Giersleben l Die fast 1000 Einwohner von Giersleben haben auch den Ernst der Lage verstanden. Die vom Norden kommende Hecklinger Straße ist in diesen Tagen ausgestorben. Zwei Autos düsen im Sauseschritt durchs Dorf, die Bürgersteige sind menschenleer und metaphorisch gesehen eben hochgeklappt in diesen frühen Vormittagsstunden. Eine Sache ist aber wie immer. Wer in die Bogenstraße will und nicht ortskundig ist, braucht ein Navigationsgerät. Denn ein Straßenschild hat die kleine Sackgasse, die von der Hecklinger Straße abgeht, nicht. An Höfen vorbei geht es etwas den Berg hoch, dort steht das Alten- und Pflegeheim Richter in der Nummer 80. Der Hof ist leer, am Eingang weist ein Schild darauf hin, dass derzeit kein Besuch möglich ist. Der Hausmeister sagt nur freundlich: „Abstand bitte“, bevor er hineinhuscht und für den Pressebesucher die Geschäftsführerin Jana Richter herausholt.

Im Stall werden aus Damast Hochzeitskleider g

Noch ein paar Schritte weiter ist in einem Nebengebäude eine weitere Tür. Richter Manufaktur steht hier draußen auf dem Schild. Im Inneren findet der Besucher eine liebevoll eingerichtete, kleine Halle in einem ehemaligen Bullenstall. Diese kleine Firma hat sechs Angestellte, die seit 2014 die Stoffe für große Tage aufbereitet. Vor allem Hochzeitskleider aus Damast gehen durch geschickte Hände und werden zum Beispiel nach Köln in ein Brautmodenatelier verschickt. Zusammen mit ihrem Mann leitet Jana Richter noch die Wäscherei nebenan und vor allem zwei Pflegeheime in Aschersleben und Giersleben. Dazu einen ambulanten Pflegedienst. Insgesamt 90 Mitarbeiter gibt es in dem Familienbetrieb.

Doch die Manufaktur steht in diesen Tagen vor einem Problem. „Normalerweise wären wir jetzt in der Vorbereitung der Hauptsaison“, sagt Jana Richter. „Das ist uns jetzt komplett weggebrochen. Die Hochzeiten werden alle verschoben. Dadurch haben wir keine Aufträge mehr. Wir stehen kurz vor der Kurzarbeit.“ Und das schon vor drei Wochen.

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Statt drei nur ein Karton mit Mundschutzen

Doch in der Krise zeigt sich Jana Richter als innovative Querdenkerin. Wobei am Anfang ein echtes Problem stand. Natürlich werden in den Pflegeheimen seit eh und je Mundschutze benutzt. Diese sollen das Personal vor Keimen schützen. „Im Januar hatten wir die letzte Regelbestellung“, so Richter. Statt drei Kartons gab es aber nur noch einen Karton. Seitdem gibt es keinen Nachschub mehr. Also? Die Richter Manufaktur ist dazu übergegangen, einfach selbst Mundschutze zu nähen. Aus den Stoffen, aus denen sonst Hochzeitskleider genäht werden. Die sind in allererster Linie für die eigenen Einrichtungen. „Wir brauchen etwa 400 Stück“, sagt Jana Richter.

Die Näherinnen Thea Doberstein und Inka Winkler waren gefragt und legten los. Es rattert. Geschäftige Ruhe gibt es bei den beiden Damen, die sich auch kaum von der Chefin ablenken lassen. Seit über einer Woche machen die beiden nichts anderes mehr auf Arbeit als Mundschutze nähen. Und sie haben Hilfe von einer Schneiderin im Ruhestand. Zwei Verwaltungsmitarbeiterinnen helfen beim Schneiden und beim Befestigen der Naht. „Wir müssen unsere Bewohner schützen“, sagt Richter. Es geht vor allem darum, die Bewohner der Pflegeheime vor eventuellen Ansteckungen durch das Coronavirus zu bewahren.

