Atzendorf l Diesen Tag werde ich locker-flockig nehmen! Denn bei meinen „Kollegen“ bei der Straßenmeisterei Atzendorf geht es auch immer locker zu. Sie nehmen den „ganz alltäglichen Wahnsinn“ mit Humor. Am Morgen meines Einsatztages steht sogar der Präsident der Landesstraßenbaubehörde Sachsen-Anhalt, Uwe Langkammer, vor dem großen Gebäude in Atzendorf, das samt Personal vom Land finanziert wird. „Das hätte doch nicht sein müssen“, sage ich zu ihm, der von allen scherzhaft „El Presidente“ genannt wird.

An der Tür des Pausenzimmers im Gebäude, das 2010 wegen der Zusammenlegung der Straßenmeistereien Schönebeck und Aschersleben neu gebaut wird, steht „Zentrum des Wahnsinns“. Eine humoristische Anspielung an die enorme Strecke von 320 Kilometer Landes- und Bundesstraßen, um die sich die 30 Kollegen hier kümmern. „El Presidente“, der gerade meine Einweisung gemacht hat, wird jetzt ernst und spricht über sein Anliegen: „Wir wünschen uns mehr Aufmerksamkeit für unser Mädels und Jungs in Orange“. Das egoistische und aggressive Verhalten der Autofahrer nehme eklatant zu. Vier- bis fünfmal im Jahr kracht ein Auto auf die Straßendienst-Fahrzeuge. Todesfälle gab es auch schon. Und weil auch mutwillige Beschädigung zunimmt – Leute hauen zum Beispiel mit dem Baseballschläger vom Auto aus die Leitpfosten um - beschäftige man mittlerweile Mitarbeiter, die sich nur mit Gerichtsverhandlungen und Schadensersatz befassen. Denn Verkehrsschilder und Co., die beim Unfall beschädigt werden, gehören dem Land und müssen von der Versicherung der Verursacher bezahlt werden.

Gerät piepst im Fahrrerraum

Aber Schluss mit der Theorie. Klaus-Dieter Füger will endlich los. Wie bei allen reicht auch bei ihm die Arbeitszeit kaum für die Arbeit. Bei Calbe hat ein Auto ein Verkehrszeichen umgedonnert und bei Schönebeck strahlen wieder „schöne“ FCM-Graffiti an der Brücke. Klaus-Dieter Füger gehört zur „Motorisierten Straßenaufsicht“. „Vier Tage die Woche kontrollieren wir und nehmen alle Schäden auf, am fünften Tag müssen wir sie abarbeiten“, sagt er. Bundesstraßen werden zweimal, der Rest einmal pro Woche gecheckt.

Bilder

Auf dem Weg zum Damaschkeplan bei Calbe piepst jetzt das Gerät im Fahrerraum. Es erfasst alle Schäden standortgenau per GPS und sagt uns: Wir sind angekommen bei unserem ersten Projekt! Ein Glück ist seit ein paar Jahren alles digital. Früher mussten die Kollegen Protokolle und Ortsangaben per Hand schreiben.

Hektisch läuft Klaus-Dieter Füger zu seinem übergroßen „Werkzeugkasten“. „Trabi und Wartburg hat man früher kommen hören, aber jetzt fahren sie dich um den Haufen“, sagt er. „Man hat seine Augen schon in Rund-um-Modus und trotzdem kann immer was passieren“. Er hebt ein neues Vorfahrtsschild in die Verankerung. Jetzt assistiere ich und hole Werkzeug. „Ich habe eine Schraube getragen!“, freue ich mich. Bestimmte Muttern soll ich auch aus der rollenden Werkstatt im Auto holen. Per Zufall greife ich die richtigen und das neue Schild steht. Ein Traum!

Da stimmt etwas nicht

Die Frage, ob er schon mal ein Verkehrszeichen falsch herum aufgestellt hat, kann ich mir nicht verkneifen. Mein „Kollege“ feixt: Ja, er hat nach einem Unfall mal das Vorfahrtsschild mit der Spitze nach oben angebracht. „Dann bin ich vorbeigefahren und dachte mir: ‚Da stimmt doch was nicht‘, aber ich konnte mir nicht erklären, was“, lacht er.

Aber jetzt werde ich schon wieder entführt und kann gar keine Schrauben und Muttern mehr reichen. Christoph David Feest, Leiter der Straßenmeisterei Atzendorf, holt mich in seinem schwarzen Dienstwagen mit den Warnstreifen auf der Motorhaube ab. Er hat noch so viel auf dem Plan!

