Staßfurt l Zur "unchristlichen Zeit" um 4.30 Uhr klingelt der Wecker. Im Normalfall schaffe ich es, ohne diese Nervensäge meinen Alltag zu beginnen. Ja die Arbeit fängt bei uns in der Redaktion später an, weil der Tag nicht selten auch erst am späten Abend endet. Wer schonmal bei einer Stadtrats- oder Verbandsgemeinderatssitzung war, weiß, was ich meine.

Heute bin ich aber bereits zu 6 Uhr auf dem Hof des Stadtpflegebetriebs verabredet. "Du willst wohl auf Safari?" wird der Neue mit dem Sonnenschutz auf dem Kopf von Teamkoordinatorin Yvonne Henschel begrüßt. "Nö, es soll doch wieder heiß werden!"

Das wird es. Doch als Erstes teilt mich meine Chefin auf Zeit in ein Team des Grünbereichs ein, gibt mir Arbeitshandschuhe und eine Warnweste dazu. Noch ein prüfender Blick auf meine Schuhe – Naja..., gehen geradeso durch.

Bilder

Wir duzen uns

"Wir duzen uns", sagt Sabine und reicht mir die Hand. Gleich sitzen neben uns noch Petra und Heiko mit in der Mannschaftskabine des Crafters. Die Tagesaufgabe ist klar: Randstreifen und Bäume am Löbnitzer Weg müssen auf Vordermann gebracht werden, in der Maybachstraße gibt‘s hier und da etwas zu "putzen". Es geht sofort vom Hof, nachdem Sabine den Aufsitzer auf den Hänger gefahren hat, der Handrasenmäher und die Motorsensen aufgetankt und ebenfalls sicher verstaut sind.

"Wie wird das Wetter heute, wieder so warm?" fragt Sabine am Lenkrad. Es soll wärmer werden und schwül wie in einer Waschküche, gebe ich weiter, was im Radio zu hören war. Und schon sind wir am Arbeitsort.

Ohne große Umschweife wird mir gezeigt, wie der Handrasenmäher funktioniert – fast wie der zu Hause. Allerdings gibt hier nun der Radantrieb den Takt vor. Viel Spielraum lässt die Geschwindigkeitsregelung jedenfalls nicht. Und der Antrieb verlangt schon etwas mehr Aufmerksamkeit, das 62 Kilogramm schwere Gerät an der Bordsteinkante entlang und um Bäume herum zu manövrieren. Ab geht‘s!

Wir haben einen Auftrag

"Frisch, fromm, fröhlich, frei" ziehe ich nach der Einweisung meine ersten Bahnen. Schön, so an der frischen Luft zu sein, denke ich nach den ersten Metern. So richtig abschalten kann ich aber doch nicht. "Schade eigentlich, diese wenigen Stengel und seltenen Disteln bei der Trockenheit plattzumachen..." sinniere ich. "Wir haben einen Auftrag", bekomme ich irgendwann als Gegenargument darauf zu hören.

Als Ruhe-liebender Mensch stört mich bald das Gebrumme des Benzinmotors. Ich hatte meinen Gehörschutz vergessen, muss ich dazu sagen. Den trägt sonst jeder hier. Denn zum eigenen Gerät kommt ja noch das Gedröhne der beiden Freischneider mit jeweils 100 Dezibel dazu, mit denen Petra und Heiko wenige Meter neben mir im Einsatz sind. Und der Aufsitzer, auf dem Sabine offensichtlich am liebsten sitzt, so wie sie mit dem Gefährt "Vor-zurück-zur-Seite-ran" über die Flächen tanzt – wie im Walzertakt auf einem Karussell.

Die Freude an der – für mich Abwechslung bedeutenden – Arbeit hält jedenfalls nicht lange an. Es beginnt, immer mehr zu stauben bei dieser Dürre. Jetzt kommen noch eklige Tretminen dazu, die die Rasenflächen zieren. Der Löbnitzer Weg ist eine der Hunde-Kack-Meilen in Staßfurt.

"Der Königsplatz und die Straße An der Bode sind auch ganz schlimm", weiß Sabine aus Erfahrung. Petra ergänzt später bei einer Pause: "Wenn‘s trocken ist, geht‘s ja noch. Aber bei feuchtem Wetter, wenn die Geräte öfters sauber gemacht werden müssen oder uns die Sch... beim Mähen um die Ohren fliegt, macht das wahrhaftig keinen Spaß." "Hunde sind ganz schön, aber es gibt doch auch so kleine Tütchen", meint Sabine, die die Halter mitführen und für den Fall der Fälle nutzen könnten. Ich frage mich derweil, wie die Hundehalter ihre Lieblinge auf solchen Rasenflächen laufen lassen können, auf denen alle halben Meter diese – sicher auch deren eigenen – Tretminen lauern.

Wir haben viel zu ertragen

Auch das Leeren des Fangkorbs auf die Ladefläche ist jedesmal eine staubige Angelegenheit. Den Gestank bekomme ich nie mehr aus der Nase, ist zu vermuten. Und jetzt weiß ich auch, warum ich die Arbeitshandschuhe trage.

Irgendwann sind die aber lästig und die Hunde-Meile geschafft. Nach etwa zwei Stunden ist Trinkpause angesagt. "Sei froh, dass es heute nicht so warm ist", ruft mir Petra zu, "gestern hat der Planet schon um 8 Uhr gedrückt!" Ich weiß nicht, wieviel gerade noch an der 30-Grad-Marke fehlt. Mir reicht‘s jedenfalls schon.

