Staßfurt l Noch vor Sonnenaufgang versammeln sich 25 Krankenschwestern und einige Pfleger auf dem Parkplatz vor dem Staßfurter Klinikum. „Wir sind leider so wenig, weil mehr Kollegen als erwartet im Dienst bleiben mussten“, erklärt Simone Bovensiepen von Verdi. Gelbe Warnwesten werden übergezogen, selbstgebaute Schilder hervorgeholt und von der Gewerkschaft gibt es Trillerpfeifen und Fahnen. „Ausgerechnet heute sollten drei Kräfte im Dienst sein. Sonst interessiert es auch keinen, wenn wir zu zweit sind und nicht zurande kommen“, sagt eine Krankenschwester.

Die Ameos-Mitarbeiter ziehen gegen 7 Uhr los in Richtung Innenstadt, begleitet von Polizei und Ordnungsamt. Sie winken den Kolleginnen am Fenster. „Im Gesundheitswesen wird für Streiks normalerweise eine Notdienstvereinbarung geschlossen, damit Patienten weiterversorgt werden“, erklärt die Gewerkschaftsvertreterin. „Weil Ameos diese nicht mit uns abgeschlossen hat, haben wir selbst einen Plan erstellt.“

Der Frust der Krankenschwestern ist groß. „Seit der Übernahme 2012 durch Ameos hatten wir keine Gehaltssteigerung, wir kriegen kein Urlaubs- und kein Weihnachtsgeld“, erzählt eine der Frauen mit Trillerpfeife. Sie trauen sich jetzt auf die Straße, weil sie seit Mitte 2018 einen neuen Betriebsrat hätten, der sich für sie einsetze. Verdi sagt: Die Staßfurter verdienen 300 bis 500 Euro weniger als Kollegen in Krankenhäusern mit Tarifvertrag. Laut Tabelle bekommt dort eine gelernte Krankenschwester zwischen 2800 und 3500 Euro brutto, je nach Länge der Beschäftigung.

Mit den Staßfurtern streiken auch die Mitarbeiter in den Kliniken Bernburg, Aschersleben, Haldensleben und Schönebeck. Diese fünf der insgesamt zehn Standorte von Ameos in Sachsen-Anhalt unterliegen im Gegensatz zu Häusern in Halberstadt oder Oschersleben keiner Tarifbindung.

„Ich gehe mit 1500 oder 1600 Euro nach Hause“, erklärt eine Altenpflegerin auf dem Weg in die Stadt. Sie gehe acht Stunden am Tag arbeiten, wurde aber zur Sechs-Stunden-Kraft herunter gestuft, kommt damit auf weniger Wochenstunden. „Dafür haben wir mehr Freizeit bekommen“, sagt sie. Das nütze aber wenig, wenn man auf bis zu 100 Überstunden sitze.

Im Juli hatte Verdi Ameos zu Tarifverhandlungen aufgefordert. „Nach vier Aufforderungen gibt es noch immer keine Reaktion auf Arbeitgeberseite“, so Verdi-Sprecher Jörg Förster. Ameos-Regionalgeschäftsführer Lars Timm dementiert das: Ameos habe Verdi und dem Personal mitgeteilt, dass man sich ab 2020 „gehaltstechnisch bewegen“ und „individuelle Lösungen“ suchen werde.

Ende des Jahres soll es Mitarbeitergespräche geben. „Wir werden Zukunftspakete anbieten, die Gehaltssteigerungen und den Ausschluss von betriebsbedingten Kündigungen beinhalten“, so Timm. Aber eine Bezahlung wie sie Verdi fordert, „bekommen wir nicht finanziert“. Bundesweit litten Krankenhäuser unter Verlusten. Zahle man nach Tarif, müsse man weitere Arbeitsplätze abbauen. „Außerdem arbeiten die Mitarbeiter in Staßfurt nur 35 Wochenstunden.“

Die protestierenden Krankenschwestern in Staßfurt sehen das anders. „Viele Kollegen wurden gedrosselt auf 35 Stunden, wir wollten nicht weniger arbeiten“, erklärt eine Frau. Der Personalmangel im Klinikum habe sich seit der Schließung der Notaufnahme am Jahresanfang verschärft. „Verletzte Kinder, Notfälle und Chirurgie-Patienten kamen weiter zu uns, weil keiner von der Schließung wusste. Wir hatten dafür keine Ausstattung und Geräte mehr, nur noch ein Notfallzimmer. Wir mussten den Patienten sagen, dass wir sie nicht behandeln können“, erzählt eine Krankenschwester. Deswegen sei eine ganze Reihe Kollegen nach Magdeburg oder zur Salus nach Bernburg gewechselt.

Am Vortag des Streiks hatte Regionalgeschäftsführer Lars Timm eine E-Mail an die Mitarbeiter geschickt. Unter der Überschrift „Ein Streik wird den Erhalt von Fachabteilungen und Ihrer Arbeitsplätze stark gefährden“ schrieb er: „Für Sie würde das erhebliche Veränderungen, unter anderem in Form von weiten Fahrtwegen zu einer anderen Arbeitsstätte bedeuten“. Im Falle eines Streiks müsse Ameos „massive, betriebswirtschaftliche und nicht rücknehmbare, betriebsbedingte Entscheidungen“ treffen. Für Verdi eine klare Drohung. Der Geschäftsführer sagt dazu: „Mir ging es nur darum, die Mitarbeiter sachlich auf die Auswirkungen eines Streiks hinzuweisen.“

Die chronische Unterbesetzung führt zur Überlastung der Mitarbeiter in Staßfurt: Man müsse ständig einspringen, der Krankenstand sei hoch. „Man schafft die Arbeit nur noch im Vorbeigehen“, erzählt eine Krankenschwester. „Aber die älteren Menschen in der Geriatrie brauchen eigentlich Zuwendung. So wie ich meine Arbeit jetzt mache, genügt sie meinen eigenen Ansprüche nicht mehr.“

Da Ameos und Verdi nicht zusammenkommen, wird der Streik wahrscheinlich fortgesetzt.