Staßfurt l „Es ist traurig, dass es soweit gekommen ist“, sagt Margit Kietz (Die Linke). Die Stadträtin spricht in einem Stadtratsausschuss über das Debakel um die Staßfurter Tafel. „Wir Stadträte sind nicht ganz unschuldig an der Sache.“

Das Verhältnis zwischen Tafelleiter Steffen Globig, der Stadt und den Kommunalpolitikern ist angespannt. Am liebsten hätte man wohl ganz von vorn mit neuen Gesichtern angefangen. Allerdings läuft der Vertrag mit dem jetzigen Tafelbetreiber nur bis 31. Dezember. Am 1. Januar hätte die Tafel schließen müssen.

Nur noch Zeit bis Januar

Die Stadt musste in letzter Sekunde eine Notlösung einleiten: Der Vertrag mit dem aktuellen Betreiber („Verein für Soziales und Betreuung Staßfurt“) wird auch im nächsten Jahr verlängert. Aber Tafelleiter Steffen Globig, früher Bürgermeister von Saale-Wipper, wird ab 1. Januar 2020 versetzt. Ein neuer Leiter soll bei der Tafel eingesetzt werden.

Ab Januar zahlt die Stadt neuerdings bis zu 1000 Euro an die Tafel als Zuschuss für die Nebenkosten für Küche, Kühlung und Co. Zuvor hatte die Stadt nichts dazu gegeben, sich im Gegenteil sogar noch Miete erhofft von der gemeinnützigen Organisation ohne Einnahmen.

Diese Neuigkeiten wurden vergangene Woche von den Staßfurter Stadträten in den Ausschüssen abgesegnet. Da kein anderer als der aktuelle Verein die Tafel betreiben möchte, hat man keine Alternative. „Die Tafel muss unbedingt erhalten bleiben“, betont Oberbürgermeister Sven Wagner (SPD). Mit der Vertragsverlängerung will man Zeit gewinnen, „um eine langfristige Lösung herbeizuführen“, so Wagner. Man will weiter nach anderen möglichen Betreibern suchen.

Idee ohne Ergebnis

Auch Stadtrat Ralf-Peter Schmidt (UBvS) drängt auf Tempo: „Wir sollten das jetzt beschließen, damit die Tafel weiterbetrieben werden kann.“

Stadtrat Schmidt hatte Anfang 2019 die Idee, im Tafel-Haus („Kaiserhof“) als „Soziokulturelles Zentrum“ weitere soziale Angebote zu etablieren und dafür soziale Einrichtungen anzuwerben. Doch niemand bewarb sich nach dem Aufruf der Stadt, nur der aktuelle Betreiber, der Verein mit Steffen Globig.

Also bewarb sich Globig mit seinem Tafelverein und holte sich Dritte ins Boot, die aus dem Haus mehr machen sollten. Er schrieb ein Konzept: Beratungen, Jugendprojekte und die Verwaltung für Arbeitsbeschaffungsmaßnahmen sollten Staßfurter Urania, ein Kunstprojekt und die BQI Schönebeck („Beschäftigungsförderungs-, Qualifizierungs- und Innovationsgesellschaft“) im Kaiserhof starten. Globig sprach sein Konzept, das er bei der Stadt einreichte, aber nicht komplett mit den neuen Partnern ab.

Natürlich kam das alles heraus. Stadträtin Margit Kietz ist Vorstandsmitglied bei der Urania und erklärte bei einer Sitzung des Stadtrats, dass das Konzept von Globig gar nicht von der Urania abgesegnet worden war. Daraufhin gingen bei den Stadträten die Alarmleuchten an.

Partner abgesprungen

Sowohl das Kunstprojekt, als auch die Urania und die BQI Schönebeck sprangen ab. Alle kündigten dem Projekt „Soziokulturelles Zentrum“ oder Tafelleiter Globig persönlich die Zusammenarbeit. „Das Phantasieprojekt von Globig hat sich in Luft aufgelöst“, kommentiert Margit Kietz heute.

Stadträte machten nach dem Debakel sehr deutlich, dass sie den Verein samt Globig nicht mehr in der Tafel wollen. Die Verantwortlichen führte im November nochmal Gespräche. Mit dem Vorgesetzten von Steffen Globig wurde verabredet: Die Tafel bekommt künftig Geld von der Stadt und es gibt einen neuen Leiter.

Das Misstrauen geht soweit, dass Stadträte die Stadt mit Recherchen beauftragt haben: Wie hängen Betreiberverein der Tafel und der vorherige Betreiberverein IBS Eisleben („Verein für Integration, Beschäftigung und Soziales“) zusammen? Denn der letzte Betreiber der Tafel hatte das Gebäude kostenlos von der Stadt bekommen, gleichzeitig aber über eine Firma („Projektservice Eisleben“) mit der Unterbringung von Suchtkranken im Obergeschoss richtig Kasse gemacht und das der Stadt nicht gemeldet.

Mehrere Firmen im Spiel

Die Staßfurter Stadtverwaltung hat nun also anhand von Handelsregisterauszügen geschaut, welche Personen im Vorstand des Vereins und im Vorstand des IBS sind. Das Ergebnis der Stadt ist: Es sollen heute nicht mehr desselben Personen sein, aber die geschäftlichen Beziehungen untereinander sind unklar.

Der Verdacht liegt nahe. Denn der aktuelle Betreiberverein mit Steffen Globig war aus Verein und Firma des vorherigen Tafelbetriebers („IBS Eisleben“ und „Projektservice Eisleben“) heraus gegründet worden. Betreiber der Tafel ist zwar nominell der Verein mit Steffen Globig. Globig war und ist aber die ganze Zeit bei einer der Vorgängerfirmen („Projektservice Eisleben“) angestellt. Er soll ab Januar 2020 in einem anderen Bereich des Unternehmens tätig werden.

Das Unternehmen, bei dem Globig angestellt ist, ließ verlauten, dass es sich nicht zu den neuesten Entwicklungen äußert. Globig gibt ebenfalls keinen Kommentar. Man wolle keine Personalentscheidungen öffentlich besprechen.

In der letzten Wochen haben zwar drei Stadtratsausschüsse über die neuesten Entwicklungen bei der Tafel öffentlich beraten. Doch die Unterlagen dazu wurden vor einigen Tagen von der Webseite der Stadt gelöscht.