Staßfurt l Manchmal hat die Motivation bei „Kennen Sie Ihre Heimat mitzumachen“ besondere Anlässe. In dieser Woche war das im Fall von Bernd und Ingrid Weinert aus Staßfurt so. „Das ist doch unser Auto“, hat sich Ingrid Weinert gedacht, als sie die Volksstimme am Dienstag aufschlug. Der zweite Blick bestätigte den ersten Gedanken. Tatsächlich: Vor dem Siedehaus am alten Wendelitz steht das weiße Vehikel französischen Fabrikates. „Den haben wir uns gleich nach der Wende gekauft.“

Unsere Leserin kramte zu Hause im eigenen Archiv und fand das Bild wie im Rätsel auf einer Postkarte wieder. Der einstige Staßfurter Kulturbund hatte das Motiv, das Karl Wächter fotografiert hat, so herausgegeben. Eine Karte aus der Auflage haben die Weinerts. „Die hat uns unsere Tochter geschenkt. Weil das Auto drauf zu sehen ist, das wir damals gerade verkaufen wollten.“ Das war 1994. Ingrid Weinert dreht die Karte. Spaßeshalber hat Tochter Claudia ein paar Zeilen zum Abschied des geliebten Gefährts verfasst.

Das gesuchte Gebäude kennen die Weinerts natürlich auch. Wenn doch schon immer das Auto davor stand. „Wir haben dort geparkt, wenn wir in der Stadt unterwegs waren“, sagt Bernd Weinert. Das Siedehaus habe einen eher traurigen Eindruck gemacht. „Ich weiß nur, dass eine alte Dame drin gewohnt haben muss. Sonst war da nicht mehr viel los“, meint unser Leser.

Bilder

Hanna Wegener aus Staßfurt weiß ein bisschen mehr über einen Bewohner des Siedehauses. Sie sagt, dass ein Heinz Nahrstedt dort gewohnt haben muss. „Er war der Fahrer des Kaliwerkes“, so die 75-Jährige, Viele alte Bodestädter würden sich an ihn erinnern, weil er immer mit seinem kleinen Hund spazieren gegangen ist.

Verlorengegangene Salzgeschichte

Margit Quaas aus Atzendorf wusste die Lösung auch. „Als Kinder haben wir immer rund um den Schiefen Turm gespielt“, berichtet die gebürtige Atzendorferin. Sie erinnert an die Geschichte des Gotteshauses. Am 27. Mai 1948 brannte das Schiff der Johanniskirche. Kinder hatten das Feuer verursacht - im Inneren gelagerte Schulbänke und Stroh brannten lichterloh. Das Kirchenschiff wurde abgetragen, der Turm blieb übrig und neigte sich immer mehr wegen Bergbauschäden am Untergrund 4,50 Meter aus dem Lot. 1964 bis 1965 verschwand auch er. Zum Siedehaus hat unsere Leserin keine weiteren Erinnerungen.

Da geht es Dieter und Hanna Schulze aus Staßfurt ganz anders. Denn Dieter Schulze war von 1953 bis 1968 Bergmann und hat im Berlepsch-Schacht gearbeitet. Als Mann vom Fach ist der Staßfurter traurig darüber, das niemand sich dafür eingesetzt hat, dass Siedehaus vor Verfall und Abriss zu bewahren. „Das ist ein Stück Staßfurter Geschichte. Das es weg ist, ist beschämend.“ Die neue Zeit habe kein Interesse mehr daran, die eigene Historie als Teil der eigenen Identität zu bewahren.

Das Siedehaus und Salzmagazin gehörten zu den letzten historischen Betriebsanlagen der Staßfurter Saline. Zunächst gab es in Staßfurt die Pfännerschaftliche Saline von 1452 bis 1797, dann wurden die Salinen an die königlich-preußische Verwaltung verkauft. Sie riss die alten Salzhütten ab, baute ein moderneres, leistungsfähigeres Siedehaus in massiver Bauweise, das am 16. November 1800 in Betrieb ging. Nach einem Brand 1854 blieb nur noch das Wohnhaus des Obersiedemeisters stehen, ein weiteres wurde später angebaut. In dem Siedehaus wurde bis Ende 1859 Siedesalz hergestellt.

Teile des Hauses eingelagert

Seit der Wende versucht Staßfurt, städtebaulich den Bergbaufolgeschäden zu begegnen. Die Geschichte der Stadt ist eng mit der Salzgewinnung verbunden. Der Kali-Bergbau machte Staßfurt im 19. Jahrhundert zu einer der damals reichsten Städte Deutschlands. Der Abbau erfolgte unmittelbar unterhalb des Stadtgebietes. Das forderte seinen Tribut. Den bereits Ende des 19. Jahrhunderts kam es zu Wassereinbrüchen in den Gruben sowie zu Senkungen und Einbrüchen der Erdoberfläche. Das betroffene Gebiet umfasst 200 Hektar und durchzieht die Innenstadt. Ein Zentrum der mehr als sieben Meter umfassenden Senkungen liegt im Kernbereich der historischen Altstadt. Viele Gebäude mussten abgebrochen werden. Lange Zeit war deshalb die Altstadt durch eine Schneise gekennzeichnet. Spezialisten kümmerten sich zunächst darum, die Grundwasserhaltung zu regulieren und zu dezentralisieren. Im Rahmen der Internationalen Bauausstellung 2010 wurde dann der Bereich um Markt und Wendelitz mit viel finanzieller Förderung umgestaltet. Im Senkungstrichter entstand der Stadtsee. Dafür musste auch das Siedehaus Platz machen. 1993 noch lehnte der Denkmalschutz den Abriss des Gebäudes ab. Seine Fachwerkkonstruktion ist dokumentiert, die Balken nummeriert und eingelagert worden, auch um es irgendwann einmal an anderer Stelle wieder aufzubauen. Doch dafür gibt es aktuell keine Pläne.

Die richtige Lösung wussten auch Erika Schulze, Uwe Priese, Erich Ulrich und Marion Brehmer. Gewonnen hat Margit Quaas. Sie kann sich ein kleines Geschenk in der Redaktion abholen.