Staßfurt l Drei Wochen ist der französische Austauschschüler Julien Ribon jetzt schon in Deutschland. Im Rahmen des Brigitte-Sauzay-Programmes hat der 16-Jährige drei Monate Zeit, Land und Leute kennenzulernen. Da er seinen Austauschschüler Amon Borchert bei allem, was er tut, begleiten wird, hat der junge Franzose auch die Stadt Staßfurt kennengelernt. Amon und Julien haben in der Salzstadt ein zweiwöchiges Praktikum bei der Staßfurter Volksstimme absolviert. Über die Erfahrungen in Deutschland sprechen die beiden im Interview.

Amon Borchert: Hey Julien! Willkommen in Deutschland. Was hast du als erstes gedacht, als dein Flugzeug gelandet ist und du die ersten Schritte hier auf deutschem Boden gemacht hast?

Julien Ribon: Es war kalt! Zumindest während der ersten Augenblicke, denn bei mir zu Hause an der Côte d’Azur scheint fast immer die Sonne. Ich bin schon mehr als drei Wochen hier und habe die Sonne jetzt auch schon häufiger gesehen. Also bleibe ich zuversichtlich.

Und wie geht’s dir jetzt grade? Fühlst du dich wohl in Deutschland?

Ja, ich fühle mich wohl, die Leute sind offen und nett zu mir. Schon während meiner ersten Tage in Deutschland hießen mich alle sehr freundlich willkommen. Deine Klassenkameraden redeten mit mir, als ob sie mich schon jahrelang kennen würden. Trotzdem gibt es viele Unterschiede zwischen Deutschland und Frankreich.

Welche denn zum Beispiel? Was ist anders?

Außer dem ganz anderen Wetter habt ihr Deutschen auch einen anderen Tagesablauf. Ihr esst zwar auch wie wir morgens, mittags und abends, aber dazwischen gönnt ihr euch dennoch immer mal eine Kleinigkeit. Das gibt’s in Frankreich nicht. Das beste Beispiel dafür ist die Schule. In jeder einzelnen Pause wird irgendwas gegessen.

Inwiefern unterscheidet sich denn mein Schulleben noch von deinem?

Im Vergleich zu meinem Schulalltag habt ihr ein ziemlich entspanntes Leben. Bei euch ist der Unterricht meistens 13 oder 15 Uhr zu Ende. Bei mir in Frankreich hingegen habe ich oft Schule bis 17, manchmal sogar bis 18 Uhr. Und Sonnabendmorgen müssen wir in der Regel auch zur Schule. Deshalb haben die deutschen Schüler deutlich mehr Freizeit als wir. Das heißt aber nicht, dass ihr weniger lernt. An deutschen Schulen gibt es Fächer wie Astronomie, Kunst und Musik. So etwas ist an französischen Schulen eher selten. Deshalb finde ich, dass euer Leistungsstand unserem vollkommen entspricht.

Hattest du denn Angst oder zumindest Bedenken, nach Deutschland zu kommen? Haben dich vielleicht irgendwelche Klischees verunsichert? Oder andersherum gefragt - welche Klischees haben sich denn bestätigt?

Ja, ein bisschen Sorgen hatte ich schon, denn drei Monate sind lang. Drei Monate in einem fremden Land, in einer fremden Familie mit einer anderen Kultur und das alles noch in einer ganz anderen Sprache. Aber jetzt bin ich beruhigt, denn nun kenne ich ja dich, deine Familie und Freunde. Und ja sicher gibt es viele Klischees die Deutschen betreffend. Deutsche sind pünktlich und zielstrebig, aber haben auch keinen Humor, heißt es. Sie essen immer nur Sauerkraut und trinken andauernd Bier. Naja, aber so wirklich bestätigt hat sich keines dieser Klischees oder Vorurteile. Zweifellos gibt es pünktliche und zielstrebige Menschen in Deutschland, aber diese gibt es natürlich auch in jedem anderen Land der Welt.

Ihr habt doch aber sicherlich auch so manche Vorstellungen über Franzosen?

Ja, na klar. Die Franzosen essen die ganze Zeit nur Baguette und Croissants oder trinken Wein. Außerdem esst ihr auch Dinge wie Schnecken oder Froschschenkel. Was an diesen Vorurteilen wirklich dran ist, werde ich ja sehen, wenn ich dann bei dir bin. Dann frage ich mal genauso: Wenn du dann nach den Sommerferien für drei Monate zu mir kommst, machst du dir denn da Sorgen?

Da ich dich ja schon kenne, glaube ich, dass es zu keinen Problemen kommen wird. Aber natürlich denke ich über die selben Dinge, über die du auch nachgedacht hast, nach. Werde ich mit deinen Freunden und deiner Familie gut klarkommen? Was ist, wenn ich Heimweh bekomme? Oder vielleicht habt ihr auch einen komplett anderen Lebensstil, als ich es gewohnt bin? Das sind solche Gedanken. Trotzdem überwiegt die Freude und Neugier, neue Leute zu treffen, meine Sprachfähigkeiten zu verbessern sowie die Region Côte d’Azur näher kennenzulernen.

Aus welchem Grund hattest du dich denn überhaupt dafür entschieden, diesen Austausch zu machen?

Deutschland ist einer der wichtigsten Wirtschaftspartner Frankreichs und somit denke ich, dass es in der Zukunft ein großer Vorteil sein wird, deutsch sprechen zu können. Außerdem ist es allgemein eine sehr schöne Erfahrung. Der Austausch ermöglicht es mir, neue Freundschaften zu knüpfen und eine neue Kultur kennenzulernen. Sicherlich ein Erlebnis an welches ich mich ein ganzes Leben lang erinnern werde.

Wir haben zusammen ein Praktikum bei der Staßfurter Volksstimme gemacht - durch meine Familie habe ich Bezüge zur Salzstadt. Wie war das für dich?

Ihr lebt jetzt am Meer und ihr habt Wurzeln in Staßfurt. Ich habe völlig verschiedene Regionen kennengelernt. Das war sehr eindrucksvoll. Staßfurt kannte ich vorher nicht. Aber ich habe durch die Arbeit bei der Volksstimme viele interessante Dinge kennengelernt. Wir waren selbständig unterwegs, haben Fotos gemacht und Geschichten gesammelt - also hinter die Kulissen geschaut, bei Vereinen, in Kindergärten oder im Museum. Alles wurde gleich veröffentlicht. In meiner Freizeit schreibe ich selbst Artikel für eine Zeitung. Jetzt habe ich gesehen, wie eine kleine Redaktion arbeitet. Alles manchmal ganz schön wuselig, aber eine echte Erfahrung!