Staßfurt l Wer die Arbeit des Staßfurter Geschichtsvereins verfolgt, weiß, dass sein Tun alles andere als rückwärtsgewandt ist. Immer wieder gelingt es den Hobbyhistorikern, die Vergangenheit der Salzstadt mit Gegenwärtigem zu verbinden. Bestes Beispiel dafür sind die Mühen um den Erhalt der Staßfurter Straßenbahn. Jetzt nehmen die Vereinsleute Gäste des Staßfurter Stadt- und Bergbaumuseums mit auf eine besondere Führung durch die Innenstadt. „Staßfurts alte Mitte – Abriss und Neubeginn“ ist der Titel. Rico Schäfer, Uwe Kersten und Oliver Rimasch gelingt ein eindrucksvoller Blick auf die wechselhafte Geschichte des alten und neuen Zentrums, der Fokus liegt auf dem Bereich des ehemaligen Wendelitz. „Wir haben viele Postkarten und private Fotografien zusammengetragen, die zeigen, wie dicht alles einmal bebaut gewesen ist“, sagt Rico Schäfer.

Alte Ansichten

Das allein sollte den Geschichtsvereinsmitgliedern aber noch nicht reichen. In einer aufwendigen Aktion haben sie die Darstellungen auf den Fotografien heute noch einmal fotografiert. In den Vitrinen des Museums erleben die Besucher also nun das Vorher und das Nachher. Wichtig sei gewesen, genau die Stelle des Fotografen der historischen Aufnahmen wieder zu finden, um einen echten Vergleich zu haben, sagt Rico Schäfer. Manchmal gelinge das nicht, weil sich Bebauung und Stadtgrün verändert hätten. Aber die Aussteller haben alles dafür getan, um die Perspektive wieder zu finden. Sie wurden dabei sogar dankenswerterweise von Peter Beyer unterstützt, der seine Kameradrohne dort startete, wo Aufnahmen aus der Luft gefragt waren. „Viele alte Fotos wurden vom Schiefen Turm aus geschossen, das ist natürlich so heute nicht mehr möglich“, sagt Rico Schäfer. Bedauernswert – von Staßfurts einstiger schönen Mitte ist nicht mehr viel übrig. In Folge der Bergbauschäden und Absenkungen ließ die damalige Obrigkeit viel abreißen. Vom Gutshaus oder der Johanniskirche gibt es nichts mehr. Der Verlust geht – leider – bis in die Gegenwart – mit dem Abbruch der maroden Siedehäuser kurz bevor der Stadtsee entstand oder dem jüngsten Abriss des nicht mehr genutzten Katasteramtes. „Staßfurts alte Mitte war schön und viele kennen sie noch“, sagt Rico Schäfer. Das könnte ein guter Aufhänger sein, in die Ausstellung zu kommen und diese Mitte wieder vergegenwärtigt zu erleben, lädt das Geschichtsvereinsmitglied ein.

Gemälde

„Vergegenwärtigung“ könnte auch sinnbildlich über der Schau des Staßfurter Malers Walter Richter stehen. Er zeigt 40 selbst gemalte Bilder. „Erinnerungen“. „Die Arbeiten sind alle auf verschiedenen Reisen entstanden“, berichtet Walter Richter. Er lebt im Haus der Stiftung Waisenhaus in der Kalkstraße. Immer wieder werden hier Fahrten angeboten und seit 20 Jahren ist der Maler dabei. Die Ziele sind dabei ganz verschieden: Sächsische Schweiz, Riesengebirge, Zittauer Gebirge, Tirol, das Salzburger Land. Walter Richter nimmt die Eindrücke von Naturstimmungen, von Landschaft und Licht gewissermaßen in sich auf. „Ich sehe schon vom Bus aus, an welche Stelle ich noch mal muss und was mein Motiv werden könnte.“ Dann sei er ein wenig „dickköpfig wie ein Stier: Ich muss das Motiv dann einfach haben“. Dafür lässt der Staßfurter auch schon mal die angesetzten Tagesfahrten ausfallen, um sich allein eine Stelle zum Malen zu suchen. Das, was ihm als eigensinnig vorgehalten werden könnte, macht den kreativen Prozess aus. Walter Richter hat immer den Skizzenblock dabei. Er bringt schemenhaft das Motiv aufs Papier, hält für sich Farben und ihre Wechselwirkungen schriftlich fest, um dann zu Hause alles malen zu können. Von einer Fotografie abzuzeichnen, ist nicht seine Angelegenheit. „Das Foto verändert den Blick, die Perspektive, die Größenverhältnisse. Alles ist verschoben.“ Nur der Blick auf das Motiv sorge für eine richtige Darstellung auf dem Papier, sagt Walter Richter. Für den Künstler ein Teil des Schaffensprozesses: „Ich muss mit der Natur mental kommunizieren.“ So entstehen wunderbare Aquarelle, Acrylbilder, Ölpastelle oder auch Grafiken.

Bilder

In den vielen Jahren der Reisen kennen Wirte und Hotelbetreiber den Staßfurter, berichtet er. Oft bekäme er ein schönes Zimmer mit gutem Ausblick oder ein nettes Plätzchen, um den Block frei für seine Arbeiten zu haben. Im Gegensatz dazu freuen sich die Gastgeber über Bilder als Geschenk. Die Staßfurter dürfen sich über ganz viele Geschenke von Walter Richter freuen, sie erleben seine Werke bei einer der vier neuen Sonderausstellungen.

Erster Weltkrieg

Geschichtlicher geht es wiederum bei Rüdiger Frenzel zu. Der Barbyer hat seine Ausstellung „Der Soldat im Ersten Weltkrieg“ genannt. Er hat dafür viele Exponate, vor allem militärhistorische Gegenstände, zusammengetragen. Waffen, Ausrüstung, Bekleidung, aber auch Urkunden, Auszeichnungen und Orden. Seine spezielle Leidenschaft hat einst ein Seitengewehr ausgelöst. „Das Bajonett muss von meinem Großvater stammen und lag bei uns zu Hause auf dem Dachboden.“ Rüdiger Frenzels Neugier war geweckt. Er begann zu sammeln, was er aus der Zeit von 1914 bis 1918 bekommen konnte.

Das war zu DDR-Zeiten ein schwieriges Unterfangen. Auch entsprechende Literatur zu finden, um die Gegenstände einordnen und für sich selbst in einen großen Zusammenhang bringen zu können, war bis zur Wende kaum möglich. Heute ist der Barbyer Mitglied in der Deutschen Gesellschaft für Ordenskunde. Rund um Schönebeck gibt es regelmäßige Sammelbörsen, Rüdiger Frenzel nimmt aber auch weitere Wege in Kauf. Inzwischen hat er einen großen Fundus, von dem er einen Teil in Staßfurt zeigt. „Es wird immer schwieriger, an Gegenstände zu kommen. Der Erhaltungszustand ist oft nicht mehr sehr gut, außer bei den Waffen, die meist geschützt in Arsenalen lagerten.“

Figuren

Die Vierte im Ausstellerbund ist Judith Doberstein, die mit „Einhörnern und Elfen“ wiederum die Fantasie der Besucher anregen will. Die Hohenerxlebenerin stellt kleine Femo-Figuren her. Die werden im Ofen gebrannt und dann gestaltet.

Die Sonderausstellungen werden am Sonntag um 10.30 Uhr eröffnet.