Staßfurt/Bernburg l Michael (Name geändert)* ist zurückhaltend und kann sich schlecht seinen Mitmenschen öffnen. Wenn alle anderen am Tisch fröhlich vor sich hinplaudern und Anekdoten austauschen, faltet Michael die Hände auf dem Bauch und hört interessiert zu. Er lacht an den richtigen Stellen, nickt und fühlt sich ganz und gar nicht unwohl. Aber selbst die Initiative ergreifen und einen Schwank aus dem Leben in die Runde werfen? Das ist nicht sein Stil.

Menschen wie Michael gibt es genügend. Aber gerade Menschen mit psychosomatischen Problemen haben noch mehr Schwierigkeiten, ungewohnte Situationen zu meistern. Es fehlt Selbstvertrauen, es fehlt das Vertrauen in die Mitmenschen. Wenn Ängste mitunter die Gedanken dominieren und sich der gedankliche Alltag nur um sich selbst dreht, ist der gesellschaftliche und soziale Austausch eine Herkules-Aufgabe. Das muss ja aber nicht immer so bleiben. Werkzeuge gibt es genügend, um die Schwachstellen zu reparieren. Wöchentlich trifft sich zum Beispiel die Staßfurter Selbsthilfegruppe für psychosomatische Probleme wie Depressionen vom Deutschen Paritätischen Wohlfahrtsverband. Michael ist immer einer der stillsten.

Einmal im Monat gibt es beim regionalen Radiosender hbw (Harz-Börde-Welle) eine Sendung namens „Radio Depressione“ von Thomas Rettig. Psychisch Erkrankte werden dabei interviewt. Im Zuge der Sendung kam dieser mit der Ergotherapeutin Jessica Kampe aus Ermsleben im Harz in Kontakt. Schon seit einiger Zeit gibt es Projekte zwischen den beiden. Kampe, die eine tiergestützte Ergotherapie mit ihren drei Huskys anbietet, wollte neue Wege gehen und ihre Therapiestunde auch für psychosomatische Gruppen öffnen. Finanziert über den Verein „Mit Hunden helfen“ wurde also eine kostenlose Therapiestunde mit Kampe und ihren Hunden angeboten. Neun Gruppen vom Paritätischen Wohlfahrtsverband aus dem Salzlandkreis bewarben sich. Das Los ergab, dass die Staßfurter Selbsthilfegruppe gewann.

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Die Angst verfliegt

Ende September also kam die Gruppe mit Kampe zusammen. Mit dabei war auch Heike Krümmling, die beim Deutschen Paritätischen Wohlfahrtsverband die Selbsthilfekontaktstelle im Salzlandkreis leitet. „Es hat mich sehr gefreut, dass so viele Gruppen sich gemeldet haben“, sagt sie. Wie sie die einstündige Sitzung fand? „Es war viel lockerer. Die Hunde sind sehr feinfühlig. Es wurden verschiedene Übungen gemacht, die Angst und Schamgefühl vergessen lassen.“ Es wäre eine ganz neue Stimmung gewesen.

Wie schnell Barrieren abgebaut werden, zeigte sich dann auch bei Michael. „Ich habe sonst Scheu vor Hunden und gehe auf Abstand“, sagt er. Er habe negative Erfahrungen mit einem Rottweiler aus der Nachbarschaft gehabt, der ihm ins Bein gezwickt hat. Die Huskys kamen auf ihn zu, er war erschrocken. Er lernte aber in der Stunde, wie er sie mit Leckerlis anlockt und ihnen vertraut.

Hunde haben keine Vorurteile

Für Jessica Kampe war die Zusammenarbeit mit einer pychosomatischen Gruppe Neuland. „Ich war aber schon immer daran interessiert, in dieser Richtung etwas auszuprobieren“, sagt sie. Sie bietet tiergestützte Ergotherapie an. Das heißt: „In der tiergestützten Therapie erlangen Tiere die Stellung eines Co-Therapeuten. Als Partner unterstützen sie in verschiedenster Weise den Ergotherapeuten“, heißt es auf der Homepage von Kampe. „Die tiergestützte Ergotherapie versteht sich zudem als ganzheitliches Entwicklungs-und Förderangebot. Sie ist eine einzigartige Kombination aus klassischer Ergotherapie mit der Unterstützung der Therapiebegleithunde.“

„Die Hunde dienen als Türöffner. Sie haben keine Vorurteile und gehen offen auf den Menschen zu“, erklärt Kampe. „Sie locken den Menschen heraus.“ Sie helfen, schneller Vertrauen zu fassen, auch zum Therapeuten. Wie genau der Hund eingesetzt werden kann, wird individuell entschieden. Bei Senioren helfen die Hunde beim Gedächtnisspiel, wenn die Senioren dem Hund fragen stellen müssen, Leckerli oder Kommandos geben. „Das hilft auch, damit die Senioren nicht nur über Krankheiten sprechen, sondern auch über andere Sachen“, so Kampe.