Jetzt geht es gefühlt drei Mal durch das Gebiet der Straßenmeisterei Atzendorf (das zieht sich zwischen Gatersleben und Lödderitz, zwischen Schönebeck und Freckleben). Und jetzt muss ich lachen. Eine Kolonne aus mehreren Straßenwärter will gerade zum Baumschreddern am Elbe-Saale-Camp ansetzen. Jetzt kommen zwei Umweltaktivistinnen und bitten die Männer und die Azubine, das zu verschieben. „Die Umweltministerin kommt doch gleich“, flöten die Damen. Dennis Neudert, der das Sagen in der Truppe hat, grinst seinen Chef Christoph David Feest an. Eigentlich geht das nicht, denken beide. Denn für jeden einzelnen Baumschnitt, für jede Fällung hat die Straßenmeisterei eine Genehmigung. Baumpflege gehört doch auch zum Umweltschutz, denke ich sicherlich nicht als einzige.

Kein Stress

Aber weil keiner Stress mit dem Ministerium will, sucht sich die Truppe einen anderen Einsatzort. In einer Hauruck-Aktion zersägen Dennis Neudert und seine drei Kollegen jetzt einen Baum, den ein Auto „gefällt“ hat, als es im Graben einer Landstraße bei Schönebeck landete. Ich darf auch mal. „Ganz doll festhalten“, sagt Dennis Neudert. Mit Schutzmaske, Handschuhen und Ohrenschützern mache ich meinen Arm so lang wie möglich und schiebe einen Ast in die Monster-Maschine.

Die Kollegen sind immer mit zwei Fahrzeugen da – eins zum Aufstellen der Warnschilder und Kegel und eins mit dem Schredder. Die Sicherheit der Angestellten, die beim rasenden Verkehr arbeiten, steht an allererster Stelle. „Eigentlich nimmt das Aufbauen der Absicherung mehr Zeit in Anspruch als die eigentliche Arbeit“, kommentiert Christoph David Feest, der im Auto das Feld gegenüber ansteuert.

Er stellt mir jetzt jemand ganz Besonderen vor. Den „Baumwart“. Ja, er heißt wirklich so und es gibt ihn auch wirklich! Jede Straßenmeisterei hat einen. Peter Risch ist kaum aufzufinden im Dickicht. Er steht vor einer großen Pappel und guckt nach oben, in der Hand eine Art Tablet. Der Baumwart, der sich nach einer Ausbildung so nennen darf, kümmert sich um 13 000 Bäume im Gebiet der Straßenmeisterei Atzendorf plus 6000 Bäume der Autobahnmeisterei Plötzkau. „Alle Werte eines Baumes finde ich im System“, zeigt er auf seinem Bildschirm, wo alle Bäume eine Nummer haben. Per „Sichtkontrolle“ notiert er Dinge wie Pilzbefall, Fäulnis, Blitzeinschlag, Unfallschäden oder Totholz und ordnet Schnitt oder Fällung an.

Zentrum des Wahnsinns

Der Beruf des Straßenwärters, den beim Land Sachsen Anhalt 800 Personen ausüben und 90 an der Berufsschule Schönebeck erlernen, hat aber noch mehr zu bieten. Das wird mir an dem Tag bei meiner Reise durch den Landkreis alles gezeigt: Straßenreparaturen in Schwarz, Brückenerneuerung in Calbe, Mäharbeiten bei Atzendorf. Mit dem „Bauwart“, der auch für Brücken, Durchlässe und Tiefbau zuständig ist, kontrolliere ich waghalsige Fahrbahnmarkierungen auf der Straße bei Aschersleben.

Ich habe gar nicht gemerkt, dass der Tag schon vorbei ist. 15.30 Uhr sitzen alle beim Käffchen im „Zentrum des Wahnsinns“, machen ihre Witze und grinsen. 6.30 Uhr war Beginn.

Jetzt unterschreibt Leiter Christoph David Feest, der mal nebenbei noch die Leitung der Straßenmeisterei Plötzkau übergeholfen bekommen hat, am Schreibtisch ein Dokument nach dem anderen. „Gucken Sie mal“, grinst er und öffnet Bilder am Computer. „Unser Chef hat die Idee einer Landesmeisterschaft im Schneepflugfahren von einer Fachkonferenz der Bundesländer mitgebracht. Das machen wir hier am 21. August zum ersten Mal.“ Bei der Gag-Veranstaltung balancieren Straßenwärter mit den riesigen Fahrzeugen kleinste Bauteile. Es geht um Team-Motivation, Fahr-Fähigkeiten und Spaß. Jetzt muss ich wieder lachen. Schneepflugmeisterschaften? Sensationell, darüber muss ich schreiben!

Die nächste Folge der Sommerserie erscheint am kommenden Dienstag, 27. August: Dann arbeitet Heike Liensdorf als Pfarrerin. Bisher arbeiteten Olaf Koch als Bierbrauer, Enrico Joo als Schwimmmeister, Thomas Linßner als Kindergärtner, Falk Rockmann als Betonbauer, Sebastian Rose als Bootslehrer, Nora Stuhr als Tätowiererin und Jan Iven als Polizist.