Staßfurt l Die Sonne ist ein zuckendes Augenlid und flackert nervös hin und her. Mal wackelt sie hinter den Wolken lang, dann schaut sie vorsichtig wärmend hervor und zwischendurch regnet es sogar. „Kannst du dich bitte mal entscheiden?“ Ich schaue hoch in den Himmel und schüttle den Kopf. Erst friere ich, dann schwitze ich. Ich werde nass und wieder trocken, dann schwitze ich wieder. Diesmal wegen der körperlichen Arbeit.

Es ist der Montag nach dem bisher wärmsten Tag des Jahres. Es ist 7.30 Uhr und ich stehe in Badelatschen, einem viel zu engen roten, geliehenen Shirt und Badehose im Sand des Strandsolbads. Ich habe weiße Handschuhe an, in der linken Hand einen Mülleimer und bücke mich. Immer und immer wieder. Meine rechte Hand greift in den Sand, geht nach links, befördert Zigarettenstummel, volle Flaschen, Dosen, auch Glasscherben, Plastiklöffel, Pommesschalen und immer wieder kaputte Luftballons in den Eimer.

Für die Sommerserie der Volksstimme habe ich mir den Beruf Bademeister im Strandsolbad Staßfurt ausgesucht. Ich bekomme ausgerechnet den Termin nach dem Hitze-Sonntag, an dem die Stadt zudem noch eine riesige Strandbadsause gefeiert hat.

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Am Montag danach sehen der Strand und der Rasen entsprechend ein wenig vermüllt aus. Wie nach einer riesigen Party eben. Ich begrüße Bademeister Frank Kowalzik, dem ich assistieren darf, am für mich frühen Morgen (Volksstimme-Redakteure fangen eigentlich später an zu arbeiten) und er teilt mich nach der kumpeligen Begrüßung als Müllsammler ein. Ich treibe mich nur auf der rechten Seite vom Eingang herum, das dauert aber schon fast anderthalb Stunden, bis dieser entfernt ist. Ganz ehrlich: Leute, nehmt euren Müll mit, die Mülleimer stehen nicht weit entfernt.

Ungeahnte körperliche Arbeiten

Ich hatte mir das Leben als Bademeister entspannter vorgestellt. In meinen Träumen spritze ich wie David Hasselhoff in „Baywatch“ den Strand entlang. Die Realität ist trauriger. Ich bin nicht so muskulös, 25 Zentimeter kleiner und ausruhen kann ich mich auch nicht. Ich puste zudem noch den Weg am Strand mit einem Laubbläser frei, gieße Blumen und sammle Algen auf. Das ist teilweise körperlich schwere Arbeit. Dabei ist das nur ein Teil. Unkraut muss gezupft, Rabatten müssen gehackt, Algen mit dem Boot abgefischt, der Strand geharkt, Wege und Treppen gefegt werden. Frank Kowalzik tigert an diesem Montag schon seit 6.30 Uhr im Strandsolbad herum, nachdem er am Vortag von 6 bis 20 Uhr gearbeitet hat. Es ist tatsächlich ein harter Job. „Das ist natürlich speziell“, sagt Kowalzik. „Man muss sich damit abfinden. Mir macht der Job aber wirklich Spaß. Du freust dich, wenn alles schick ist.“

Seit 2016 ist der 47-Jährige, der locker für Ende 30 durchgeht, Bademeister in Staßfurt. Oder wie das richtig heißt: Fachangestellter für Bäderbetriebe. Denn Bademeister werden kann nicht jeder einfach so. Kowalzik, der vorher Konstruktionsmechaniker und viel auf Montage war, hatte einen erhellenden Moment, als er zwei Monate am Löderburger See als Rettungsschwimmer aushalf. Das wollte er auch. Er orientierte sich um, machte eine Ausbildung, in der auch Themen wie Recht und Wirtschaft oder Wasseraufbereitung auf dem Plan stehen und ist nun seit drei Jahren der Mann, der die Verantwortung trägt.

Neben ihm gibt es mit Laura Barnick eine weitere ganzjährig angestellte Bademeisterin. Zur Saison im Sommer kommt eine dritte Kollegin. Dazu gib es sechs Rettungsschwimmer, meist Studenten oder Auszubildende. Und weil die neun Aufpasser sich auch um den Albertinesee kümmern müssen, es auch mal Krankenstand gibt, sind die Arbeitszeiten oft enorm ausgedehnt. „Wenn alle da sind, gibt es zwei freie Tage und ich werde 15 oder 16 Uhr abgelöst“, erzählt Kowalzik. Trotzdem häufen sich zahlreiche Überstunden an.

