule. Mit ihren Mitschülern aus der siebten Klasse nimmt sie am Projekt „Junges Ehrenamt“ des Stammtisches „Ehrenamt“ teil. „Die Nachmittage machen Spaß“, sagt Alexandra. „Wir singen, lesen, sagen Gedichte auf. Schnell entwickeln sich Gespräche.“ Von Berührungsängsten keine Spur. Das wundert die Schülerin fast selbst ein wenig. „Man hat ganz unterschiedliche Gedanken, bevor man mitmacht: Wie reagieren die Senioren auf neue Gesichter? Wie sind sie körperlich beschaffen?“ Bereits nach dem ersten Treffen aber war das Grübeln Geschichte. „Jeder Nachmittag ist anders, abwechslungsreich und die Begegnungen sind spannend und freundlich.“

Das Otto-Geiss-Haus der Staßfurter Stiftung Waisenhaus ist eine Station der jungen Ehrenamtlichen. Andere Betätigungsfelder für unentgeltliche Dienste bieten Kindertagesstätten, das „Café am Wasserturm“ der Lebenshilfe oder auch die Begleitung der „Grünen Damen“ im Staßfurter Krankenhaus. „Wir haben im März angefangen“, berichtet Monika Zuber, Koordinatorin beim Ehrenamts-Stammtisch, der seine Heimat bei der Volkssolidarität am Staßfurter Luisenplatz gefunden hat. Das Projekt beinhaltet, dass die Schüler ein Mitglied des Stammtisches in seinem Bereich begleiten und ihn unterstützen.

"Draufsicht"

Nach fünf Monaten wurde es Zeit für eine erste Auswertungsrunde. Die Jugendlichen berichteten von ihren Tätigkeitsbereichen. Schnell wurde dabei deutlich, was gut gelingt, aber auch, wo Einsatzmöglichkeiten an ihre Grenzen stoßen könnten. Monika Zuber ist froh, dass man in der Runde die „Draufsicht“ vornehmen konnte. „Ehrenamt soll Spaß machen. Alle Beteiligten, der Geber und der Beschenkte, sollen sich bereichert fühlen. Es darf nicht zur Überforderung werden.“

Bilder

In der Runde berichteten die Schüler von ihren Erfahrungen und Eindrücken. Stolz auf ihre Leistungen könnten sie sein, meint Monika Zuber, und auf das Engagement, das nicht unbedingt typisch sei für ihre Generation. Die Projektteilnehmer ließen sich aber auch neu in die Pflicht nehmen. „Wichtig ist die Zuverlässigkeit“, sagt Monika Zuber. Das bedeute nicht, dass man jeden Tag oder jede Woche, wie in einem Beruf, zur Stelle sein müsse. Aber Eintagsfliegen dürften die Aktionen nicht werden, weil sie immer mit Menschen zu tun hätten, weil immer Beziehungen aufgebaut werden würden.

Profilierung

Im Frühjahr haben sich die Kasten-Schule und der Stammtisch „Ehrenamt“ auf die Aktion mit den Schülern verständigt. Andere Schulen, die angefragt wurden, reagierten – Monika Zuber drückt es vorsichtig aus – verhalten. In der Kasten-Schule habe man aber einen Partner gefunden. Die Lehrerinnen Heidemarie Hoffmann und jetzt Grit Koch begleiten das Projekt. Das Engagement sei von den Schülern selbst ausgegangen, sagt die Pädagogin. „Die Schüler sind in vielen Bereichen aktiv und bringen sich auch in der Schule ein. Besonders die siebte Klasse. Die Jugendlichen haben gesagt, sie wollen das in einem offiziellerem Rahmen machen und wir haben nach Wegen gesucht.“ Über Heidemarie Hoffmann sei der Kontakt zum Stammtisch „Ehrenamt“ zustande gekommen und hier wiederum die Idee für die Projektarbeit geboren. Für viele habe im Vordergrund gestanden, unbedingt etwas machen zu wollen.

Grit Koch sagt, dass die Jugendlichen davon unglaublich profitieren würden, auch wenn sie auf den ersten Blick „nur die Geber sind“. „Generationen treffen aufeinander, eventuelle Vorurteile werden abgebaut, Verständnis füreinander wird geweckt.“ Die gesamte eigene Persönlichkeit, der Umgang, das Auftreten gegenüber anderen erfahre eine Schärfung.

Die Jugendlichen ließen sich auf Regelmäßigkeit verpflichten und würden Verantwortung übernehmen. „Das ist auch ganz im Sinne des Namensgebers unserer Schule Hermann Kasten. Er war ein engagierter Mann und das Soziale prägte seine politische und persönliche Tätigkeit“, so Grit Koch.

In den Sommerferien, obwohl unterrichtsfreie Zeit ist, sind die Schüler weiter ehrenamtlich unterwegs. Am 14. Dezember wird es eine weitere Auswertungsrunde geben. Der Stammtisch „Ehrenamt“ freut sich, wenn sich weitere Schulen und Jugendliche finden, die mitmachen wollen.