Staßfurt l „Mit einem schweren Einkaufswagen ist der Fahrstuhl schon klasse“, sagt Jutta Gildehaus und schickt hinterher: „Und den Fahrstuhl hört man gar nicht.“ Die Rentnerin holt Untertassen und Kaffee aus ihrer offenen Küche, schenkt ihren Gästen Ralf Klar und Daniel Bierbach ein. Der Geschäftsführer und der Verwalter der Wohnungs- und Baugesellschaft (Wobau) Staßfurt statten der Dame in einer ihrer neu sanierten Wohnungen einen Besuch ab.

Jutta Gildehaus gehört nach 30 Jahren in Staßfurt-Nord fast zu den „Ureinwohnern“ des Viertels, das in den 1970er Jahren aus dem Nichts für Arbeiterwohnungen hochgezogen wurde. „Ich hatte schon Bedenken, dass mir der Umzug zu viel wird“, sagt sie. Von ihrer Couch aus schaut sie verträumt nach draußen. „Aber jetzt bin ich froh, dass ich es gemacht habe“. Die Rentnerin war in der August-Bebel-Straße eine Hausnummer weiter gezogen, begleitet vom Umzugsmanagement ihres Vermieters und der Verwalterin Petra Kwade, die bei Problemen zur Seite stand.

Sanierung mit Landesmitteln

Mit Gesamtkosten von 1,2 Millionen Euro inklusive Fördermitteln vom Land Sachsen-Anhalt hat die Wobau die Hausnummern 16 und 17 saniert. Wie Jutta Gildehaus sind einige Mieter aus den benachbarten Hausnummern, die eigentlich nur für die Zeit des Umbaus umziehen sollten, geblieben. Die restlichen Wohnungen waren sofort weg.

„Der Fußboden ist schnell zu wischen, alles ist praktisch, hell und bequem“, sagt die Seniorin. Auch für die August-Bebel-Straße 18 bis 20, wo aktuell Bauarbeiter am Werk sind und 3,5 Millionen Euro fließen, ist das Ziel ganz klar: Altersgerechtes, modernes Wohnen. „Wegen der Nachfrage nach kleinem und bezahlbarem Wohnraum werden in der 18 auch Grundrissänderungen vorgenommen“, so Wobau-Geschäftsführer Ralf Klar. Drei-Raum-Wohnungen werden zu Ein- oder Zwei-Raum-Wohnungen umgebaut, sodass man bei 38 oder 48 Quadratmetern landet. Ralf Klar: „In Zukunft wird es immer mehr Einpersonenhaushalte geben.“

Den schlechten Ruf, den Staßfurt-Nord teilweise hat, kann Jutta Gildehaus nicht nachvollziehen. „Es ist ruhig und solide“, erzählt sie. Die Nachbarn seien vernünftig und hilfsbereit, sie selbst unterstützt oft eine 98-Jährige. Ältere Menschen schätzen, dass sich in Nord alles Wichtige findet: „Ich habe hier alles, was ich brauche – Supermärkte, Busbahnhof, Ärzte, Friseur, Geschäfte“. Für die Familien sind Sekundarschule, Kita, Förderschule und nun auch die neue Sporthalle Nord wichtig. Radweg R1, Horst und Bode sind direkt in der Nachbarschaft.

Flüchtlingsthematik

„Nord wurde viel schlecht geredet“, sagt Daniel Bierbach von der Wobau. „Dabei ist es als Wohngebiet super.“ Mittlerweile sei das Wohnviertel bodenständig geworden. Auch die Flüchtlingsthematik hat sich beruhigt. Die Betreuung von Migranten durch den Verein „Pegasus“ in der Straße der Völkerfreundschaft, wo 2017 noch 270 Flüchtlinge untergebracht waren, wird aktuell beendet.

Genauso diese Blöcke werden in diesem Monat schon entkernt. Der Abriss der 70 Wohnungen der Hausnummern 49 bis 51 und 52 bis 55 folgt im neuen Jahr. So verringert die Wobau ihren Leerstand.

Denn Staßfurt wird in Zukunft immer weniger Einwohner haben und damit weniger potenzielle Mieter. Aktuell sind 695 von 970 Wobau-Wohnungen in Nord und Randbereichen bewohnt, 275 stehen leer.

Von außen nach innen

„Beim Abriss geht es immer nach dem Motto ‚Von außen nach innen‘“, erklärt Ralf Klar. Wenn ein Stadtviertel oder eine Stadt verkleinert und komprimiert werden muss, weichen zuerst die Wohnblöcke, die am äußeren Rand stehen und stark sanierungsbedürftig sind.

Die Straße der Einheit 1 bis 5 wurde bereits im April dem Erdboden gleich gemacht. „Dort möchten wir ab Januar eine Blühwiese gemeinsam mit der Sekundarschule am Tierpark herrichten“, sagt Ralf Klar.

Weitere Abrisspläne gibt es für Nord nicht.

Der zweite Großvermieter in Staßfurt-Nord ist die Wohnungsbaugenossenschaft zu Staßfurt (WBG). Auch dort plant man keine Abrisse in Nord, dafür aber ebenso Sanierungen, Balkonanbauten und barrierefreie Gestaltung der Wohnungen. Vorstandsvorsitzender Hagen Ringström sagt: „Damit werden wir 2020/2021 starten.“

Und langfristig? Für Staßfurt-Nord sind keine Konzepte oder Pläne für die Zukunft bekannt, sagt Ralf Klar. „Solche Dinge müsste man gemeinsam mit der Stadt entwickeln.“