Freier Winter

Wenn alle anderen in den Urlaub fahren, gibt es bei Bademeistern im Sommer Urlaubsstopp. Logisch. Dafür sind die Winter lang und arbeitsfrei. Im November, Dezember, Januar und Februar wird in der Regel kein Handschlag gemacht. Die große Freizeit braucht es. „Wenn die Sommerferien vorbei sind, bist du breit“, sagt Kowalzik. „Nach vier Wochen im Winter bin ich erholt, nach weiteren vier Wochen habe ich schon wieder Lust zu arbeiten. In diesem Jahr habe ich am 1. Februar angefangen“, sagt Kowalzik. Bis zum Mai werden vorbereitende Arbeiten erledigt. Bäume oder Hecken werden beschnitten, auch die Gebäude gestrichen. Wenn Mitte Mai die Bäder ihre Pforten öffnen, ist alles picobello. Was so leicht aussieht, ist harte Arbeit. Auch im Oktober und bis in den November stromern die Bademeister durch die Bäder, um diese winterfest zu machen.

Daneben lastet große Verantwortung auf den doch nicht so breiten Schultern. „Da wächst man rein“, sagt Kowalzik. „In meiner Zeit ist zum Glück noch nichts passiert.“ Einmal gab es einen Herzinfarkt. Beim proppevollen Tag am 30. Juni gab es einen kleinen Vorfall, als ein dreijähriges Mädchen schon Wasser geschluckt hatte. Doch alles ging gut. „Die Gefahr ist dabei nicht nur im Wasser, sondern auch am Wasser“, so Kowalzik. Ertrinkende rufen nicht um Hilfe. Diese zu erkennen, braucht mehr Erfahrung, als man denkt. Und gerade so ein Sonntag mit 1400 Badegästen erfordert höchste Konzentration. „Da kriegt man abends Kopfschmerzen“, sagt Kowalzik. Die nur zwei Augen gehen aber auch immer den Strand entlang. Wer sitzt vielleicht zu lang in der Sonne, wer verhält sich auffällig? Verantwortung für über 1000 Badegäste zu haben, erfordert viel Geschick.

Wer hat an der Uhr gedreht?

An diesem Montag ist es aber kühler und deutlich leerer. Nach drei Stunden vorbereitender Arbeiten ruft Kowalzik mir hinterher. „Los, jetzt trinken wir einen Kaffee.“ Wieso fragt er mich das erst jetzt? Gern. Sehr gern. Endlich Pause. Die Sandkörner knirschen an unseren nackten Zehen, wir blicken aufs Wasser, es ist kurz nach 9 Uhr. Ein paar Schulen haben sich angemeldet. Die aufgeregten Kinder stehen seit 8.45 Uhr vor dem Eingang und warten darauf, dass sich die Tore öffnen. Da stand ich noch dahinter und blies den Sand vom Weg. Mittendrin gibt der Bläser den Geist auf, das Benzin ist alle. Der Weg ist nur zur Hälfte frei, aber Kowalzik entlässt mich aus dieser Arbeit.

Der normale Betrieb geht 10 Uhr los. Aber auch jetzt bleibt der Ansturm aus. „Das ist nach so einem Wochenende aber auch nicht schlecht, da kann man mal durchatmen“, sagt Kowalzik. Da könnte der Chef im Strandsolbad auch mal selbst ins Wasser springen. Wenn da nicht dieser Praktikant von der Zeitung wäre, der ihn mit Fragen bombardiert.

Weil Kowalzik seinen Job liebt, überlegt er sogar, sich weiterzubilden. „Ich möchte noch den Rettungssanitäter machen“, sagt er. Um den Badegästen noch mehr Sicherheit zu geben. Denn die steht immer und zu jeder Zeit an vorderster Stelle.

Frank Kowalzik ist aber auch ein Mann, der spricht, wie ihm die sprichwörtliche Schnauze gewachsen ist. Wir quasseln nicht nur über seine Arbeit, sondern auch über Autos, die Steuererklärung (!), Ernährung oder den Urlaub. Kowalzik ist ein cooler, braungebrannter Typ, der die Leute im Bad grüßt. „Es ist übersichtlich. Man kennt alle Ecken“, sagt er. Und alle Leute. „Man bekommt auch viel zurück.“ Vor allem jene, die den Schalk mit der Gießkanne verteilen. Immer abends, wenn der erhitzte Sand sich legt, die rote Abendsonne hinter die Bäume abtaucht und sich das Bad leert, muss der Bademeister den Rausschmeißer machen.

Kowalzik könnte jeden einzelnen Badegast drauf hinweisen, dass das Bad schließt. Es geht aber auch einfacher. Und viel lustiger. „Wir machen die Titelmelodie von ‚Der rosarote Panther‘ an“, erzählt Kowalzik lachend. Wer hat an der Uhr gedreht? Ist es wirklich schon so spät? War‘s die Auszeit im Kopf, das schöne Wetter oder doch der Bademeister? Irgendwann ist aber eben Zeit zu gehen.

So auch für mich. Nach vier Stunden sitzen Frank Kowalzik und ich lachend auf der kleinen Bank vor dem Nichtschwimmerbereich. Ich muss so langsam los. Wie wir intern so sagen: Es muss ja auch noch eine Zeitung gemacht werden. In meinem zweiten Leben wäre ich aber gern Bademeister. Frische Luft, viele Gespräche, immer am Wasser. Das wiegt all die körperliche Arbeit und die Verantwortung auf. In meinen lächelnden Träumen bin ich vielleicht doch David Hasselhoff.