Zur Abwechslung darf ich jetzt den nervigen (104-Dezibel-)Laubpuster in die Hand nehmen, um die Fußwege sauber zu blasen. Nach einer weiteren Etappe mit dem Rasenmäher bekomme ich die Baumschere. Die arbeitet mit mir so herrlich leise und ohne Geschwindigkeitsvorgabe. Der Austrieb an den Linden muss dennoch ab.

"So hoch wie du kommst!", höre ich eine nette Anweisung, und noch: "Untenrum machen wir‘s mit der Motorsense."

Das macht Spaß, die Stämme sauber zu schneiden. An einem reicht aber die Schere nicht aus. Ich bekomme eine kleine Taschensäge. Die Linde war wohl beim letzten Durchgang vergessen worden? Das ist menschlich, es passiert.

Wie viele Bäume gibt‘s eigentlich im Stadtgebiet, die regelmäßig gepflegt werden müssen? Das kann mir nach meinem Feierabend später im Büro niemand sagen. Den Feierabend als Stadtpfleger trete ich übrigens gegen 12 Uhr an, weil ich ja auch noch ein paar Fragen habe und nach der Dusche zu Hause zwischendurch auch noch in der Redaktion was zu erledigen habe.

Wie viele Quadratmeter Grün zu pflegen sind zwischen Atzendorf und Neundorf wird mir aber mitgeteilt: Fast eine Million nämlich: Grünflächen, Friedhöfe, Spielplätze. Das sind rund 100 Fußballfelder. Und das mal sechs im Normalfall. Je nach Vegetation variiert das in einem Jahr. Dann kommt natürlich dazu, dass die Grünflächen mit unzähligen Bäumen und Sträuchern versehen sind, mit Nischen und Bordsteinkanten wie in Neundorf. Da fährt man dann eben doch nicht so einfach mal drüber wie über einen Fußballrasen.

Drei bis vier Trupps mit je drei Leuten stehen für die Grünflächen zur Verfügung. Für größere Flächen sind noch drei Trecker mit Mähwerk für den Pflegebetrieb im Einsatz. "Wir haben das Glück, dass wir uns mit Saisonkräften verstärken konnten", erklärt Teamkoordinator Rainer Busse. Er hat dabei auch den Altersdurchschnitt der Kollegen von 52 Jahren im Blick.

Aber nochmal zurück zum Löbnitzer Weg. "Sieht ja ganz gut aus, aber nicht solche Kleiderhaken, bitte!", höre ich beim Ausschneiden eine Stimme hinter mir. Ja, okay, wird nachgebessert. Die Arme werden langsam schwer an der Mini-Säge. Den Laubpuster, eigentlich nur fünf Kilogramm schwer, würde ich nach zehn Minuten am liebsten auf dem Transporter unterm Grünschnitt verstecken. Allgemein schwindet die Energie seit der Frühstückspause zusehends.

Alle Achtung, liebe Stadtpfleger. Mir würden vor allem die Motorgeräusche gehörig auf die Nerven gehen. Wie hält man das bloß den ganzen Sommer durch? Das schafft man sicher nicht nur mit Gewohnheit und Gehörschutz?!

Wir wissen, was wir machen

"Wir lieben es, im Freien zu arbeiten", erklärt Petra. In einer Halle sein oder am Computer arbeiten, das wäre nichts für sie. Auch Sabine könnte nicht im Büro sitzen. „Arbeiten muss man überall. Das Schönste hier bei uns ist, dass wir als Kollegen so gut zusammenarbeiten“, ergänzt sie und legt dabei ihren Arm um Petras Schultern. Während Sabine und Heiko eher den Sommer mögen und nur ungern an die frostige Winterzeit denken, wenn die Bushaltestellen möglichst spätestens 7 Uhr von Eis und Schnee beräumt sein müssen, bräuchte Petra die Sonne nicht. Aber darin sind sich alle drei einig: Es gibt kein schlechtes Wetter, es gibt nur unpassende Kleidung.

Eben so wie unpassende Bemerkungen, die sich die Mitarbeiter des Stadtpflegebetriebs manchmal anhören müssen. "Wir wissen, dass wir in der Öffentlichkeit stehen mit unserer Arbeit. Wir können aber auch nicht mehr als arbeiten. Und das machen wir, so gut es geht", sagt Petra selbstbewusst. Ihr Team weiß, was es geschafft hat nach einem Arbeitstag. So ein Arbeitstag reicht im Sommer von 6 bis 15.45 Uhr, im Winter von 7 bis 16 Uhr (wenn nicht Schnee und Eis in der Nacht schon zum Ausrücken zwingen).

"Man fährt auch mit ganz anderen Augen durch die Stadt, wenn man hier arbeitet", erklärt Sabine. Und die Staßfurterin hat sogar einen Lieblingsplatz, an dem sie gern verweilt: Die Sonnen-Uhr im Friedrich-Engels-Ring. Für Petra ist es der Sperlingsberg und vor allem das Strandbad. Heiko weiß den Stadtsee zu schätzen.

Mein Fazit: Bei der Arbeit im Grünbereich des Stadtpflegebetriebs bekommt man ebenso Rückenschmerzen wie am Computer. Das sollte jeder wissen. Im Sommer ist es sehr schön, im Freien zu sein. Ich möchte dennoch nicht tauschen. Und auch bei der heimischen Gartenarbeit gibt es dieses ständige Motor-Gedröhn nicht. An den zeitigen Arbeitsbeginn könnte man sich sicher gewöhnen. Ist ja dann auch zeitiger Feierabend. Schön, dass sich die Kollegen so gut verstehen. Es ist ein herrlich unkompliziertes Arbeiten.

Die nächste Folge der Sommerserie: Fährhelfer. Bereits erschienen: Mitarbeiterin in der Kreiseinsatzleitstelle, Tierpflegerin, Zustellerin.