Natürlich ist Jana Richter bewusst, dass die selbst genähten doppellagigen Baumwolldamast-Mundschutze mit Gummibändern keinen hundertprozentigen Schutz bieten. „Allerdings verringert es die Möglichkeit der Ansteckung durch Tröpfcheninfektion. Im Übrigen ist in den Altenheimen auch schon vorher so etwas zum Einsatz gekommen“, sagt sie.

Das Umdenken in der Richter Manufaktur ging rasend schnell. Am Donnerstag, 19. März, wurde darüber konferiert, wie es in den neuen Zeiten weitergehen könnte. Am nächsten Tag wurden vier Mundschutz-Prototypen ausprobiert und diskutiert. Seit dem darauffolgenden Montag ist die Richter Manufaktur in Produktion. Die kochbaren und wiederverwendbaren Mundschutze sind oft weiß, manchmal aber auch in grün, blau oder rosa eingebettet. Je nachdem, was die Stoffe eben hergaben, die Jana Richter meist über Sozialkaufhäuser oder Ebay bezieht. Manchmal gibt es auch Spenden. Überwiegend sind es alte Damast-Bettbezüge, die verarbeitet werden. „Aus einem Bettbezug können wir 50 bis 60 Mundschutze herstellen“, erklärt Jana Richter. Die Schränke in Giersleben sind voll. Theoretisch können noch viele weitere Mundschutze hergestellt werden.

Ende vergangener Woche waren die Mundschutze für den eigenen Bedarf produziert. Jetzt können die Damen der Richter Manufaktur dazu übergehen, für externe Auftraggeber zu nähen. Denn Nachfragen gibt es reichlich. 400 Mundschutze pro Woche sind mit Zuarbeit schaffbar. „Jugendeinrichtungen, Rettungsdienste, Taxiunternehmen, Sparkassen, Tierarztpraxen und andere Pflegedienste haben nachgefragt, ob wir für sie Mundschutze herstellen können“, so Richter. Kann die Richter Manufaktur natürlich. Es ist nur eine Frage der Zeit. In der vergangenen Woche schickten die Mitarbeiter die ersten fünf Mundschutze nach draußen. Weitere werden nun produziert. Wer verbindliche Anfragen stellt, bekommt welche hergestellt. Pro Mundschutz müssen die Einrichtungen und Unternehmen dann 5,50 Euro zahlen.

Natürlich können die Mundschutze nicht umsonst angeboten werden. „Ich muss das Gehalt von zwei Schneiderinnen bezahlen“, sagt Jana Richter. Ihr geht es darum, keine roten Zahlen zu schreiben. „Das Wirtschaftliche hat aber überhaupt keine Priorität. Im Vordergrund steht, dass die Menschen geschützt werden“, erklärt sie. Dass das so ist, zeigt die Geschäftsführerin auch darin, dass sie für die Schnittmuster kein Urheberrecht erhebt. „Uns haben viele angeschrieben, die nähen können. Sie haben gefragt, ob sie helfen können“, so Richter. Können sie. „Wir schicken die Schnittmuster dann heraus, damit die Mundschutze hergestellt werden können.“

Was heute gilt ist morgen schon überholt

Ob mit dem neuen Weg die Kurzarbeit der Manufaktur verhindert werden kann? Das sicher nicht. Auch wie lange und wie viele Mundschutze die Näherinnen in den nächsten Wochen anfertigen werden, ist offen. Es ist alles eine Frage der Nachfrage. „Das können wir nicht sagen“, so Jana Richter. „Wir müssen von Woche zu Woche und von Tag zu Tag schauen.“ Es ist eben eine besonders schnelllebige Zeit, in der wir alle gerade leben. Es muss schnell gehandelt werden. Und was gestern noch galt, ist vielleicht morgen schon überholt. Aber in Giersleben wurde blitzschnell gehandelt. Damit auch dank der dort hergestellten Mundschutze Leben gerettet werden können. Das ist wichtig. Und nichts anderes.