Staßfurt l An der Bodebrücke halten Menschen an und schauen nach unten zum Fluss. Auf der Liebesbrücke, 500 Meter weiter in der Horst, erhaschen Radfahrer einen Blick aufs Wasser. Anja Urban hält an. „Ich habe die toten Fische gestern hier gesehen", erklärt die Staßfurterin besorgt. Ob der Klimawandel daran schuld sei?

Die vielen Fischkadaver, die hier am Mittwoch lagen, sind weg. Ein zuständiger Angler hat hier rund 30 tote Tiere aus der Bode geholt und die „Fundstelle" beräumt, hatte die Fischereibehörde des Salzlandkreises mitgeteilt. „Einer liegt dort noch", zeigt Anja Urban auf das Ufer

Das Fischsterben in Staßfurt, das am Montagabend zum ersten Mal in der Bode entdeckt worden, macht auch Stadträten Sorgen. Matthias Büttner (AfD) sprach das Problem im Stadtratsausschuss für Umwelt am Dienstag gleich an. „Am Sonnabend noch habe ich quietschfidele Fische an der Liebesbrücke gesehen und am Dienstag waren sie tot."

Da Kadaver erst ab der Einleitstelle der Soda, 150 Meter weg von der Liebesbrücke, zu sehen waren, vermutet Büttner einen Zusammenhang. „Ich möchte wissen, was die Ursache war, da dieses Fischsterben offensichtlich regelmäßig in Staßfurt vorkommt." Oberbürgermeister Sven Wagner (SPD) sagte: „Das Problem ist der Verwaltung bekannt und auch wir haben es der Wasserbehörde gemeldet."

Dass das Fischsterben in der Bode regelmäßig vorkommt, ist in Staßfurt bekannt. Bernd Manneck vom Landesanglerverband Sachsen-Anhalt hatte der Volksstimme bereits gestern erklärt, dass Wärme und niedrige Wasserstände in einem Fluss keine Ursachen für einen plötzlichen Tod von Fischen sein können.

Fundort ist nicht gleich „Tatort“

Zu den Fotos aus Staßfurt, die ihm die Redaktion sendet, erklärt der Fischexperte: „Für mich sieht es so aus, als ob die toten Fische in dem Bereich nur angetrieben wurden, also bereits tot angespült wurden." Dies würde erklären, warum Spaziergänger neben den sterbenden Fischen andere putzmuntere Fische gesehen haben. „Wie der Kriminalpolizist sagen würde: Fundort ist nicht Tatort." Also vor Liebesbrücke und Bodebrücke müssen die Fische verendet sein.

Bilder

Dass die Soda überhaupt noch Abwasser in die Bode einleitet, steht schon lange auf dem Prüfstand. Das Unternehmen selbst hat aktuell technisch keine andere Möglichkeit, das Wasser loszuwerden. Mehrere Ideen, unter anderem eine Pipeline für Elbe zu bauen, stehen im Raum.

Aber insgesamt 60 Unternehmen, Verbände, und Landwirte leiten in Staßfurt Abwasser in die Bode. Nach Volksstimme-Informationen sollen diese Vorgänge künftig stärker vom Land überwacht werden.

Die aktuelle Einleit-Genehmigung der Ciech Soda, die das Land Sachsen-Anhalt vor 1990 beziehungsweise 2003 ausgestellt hat, ist umwelttechnisch fragwürdig. Da die Produktion ohne Abwasser aber nicht möglich ist, bleibt die Erlaubnis bestehen. So erklärt es das zuständige Landesverwaltungsamt. Zu einer richtigen Havarie mit auslaufenden Chemikalien wie im November 2018, über die Ciech Soda auch öffentlich berichtete, war es zuvor das letzte Mal am 22. Juli 2014 gekommen.

Landtag hat sich eingeschaltet

Auch der Landtag Sachen-Anhalts hat sich eingeschaltet. Im Januar stellte der Abgeordnete Olaf Meister (Bündnis 90/Die Grünen) aus Magdeburg eine Anfrage an die Landesregierung zum Fischsterben am 14. November 2018. Diese ergab, dass durch eine Havarie im Sodawerk eine „fünfprozentige Ammoniaklösung" in die Bode gelangt sein könnte. Mit Ciech Soda wollte der Landtagsabgeordnete weitere Sicherungsmaßnahmen gegen solche Vorfälle besprechen. Sein Büro teilt der Volksstimme aber mit: „Die vor der Sommerpause bereits vereinbarten zwei Termine mit Ciech Soda sind durch gegenseitige Verhinderung nicht zustande gekommen. Herr Meister wird nach seinem Urlaub einen neuen Anlauf für einen gemeinsamen Termin nehmen."

Die AfD-Fraktion hakte Ende Juli nochmal nach, indem ihre umweltpolitische Sprecherin Lydia Funke weitere Informationen zum Fischsterben 2018 abfragte

Zur Havarie vom November 2018 ermittelt sogar die Staatsanwaltschaft Magdeburg. Dazu teilt das Landesverwaltungsamt mit: „Die Untere Wasserbehörde nahm Proben der in die Bode eingeleiteten Flüssigkeiten, die der Polizei zur Analyse
übergeben wurden." Die Wasserproben sind Teil der staatsanwaltlichen Ermittlungen. Da diese aber noch laufen, könne die Landesbehörde keine Ergebnisse der Analyse mitteilen.

Oberstaatsanwalt Frank Baumgarten in Magdeburg erklärt: „Eine abschließende Entscheidung in dem Verfahren steht aus." Weitere Details versuche er in der kommenden Woche zu erfahren.