Staßfurt l Acht Hausarztstellen könnten im Moment im Bereich Staßfurt besetzt werden. Zudem sind acht von 16 aktuell praktizierenden Hausärzten über 60 Jahre alt. Es droht in absehbarer Zeit also ein noch größerer Ärztemangel. Ein Hoffnungsschimmer: Am Donnerstag verpflichtete sich Mediziner Tobias Ortmann, nach Weiterbildung in der Heimat zu praktizieren. „Das Thema ist hochbrisant“, unterstreicht Oberbürgermeister Sven Wagner (SPD) mit Blick auf die Altersstruktur, insbesondere auch der Hausärzte.

Das Arztregister der Kassenärztlichen Vereinigung Sachsen-Anhalts sagt aus: Die Hälfte der 16 praktizierenden Hausärzte im Bereich Staßfurt sind über 60, vier sogar schon über 65 Jahre. Ein Arzt – Dr. Groh in Atzendorf – praktiziert ganz und gar noch im Alter von über 80. Lediglich zwei Hausärzte gehören zur Altersgruppe der 40- bis 49-Jährigen.

Auf der Suche

Die Stadt sei sich bewusst, dass eine ausreichende Ärzteversorgung ausschlaggebend für Wohnqualität ist, so Wagner. Im Bemühen, einem fortschreitenden Ärztemangel etwas entgegenzusetzen, unterschrieb der OB am Donnerstag mit Dr. Burkhard John, Vorstandsvorsitzender der Kassenärztlichen Vereinigung (KV) Sachsen-Anhalts, eine Kooperationsvereinbarung.

Bilder

Der Inhalt des Vertrages zielt in erster Linie darauf, dass der Bedarf an ambulanter ärztlicher Versorgung der Staßfurter Bevölkerung vor Ort auch künftig gedeckt werden kann. „Beide Vertragspartner streben, an, dass die Stadt Staßfurt bei jungen Ärztinnen und Ärzten als attraktiver Niederlassungsstandort wahrgenommen wird“, heißt es unter anderem im Text. Die KV will dabei „im Rahmen der sozialrechtlich zulässigen Möglichkeiten darauf hinwirken“, dass der Nachwuchs und die Weiterbildung in der Allgemeinmedizin und gegebenenfalls in weiteren Fachgebieten gefördert wird. Außerdem will sie ein Auge auf die Steuerung des Niederlassungsverhaltens haben, um die Ziele zu erreichen.

Derweil verpflichtet sich die Stadt, „ansiedlungswillige Ärzte bei administrativem und bürokratischem Aufwand (wie der Suche nach geeigneten Praxisräumen, Begleitung von Genehmigungsverfahren - z.B. Baugenehmigungen, Suche nach Wohnraum, Vermittlung von Kitaplätzen) zu unterstützen“. Zusammen mit der Kassenärztlichen Vereinigung legt die Stadt Wert auf eine Studienorientierung vor Ort, um junge Menschen aus der Region Staßfurt für einen medizinischen Werdegang in Staßfurt zu begeistern.

Heimat wichtig

Und die beiden Vertragspartner hatten  durchaus einen weiteren Grund, optimistisch zu sein. Mit Tobias Ortmann saß ein Mediziner mit am Tisch, der seine berufliche Zukunft in Staßfurt sieht. Das vom Stadtrat beschlossene Stipendiat – im konkreten Fall wären das bis 2022 monatlich 500 Euro – kam ihm dabei entgegen. Es sei aber nicht ausschlaggebend gewesen. „Wir fühlen uns in Magdeburg eigentlich recht wohl, aber Heimat – Freunde, Verwandte – ist eben doch etwas Schöneres“, erklärt der 28-Jährige.

Zumindest Handballfreunden in Staßfurt dürfte der Spieler des HV Rot-Weiß kein Unbekannter sein. Er habe er sich nach erfolgreichem Abschluss des Studiums vor zwei Jahren an der Medizinischen Fakultät der Uni Magdeburg für die Weiterbildung zum Facharzt für Allgemeinmedizin entschieden. Von Mai 2017 bis jetzt hat Tobias Ortmann dabei die Basisweiterbildung Innere Medizin im Rahmen der Facharzt-Ausbildung im Krankenhaus Calbe absolviert. Demnächst beginnen sechs Monate Kinder- und Jugendmedizin in einer Gemeinschaftspraxis in Magdeburg, dann folgen noch Chirurgie, ein Wahlfach, und 24 Monate hausärztliche Tätigkeit sowie ein 80-stündiger Grundkurs für Pychosomatik.

Ein gutes Gefühl

Wie Tobias Ortmann sagt, habe er das gute Gefühl, dass sich die Stadt hier kümmere. Die Suche nach einem Kita-Platz zum Beispiel wäre in Magdeburg nicht so einfach.

Auch das hört sich sehr gut an von ihm für Staßfurt: „Mein Ziel ist es, mit mehreren Kollegen zusammenzuarbeiten und hoffe, ein bis zwei Kollegen überzeugen zu können, mit hierher zu kommen.“ Tobias Ortmann sieht dabei mehrere Möglichkeiten, in welcher Form das passieren könnte: Gemeinschaftspraxis, Praxisgemeinschaft oder Medizinisches Versorgungszentrum. Bis 2023 sei noch Zeit, in der dann sicher auch die Kassenärztliche Vereinigung helfe, den Weg konkret zu definieren.

Ortmann verpflichtet sich übrigens, nach erfolgreicher Facharztausbildung mindestens fünf Jahre in Staßfurt zu praktizieren.

Große Konkurrenz

Die Stadt Staßfurt stellt sich einer großen Konkurrenz. Die KV registriere im Land bis 2032 einen Bedarf von über 200 Ärzten, besonders in der Altmark, ja selbst in attraktiven Gegenden wie im Harz, so Dr. John. „Und die noch da sind, arbeiten am Limit.“ Lediglich in Magdeburg, Halle oder auch Schönebeck gebe es einen gewissen Stau bei der Zulassung. Deshalb freut sich John über die Kooperationsvereinbarung: „So etwas wie mit Staßfurt gibt es nicht überall.“ Auch der kürzliche Landarzt-Beschluss des Landtages lasse hoffen, Mediziner nach dem Studium in Sachsen-Anhalt zu halten. Die KV baue unterdessen auch auf solche Unterstützung wie in Staßfurt. Er hoffe jedenfalls, dass sich das auch im Kompetenzzentrum unter Ortmanns Ex-Kommilitonen beziehungsweise ärztlichen Kollegen herumspreche. Selbst in Magdeburg wohnen und in Staßfurt arbeiten, wäre schließlich kein Problem.

Das Stipendiat mit Hilfe von Fördermitteln aus dem Staßfurter Leitbild und die anschließende Unterstützung angehender Ärzte aus dem städtischen Haushalt wurde vom Stadtrat beschlossen.