Staßfurt l Erst gab es den Knall, der sich fast wie eine Bombenexplosion angehört hatte, dann begann die Tuschelei. Was ist eigentlich am Staßfurter Neumarkt los? Gegen 6 Uhr wurden am Donnerstag vorbeifahrende und vorbeilaufende Passanten in der Lehrter Straße aufgeschreckt. Blaulicht fuhr zur Spielhalle hinter der Tankstelle vor. Polizisten mit Atemmasken stürzten in das Gebäude, große Zelte wurden aufgebaut, Sachen in Kisten herausgetragen. Offensichtlich gab es einen sehr großen Polizeieinsatz in Staßfurt, der bis in die späten Nachmittagsstunden andauerte.

Aber nicht nur hier: Pünktlich um 6 Uhr schlug die Polizei auch in Belgien, Spanien, den Niederlanden und Frankreich, zu – auch weitere Objekte in Berlin und Brandenburg wurden auf Deutschem Boden gestürmt, wie Michael Klocke, Pressesprecher des Landeskriminalamtes Sachsen-Anhalt (LKA), bestätigt. Das Ergebnis dieser europaweiten Razzia lässt wohl selbst diensterfahrene Polizisten ob der Dimension den Atem stocken: Als die Polizei in Staßfurt die Spielhalle stürmt, eröffnet sich ihnen ein großer Raum, der über eine Dämmung verfügt, die über das Maß einer Einfamilienhausdämmung weit hinaus geht. Jeder Quadratzentimeter des Raumes ist zugestellt mit kleinen Pflanztöpfen, die Luft ist warm und feucht.

2000 Cannabis-Pflanzen

Allein in diesem Hinterraum mitten in Staßfurt finden die Polizisten 2000 Cannabis-Pflanzen. Der Aufbau der Plantage muss mehrere Wochen in Anspruch genommen haben, die Anlage ist noch nicht alt, kann die Polizei bestätigen. Außerdem wurden drei Männer vor Ort festgenommen. In Sachsen-Anhalt waren allein 300 Polizisten für diesen Schlag im Einsatz, ein Großteil davon war in Staßfurt unterwegs, wie Michael Klocke mitteilt.

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Das war aber nur der lokale Erfolg, der in Zahlen schon außergewöhnlich ist. Insgesamt wurden bei allen Einsätzen europaweit 25 Verdächtige festgenommen. Bei 30 Objekten, die durchsucht wurden, konnten sechs Cannabis-Plantagen entdeckt und abgebaut werden. Außerdem wurden noch 60.000 Euro, Schusswaffen und Handys kassiert.

Ermittlungen seit 2017

Wie es zu diesem erfolgreichen Schlag gegen das Verbrechen kommen konnte, ist fast drehbuchreif und könnte locker in der Primetime im TV laufen: Seit 2017 wird in diesem Fall ermittelt. Es geht um ein albanisch-sprachiges Netzwerk organisierter Kriminalität. Es wird vermutet, dass die Verdächtigen hinter einem groß angelegten Drogenhandel zwischen Südamerika und Europa mit Schiffscontainern stecken. Die Drogen wurden versteckt in Containern geschmuggelt und mit Fahrzeugen, die mit raffiniert versteckten Fächern ausgestattet waren, in ganz Europa weiter verbreitet.

2017 dann schließt sich die Antwerpener Lokalpolizei mit polizeilichen Ermittlern aus den anderen europäischen Ländern zusammen. Mit dabei auch die deutsche Ermittlungsgruppe Rauschgift des Bundeskriminalamtes, zu der das Landeskriminalamt Sachsen-Anhalt, das Zollfahndungsamt Hannover, Kräfte der Landespolizei und Spezialkräfte des LKA gehören. Außerdem unterstützte auch Europol die Ermittlungen mit Fachwissen und sicheren Kommunikationskanälen.

Mutmaßlicher Boss festgenommen

Beim internationalen Schlag am Donnerstag wurde auch der mutmaßliche Kopf dieses Netzwerks festgenommen. Er soll zu den Verdächtigen in Belgien gehören.

Diese auf Clans basierende organisierte Kriminalitätsgruppe war hierarchisch strukturiert und verfügte über international tätige Niederlassungen. Einige seiner heute verhafteten Mitglieder verfügen über eine einschlägige Vorgeschichte in verschiedenen Ländern.