Staßfurt l Die Zahlen erschrecken und rütteln gleichermaßen auf, die die Industrie- und Handelskammer (IHK) ermittelt hat. Stand 2017 gab es in Deutschland 6674 Beratungen der IHK mit Unternehmern, die ihren Betrieb abgeben wollen. Dem gegenüber stehen aber nur 4321 Übernahmeinteressierte. 2009 waren es noch 8417 Übernahmeinteressierte, denen 4871 Unternehmer gegenüber standen. Seit 2012 hat sich das Verhältnis umgekehrt.

Auch für Staßfurt hat Christian Schüler von der Wirtschaftsförderung Staßfurt alarmierende Zahlen. „Es gibt derzeit 1600 gemeldete Gewerbe in Staßfurt“, informiert er. „40 Prozent der Gewerbetreibenden sollten sich schon heute mit einer Unternehmensnachfolge beschäftigen, weil sie ein bestimmtes Alter erreicht haben.“

Auch deshalb hatte die Wirtschaftsförderung zu einem großen Nachfolgebrunch in Staßfurt eingeladen. Der Einladung folgten Unternehmer aus dem gesamten Salzlandkreis. „Bei nicht optimaler Nachfolge gehen Arbeitsplätze, Kaufkraft, die Wettbewerbsfähigkeit des Standorts, Steuereinnahmen und die Attraktivität des Standorts verloren“, warnt Schüler.

Viel Zeit benötigt

Acht Partner waren am Freitag nach Staßfurt gekommen, um Unternehmern aufzuzeigen, welche Schritte diese gehen müssen, um einen Nachfolger zu installieren. So kümmert sich die Handwerkskammer Magdeburg um Unternehmenswertermittlungen, stellt Finanzierungskonzepte vor. „Dazu bieten wir Krisenberatung, Marketingberatung oder Digitalisierungsberatung an“, erklärt Doreen Griesche von der Handwerkskammer. Alles sei kostenlos.

Denise Bröder von der Industrie- und Handelskammer Magdeburg (IHK) empfahl Unternehmern auch die Unternehmensbörse „nexxt-change“. „Dort gibt es 10.000 Angebote. Etwa 1000 Unternehmen werden dort im Jahr übergeben“, so Bröder. Oft würde die zeitliche Dimension unterschätzt. „Sechs Monate reichen nicht“, sagt der Steuerberater Andreas Moosdorf. Es wird empfohlen, sich schon zehn Jahre vorher intensiv damit zu beschäftigen. Aber auch dann tauchen immer wieder Probleme auf.

Eine Umfrage hat ergeben, dass 47 Prozent der Unternehmer keinen Nachfolger finden. 43 Prozent waren nicht gut vorbereitet. 36 Prozent könnten emotional nicht loslassen. Bei den Interessierten finden 70 Prozent kein passendes Unternehmen, 59 Prozent unterschätzen die Anforderungen. 54 Prozent haben Finanzierungsschwierigkeiten. Hier springen zum Beispiel die Salzlandsparkasse, die Investitionsbank oder die Bürgschaftsbank ein.

Mehrere Tendenzen

Generell gebe es bei Arbeitnehmern zwei gegensätzliche Entwicklungen. „Eine Tendenz ist es, dass viele in einer Anstellung bleiben wollen“, sagt Dorit Zieler von der Handwerkskammer. „Viele wollen aber auch keine kleine Nummer mehr in den Großunternehmen sein. Das ist uninteressant. Sie wollen ihres eigenes Glückes Schmied sein.“

Martin Zickuhr von der Salzlandsparkasse hat festgestellt: „Übernahmen in der Familie gehen zurück. Es wird nach externen Übernehmern gesucht.“ Die Gespräche mit den Unternehmern werden länger und intensiver. Die Gründungen werden weniger, aber qualitativer. „Vielen fehlt aber der Mut“, sagt Steuerberater Moosdorf.

Ramona Matern führt zusammen mit ihrem Mann Peter in Alsleben einen Personenbeförderungsbetrieb mit zehn Mitarbeitern, den sie vor elf Jahren gegründet hat. „Ich möchte in fünf Jahren an einen Mitarbeiter im Unternehmen übergeben“, sagt sie. Der Besuch des Nachfolgebrunchs war der erste Schritt in diesen Bemühungen. Zwar hat Ramona Matern eine 23-jährige Tochter und einen 25-jährigen Sohn. Diese wollen und sollen aber nicht übernehmen. „Gerade als die Kinder noch klein waren, war es nicht einfach. Die Kinder mussten schnell erwachsen werden. Die Belastung war enorm. Sie sollen meinen Fehler nicht machen, so früh eine Firma zu gründen.“ Nun soll ein Vorarbeiter eingearbeitet werden. „Mit ihm will ich später die Rollen tauschen, damit ich statt zwölf nur noch zehn Stunden am Tag arbeite“, so Ramona Matern.

Christian Schüler beklagt dabei, dass der Gründergeist kaum ausgeprägt ist in Deutschland. „Es wird viel zu oft suggeriert, dass Selbstständigkeit zu viele schlechte Seiten hat“, sagt er. „Dabei steigert es auch das Selbstbewusstsein und ist nachhaltig.“ Mehr Gründer braucht das Land. Auch Staßfurt.