Staßfurt/Osnabrück l „Wir haben schon viele besondere Produktionen, aber so etwas Besonderes gab es noch nie“, sagt Marie Senf. Sie ist Dramaturgin am Theater Osnabrück und hat sich über zwei Jahre mit der Geschichte der Kinder aus Namibia, die ab 1979 in die DDR kamen und schließlich an der „Schule der Freundschaft“ in Staßfurt lernten, befasst. Sowohl historisch bedeutend als auch emotional sehr ergreifend ist das Schicksal dieser 400 Mädchen und Jungen, die zu Waisen wurden, als es zu einem Massaker in einem Flüchtlingslager in Angola kam. Dorthin waren sie mit ihren Eltern wegen der Widerstandskämpfe in ihrem Heimatland geflüchtet. Über die Widerstandsbewegung in Namibia wurden die Waisen dann in die DDR vermittelt.

Kinder ab 1979 in die DDR gebracht

Ihre „unglaubliche Geschichte, die in Deutschland kaum bekannt ist, aber in Namibia jeder kennt“, wie Marie Senf sagt, hielt für die Kinder, die 1979, 1983, 1985 und 1988 schrittweise erst nach Bellin bei Güstrow und dann an die „Schule der Freundschaft“ kamen und die bis zu elf Jahren in der DDR lebten, dann einen zweiten derben Schicksalsschlag bereit - 1990 mit der Wende und den ersten unabhängigen Wahlen in Namibia.

Erst wurden diese Kinder als Elite des Landes Namibia gefeiert - sie sollten im Sinne des Sozialismus in der DDR erzogen werden und in der Heimat helfen, ein unabhängiges Namibia aufzubauen. „Und plötzlich fühlte sich keiner mehr zuständig“, so Marie Senf. Von ihrer großen Aufgabe für das Land, das sich gerade komplett neu ordnen musste, war keine Rede mehr.

Bilder

Die Kinder wurden von einem Tag auf den anderen, 1990, in den Flieger gesetzt und kamen in einem nun völlig fremden Land an, das eigentlich ihre Heimat sein sollte. Sie wurden in eine Schule bei Windhoek, der Hauptstadt von Namibia, geschickt - dort wo das Theaterteam auch recherchierte - und man versuchte ihre Familie zu finden, sie wurden von ihren Eltern, Verwandten, aber auch nur angeblichen Eltern abgeholt. In ihrer Heimat wurden die Kinder plötzlich mit anderen Augen gesehen. „Selbstbewusste Schwarze, die perfekt Deutsch sprachen und super ausgebildet waren, fielen in der dortigen Gesellschaft aus dem Rahmen und wurden mit Skepsis betrachtet“, erzählt Marie Senf die Geschichte nach.

Plötzlich wieder zurückgeschickt

Zweimal wurden die Kinder aus ihrem Umfeld herausgerissen, zweimal erlebten sie einen „Identitätsbruch“, das plötzliche Wegfallen gewohnter Strukturen, die große Verlorenheit. Genau dieses Gefühl ist im Theaterstück das übergeordnete Thema - ein Thema, mit dem sich jeder irgendwie identifizieren kann. Es geht letztendlich, so die Dramaturgin, um die Fragen „Wo gehöre ich eigentlich hin?“ und „Was ist, wenn mein Schicksal mich plötzlich in einen völlig andere Situation hineinwirft und ich überhaupt nichts daran ändern kann?“. Theater sieht Marie Senf als Chance für den Zuschauer, etwas über sich selbst zu erfahren, indem er sich in die Geschichte anderer hineinfühlt. In diesem Sinne reiht sich die Inszenierung ein in den aktuellen Themenfundus von Flüchtlingskrisen, Heimat- und Identitätsverlust.

Im Juni 2015 flog das deutsche Theaterteam nach Namibia und spürte 15 der ehemaligen DDR-Kinder, nun Erwachsene, auf. „Es ist wahnsinnig unterschiedlich, was aus ihnen geworden ist“, sagt Marie Senf, die die vielen Interviews und Gesprächsrunden als Recherche für das Theaterstück mitgeführt hat. „Zum einen sind es Menschen, die mit ihren deutschen Tugenden viel Erfolg im Leben hatten, zum anderen sind manche total abgestürzt, einige sogar obdachlos. Für sie als Kinder war es damals reines Glück, wie sich ihr Leben nach der Rückkehr nach Namibia entwickelt hat. Hart getroffen hat das Schicksal viele. Der Bruch in ihrem Leben ist nach wie vor da.“

In Deutschland wurden ehemalige Erzieher der Kinder interviewt, auch drei in Staßfurt. Im Theaterstück spielen fünf namibische Jugendliche im Alter von 13 bis 18 Jahren mit. Drei der Mädchen sind tatsächlich Töchter von ehemaligen DDR-Kindern aus Namibia, die im Laufe der Recherchen vom Theaterteam vor Ort interviewt wurden.

Infos zur Produktion:

Das Stück ist ein deutsch-namibisches Theaterprojekt, entwickelt am Theater Osnabrück in Kooperation mit verschiedenen Institutionen in Namibia und gefördert durch die Kulturstiftung des Bundes. Die Inszenierung ist eine Kollage aus Interviewmitschnitten, historischem Filmmaterial, Szenen aus dem Alltag der Kinder, Tanz, Gesang und symbolischen Bildern. Das Stück teilt sich in einen ersten Teil, der das Leben der Kinder in der DDR zeigt - hier ist auch Staßfurt Thema - und vom Regisseur Gernot Grünewald im dokumentarischen Stil inszeniert wurde, und einen zweiten Teil, bei dem es um die Rückkehr nach Namibia geht und der von der namibischen Regisseurin Sandy Watt im fiktiven Stil mit vielen symbolischen Szenen entwickelt wurde.

Auf der Bühne stehen dreizehn Akteure, darunter fünf namibische Jugendliche, Schauspieler aus Osnabrück, Musiker aus Namibia. Im Team hinter den Kulissen sind zwölf Personen.

Uraufführung war am vergangenen Freitag beim Afrikanischen Festival in Osnabrück, weitere Aufführungen folgen in Güstrow und Namibia. Einzige Aufführung in Staßfurt: Morgen, 4. Juni, ab 19.30 Uhr im Salzlandtheater (es gibt noch Karten, etwa im Theater oder im Reisebüro Haubold).