Staßfurt/Schönebeck l Lisa Suckel atmet ein und aus und muss sich erst einmal setzen. Die Schulsozialarbeiterin von der Förderschule „Pestalozzi“ in Staßfurt ist ein bisschen gerannt, weil höchste Alarmstufe herrschte. Sie entschuldigt sich, obwohl sie einfach nur ihren Job gemacht hat. Wieder war es diese sechste Klasse, in der Aufruhr herrschte. Der Hilferuf erreichte Suckel. Sie musste verbal eingreifen, schlichten und beruhigen.

Die Schulsozialarbeiterin nimmt die Geschwindigkeit aus dem Streit. Und das ist nur eine der zahlreichen Aufgaben, die Suckel und ihre 32 Kollegen im Salzlandkreis haben. Eigentlich sind sich alle einig: Schulsozialarbeit ist wichtig und wird gebraucht. Doch mehr denn je ist die Fortführung an den Schulen im Land fraglich. Bekannt ist: Ende Juli 2020 läuft das ESF-geförderte Programm „Schulerfolg sichern“ aus. Damit ist der Fortbestand der Schulsozialarbeitsprojekte und auch der koordinierenden Netzwerkstelle wacklig.

Der Aufschrei ist groß. Unter der Überschrift „Netzwerkstellen dauerhaft verankern!“ initiierten die Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft Sachsen-Anhalt (GEW), der Landeselternrat, der Landesschülerrat, die LIGA der Freien Wohlfahrtspflege und die Deutsche Kinder- und Jugendstiftung eine Unterschriftensammlung für den Erhalt der Schulsozialarbeit, die landesweit von Januar bis Ende Mai über 118 000 Unterschriften einbrachte, über 5000 kamen auch aus dem Salzlandkreis.

Übergangsfinanzierung

Im Hintergrund wird fieberhaft an einer Lösung gearbeitet. „Wir sind dabei eine Konzeption für die zukünftige Arbeit der Schulsozialarbeit zu erarbeiten. Ziel des Bildungsministeriums ist es, eine dauerhafte Implementierung der Schulsozialarbeit zu erreichen“, teilt Stefan Thurmann, Pressesprecher beim Bildungsministerium, mit. „Dazu werden derzeit parallel zahlreiche Möglichkeiten eruiert. Eine der Lösungen könnte über eine weitere Finanzierung über den Europäischen Sozialfond sein. Eine weitere könnte eine Finanzierung über Landesmittel sein. Derzeit finden dazu interne Abstimmungen bzw. Haushaltsverhandlungen statt. Um den Trägern der Schulsozialarbeit Planungssicherheit zu geben, wurde eine Übergangsfinanzierung für das Schuljahr 2020/2021 im aktuellen Haushalt verankert.“

Was nach 2021 passiert ist unklar. Auch der Salzlandkreis ist aber sehr daran interessiert, dass es weiter geht. „Es ist wichtig, eine Kontinuität und Verlässlichkeit herzustellen. Mit Unklarheiten am Ende von Förderperioden spielt man mit den Emotionen der Schulsozialarbeiter und der Kinder“, teilt Landrat Markus Bauer (SPD) mit. Selbst aktiv werden kann der Kreis aber nicht. „Grundsätzlich geht der Salzlandkreis davon aus, dass es Aufgabe des Landes Sachsen-Anhalt ist, eine Vollfinanzierung sicherzustellen“, so Pressesprecher Marko Jeschor. „Inhaltliche Gründe, die gegen eine Fortführung des ESF finanzierten Programms sprechen, gibt es aus Sicht des Salzlandkreises nicht!“

Die Schulsozialarbeiter im Kreis jedenfalls blicken in eine ungewisse Zukunft. „Es gibt Kollegen, die sich schon umschauen. Vielen ist das zu unsicher, Leute brechen weg. Junge Menschen brauchen Sicherheit. Die Zusage bis 2021 ist nichts Halbes und nichts Ganzes“, sagt Sina Keßler, Schulsozialarbeiterin an der Goethe-Grundschule Staßfurt. „Mein Herz hängt dran, ich fahre gerne auf Arbeit. Mir wird auch vermittelt, dass ich unverzichtbar bin.“

Die Angst bleibt

Sorgenfalten hat auch Loreen Brautzsch, Schulsozialarbeiterin an der Lessing-Grundschule in Calbe. „Die Angst um den Job betrifft uns alle“, sagt sie. „Der Bedarf ist einfach da. Es ist nicht gut, wenn es immer wieder neue Befristungen gibt. Gäbe es keine Schulsozialarbeit mehr, würden viele Projekte hinten runterfallen.“ Nachdenklich ist Anne-Kathrin Werner, die an der Sekundarschule Förderstedt als Schulsozialarbeiterin arbeitet. „Es ist traurig, dass es nach zehn Jahren noch immer keine festen Zusagen gibt. Man lebt mit gewissen Existenzängsten. Die Angst bleibt, trotz der Finanzierung bis 2021.“

Dabei ist laut Michael Jacob, stellvertretender Vorsitzender beim Landeselternrat, sogar unklar, ob alle Schulsozialarbeiter nach 2020 gehalten werden. „Grundschulen werden nur berücksichtigt, wenn noch Geld da ist“, sagt er. Eine Vollfinanzierung sei noch unklar. Am 26. September wird es einen Aktionstag geben auf dem Domplatz in Magdeburg, an dem alle 33 Schulsozialarbeiter im Kreis teilnehmen werden. Der Landeselternrat will zudem im Herbst ein Volksbegehren starten, um Schulsozialarbeit ins Schulgesetz schreiben zu lassen. Der Druck wächst.