Staßfurt l Großer wuseliger Bahnhof herrschte seit Dienstag in Staßfurt. Im großen Saal des Salzland Centers ging es bis Mittwoch geschäftig zu. Die Bundesnetzagentur und der Vorhabenträger 50hertz hatten eingeladen, damit all jene, die Bedenken haben beim Bau der Hochspannungsleitung „Suedostlink“, diese äußern dürfen. Die Hochspannungsleitung soll auch mitten durch den Salzlandkreis gehen, durch die Gemeinde Bördeland, durch Staßfurt und durch die Verbandsgemeinde Saale-Wipper.

Gesetzlich vorgesehen sind Erdkabel, in Ausnahmefällen sind Freileitungen möglich. Einen solchen Freileitungsprüfantrag hatte auch der Salzlandkreis gestellt. Konkret sollte geprüft werden, ob zwischen Welsleben und dem Umspannwerk Förderstedt die bereits bestehende Freileitung genutzt werden darf, um diese mit der neuen Leitung zu bestücken (Hybridlösung). Um eben auf Erdkabel verzichten zu können, wovon auch die Landwirte profitieren würden, die ihren Boden nicht hergeben müssten. In einer kurzen Rückmeldung wurde dem Kreis mitgeteilt, dass eine Hybridlösung nicht empfohlen wird. Dafür eine neue Paralleitung.

Tilo Wechselberger – Fachdienstleiter Kreis- und Wirtschaftsentwicklung und Tourismus im Salzlandkreis – trat in Staßfurt ans Rednerpult und wollte wissen, ob das plausibel ist, dass eine Hybridleitung nicht möglich ist. Dazu bat er um weitere Erläuterungen. „Das waren vier Sätze, das ist zu kurz gedacht“, sagte er. „Die verschiedenen Masttypen wurden nicht erwähnt. Wir vermissen eine Information darüber, ob eine Hybridleitung technisch möglich ist.“

Für Mülleimer gebaut

Bernhard Segbers von 50hertz führte aus: „Es wurde erst vor einigen Jahren eine neue 380kV-Doppelleitung neu gebaut mit einem gigantischen Transportvolumen. Vielleicht ist es mit gigantischem Aufwand möglich, eine Hybridleitung zu bauen. Das wird technisch irgendwie funktionieren, wir fliegen ja auch zum Mond und zum Mars“, sagte er. „Die Frage ist, ob so ein Klopper sinnvoll ist. Ist eine bescheidene neue Freileitung daneben vielleicht besser? Zudem würden wir 20 bis 25 Millionen Euro in den Mülleimer werfen, das kann man nicht machen.“ Denn ein Hybridmast müsste an Stelle des jetzigen Mastes neugebaut werden, um alte und neue Leitungen führen zu können. Der Kreis will sich aber weiter dafür stark machen. „Der Salzlandkreis wird sich weiter für eine echte Bündelung der Stromleitung auf einer Trasse einsetzen“, teilt dieser mit. Weder neue Freileitung noch Erdkabel sind attraktiv. So lautete auch ein Kreistagsbeschluss.

Spontan ließ sich auch noch Staßfurts Oberbürgermeister Sven Wagner (SPD) auf die Rednerliste setzen. Er unterstützte den Kreis und ergänzte: „Die Intention unserer Stadt war, dass wir die bestehende Leitung nutzen. Daher gab es den Prüfantrag. Eine Parallel-Freileitung lehnen wir komplett ab. Das ist in keinster Weise unser Ansinnen. Dafür schaffen wir auch in der Bevölkerung kein Verständnis.“ 2,5 Kilometer der Trasse sollen über Staßfurter Gemarkungen verlaufen.

„Der Antrag kann nicht zurückgenommen werden“, bekräftigte Cornelius Hecktor von der Bundesnetzagentur. „Wenn der Kreis aber Abstand von einer Parallelleitung nimmt, findet das Einfluss in die Erwägungen.“ „Dann haben wir ja noch Hoffnung“, so Wagner.

Doch wie konnte es eigentlich passieren, dass aus dem Prüfantrag für eine Hybridleitung ein Statement für eine nicht gewünschte neue Freileitung wird? Im negativen Extremfall könnte eben eine Freileitung neben der bereits bestehenden gebaut werden, obwohl das keiner will. „Der Antrag ist nicht an Bedingungen geknüpft“, erklärt Tobias Landwehr, Sprecher der Bundesnetzagentur.

Lücke im System

Heißt: Ein Antrag für eine Ausführungsart, also als Hybridlösung, ist gesetzlich nicht vorgesehen. Hier ist eine Lücke im System. Nur ein genereller Antrag auf Freileitung ist möglich. „Es war im Kreistag und in anderen Beratungsrunden nie ein Thema, dass das daraus entsteht. Nicht mal im Ansatz“, meint Wagner im Gespräch mit der Volksstimme. „So kann man nicht mit uns umgehen. Das ist eine Prinzipsache.“

Auch in der Verbandsgemeinde Saale-Wipper gab es einen Antrag auf Freileitung. Dort hatte die Bürgerinitiative (BI) „Hochspannung tiefer legen“ um Klaus Gerner protestiert. „Ich wundere mich, dass hier so intensiv für Freileitungen gekämpft wird“, sagte Gerner. Der saale-Wipper-Antrag auf Freileitungen ist aber aus dem Rennen und „nicht zur weiteren Betrachtung vorgesehen“, sagt Axel Happe, Sprecher 50hertz.

Unterstützung für die Bemühungen des Kreises für den Abschnitt Welsleben nach Förderstedt gibt es vom Bauernverband Salzland. „Es gibt ein Einvernehmen mit den Landwirten vor allem für Bördeland. In erster Linie wollen wir eine Hybridlösung“, sagt Susanne Brandt vom Bauernverband. „Bei Erdkabeln entstehen erhebliche Nachteile für die Landwirtschaft. Sehr viele Landwirte wollen kein Erdkabel, wenn es Alternativen gibt.“

In Stein gemeißelt ist aber noch gar nichts. Die Erörterungsrunde in Staßfurt war erst der Anfang der Planungen. Über den konkreten Trassenverlauf wird erst im Planfeststellungsverfahren entschieden. Lediglich ein 1000 Meter breiter Vorzugstrassenkorridor wird später in der Bundesfachplanung festgelegt. „Das wird uns noch eine Weile beschäftigen“, sagt Sven Wagner.