Kinder können zum Beispiel konzentrierter arbeiten und Mathe-Aufgaben lösen, wenn daneben der Hund liegt und Ruhe ausstrahlt. Andere Patienten können durch das Streicheln zum Beispiel Muskelverkrampfungen lösen.

Warum gerade Huskys? „Solche Therapien funktionieren mit allen Hunden. Huskys sind aber sehr stur und eigen. Wie Menschen“, erklärt die 35-jährige Jessica Kampe. „Sie strahlen zudem etwas Magisches aus. Sie sind mein Markenzeichen.“ Drei reinrassige Sibirian Huskys hat sie. „Hunde haben ähnliche Strukturen und Bedürfnisse wie wir Menschen. Sie sind einfühlsam, anpassungsfähig, suchen Kontakt, können durch Mimik und Körpersprache kommunizieren, genießen gemeinsame Aktivitäten und fordern zur Kontaktaufnahme auf. Außerdem fördern Hunde die Persönlichkeitsentwicklung und die soziale Integration“, heißt es.

Derzeit stellt die tiergestützte Ergotherapie noch keine eigenständige Therapieform dar. Die Krankenkassen übernehmen die Kosten nicht. Die Therapiestunde kostet zwischen 45 und 80 Euro. Kampes drei Huskys haben Ausbildungen zum Therapiebegleithund durchlaufen. Angel, Akiro und Ari treten in Kitas, Kinderheimen, Seniorenheimen, bei Messen und Feiern auf. Auch beim Tag der Behinderten beim 1. FC Magdeburg waren die Huskys dabei. Jessica Kampe hat Kunden in Staßfurt, Bernburg, Aschersleben, Gernrode und Ballenstedt. Durch ihre frühere Festanstellung als Ergotherapeutin hat sie noch Kontakte, die sie auch bis nach Magdeburg führen. „Der Markt ist da, ich bekomme immer mehr Aufträge“, sagt Kampe. Sie überlegt, irgendwann auch eine Praxis zu eröffnen. Derzeit läuft die Therapie über Hausbesuche.

Aufbau des Selbstvertrauens

In Staßfurt kam die Stunde mit den drei Huskys prima an. „Man fühlte sich frei und locker“, sagt eine Teilnehmerin der Selbsthilfegruppe. „Der Hund merkt, dass du traurig bist und kommt auf dich zu. Dann muss man grinsen.“ Ein anderer sagt: „Ich konnte mir gar nicht vorstellen, wie das einer psychosomatischen Gruppe helfen soll.“ Schnell gab es aber auch bei ihm einen Aha-Effekt.

„Die Tiere erwarten nichts und nehmen die Menschen, so wie sie sind“, sagt Heike Krümmling, die beim Deutschen Paritätischen Wohlfahrtsverband die Selbsthilfekontaktstelle im Salzlandkreis leitet. Und die Teilnehmer der Selbsthilfegruppe lernen dabei auch etwas über sich. „Die Hunde gehorchen nur, wenn man klare Ansagen macht und selbstbewusst ist“, sagt Krümmling. Von Natur aus eher schüchterne und zurückgezogene Menschen haben also Probleme, Huskys anzulocken. Hier heißt es dann: Brust raus, Schultern zurück, gerade machen. Laut sein, klar sprechen. Erst dann wird die Aufmerksamkeit der Huskys auf sich gezogen. Die Patienten nehmen so auch etwas mit für den Umgang mit den Mitmenschen.

Innerhalb der Gruppe wird darüber gesprochen, vielleicht später erneut eine Therapiestunde mit den Huskys durchzuführen. Diesmal mit Bezahlung. „Es würde ja durch alle gehen. Von daher wäre es bezahlbar“, sagt eine Teilnehmerin. Wer einmal in die Augen von Angel, Akiro und Ari geblickt hat, vergisst diese eben nicht mehr. Und will diese so schnell wie möglich wiedersehen.

*Name der Redaktion bekannt

Kontakt zu Jessica Kampe ist über www.jessistiergestuetzteergo.de möglich.