Staßfurt l Rolf Deichsel ist in Staßfurt nicht nur bekannt. Der umtriebige Unternehmer ist legendär. Längst wohnt er in Berlin. Gern erzählt er davon, dass ihm schon vor der Wende vier private Betriebe mit 60 Arbeitsplätzen gehörten. Und schon damals habe er gut verdient. Als Kooperationspartner versorgte er das hiesige Fernsehgerätewerk mit Leiterplatten. Im Plänterwald, einem Vergnügungspark in Berlin, gehörten ihm und seiner Familie große Fahrgeschäfte.

"Ich bin Unternehmer, kein 'Unterlasser'"

Nach der Wende baute Rolf Deichsel zwei Autohäuser und eine Tankstelle in Staßfurt, investierte nach eigenen Aussagen „vier Millionen in eine Westernstadt in Berlin – ohne Finanzierung“.

Der rührige 70-Jährige macht auch keinen Hehl daraus, dass er schon zu Ostzeiten mit der Gewinnung von Serum aus Pferdeblut Devisen ranschaffte. „Ich bin seit 50 Jahren Unternehmer und kein ,Unterlasser‘.“

Und er lässt keinen Zweifel daran, wenn er sagt: „Ich bin noch agil und wollte auch in Staßfurt nochmal Gas geben.“ Konkret heißt das: Rolf Deichsel wollte die Bruchwiesen entlang der Bode als Koppel nutzen. „Ich habe bereits 1000 Pferde in der Ukraine stehen.“ Und: Der Unternehmer hatte auch das Gelände des ehemaligen Freibads im Blick, um darauf einen Schlachthof zu bauen – mit einer Kapazität von 5000 Tieren. Nicht für Schweine oder Rinder, sondern für Pferde. Deichsel sieht seinen Gesprächspartner erschrecken und erklärt: „Das wäre alles nach EU-Recht genehmigungsfähig. Man darf ja heute ohne EU nicht mal mehr einen Pups lassen. Sport- und Hauspferde sind natürlich von der Schlachtung ausgenommen.“

Bei seinem Vorhaben handele es sich um Tiere aus der Fleischpferde-Zucht. Und dazu hätte er eben gern die Bruchwiesen als Koppel genutzt.

Drei Millionen Euro wollte er investieren, vor Ort 150 Arbeitsplätze schaffen. „Insgesamt mit unseren Leuten in der Ukraine und in Polen wären es 600.“

OB: "Unser Fokus zielt auf andere Dinge"

Mittlerweile spreche einiges gegen dieses Vorhaben. Das Freibad sei weg. Den Hauptgrund, warum er „jetzt mit Staßfurt abgeschlossen“ habe und „woanders hingeht“, beschreibt Rolf Deichsel nach seiner Art sehr drastisch: „Die Wirtschaftsförderung hier schläft. Ich denke, dort spielt man ,Beamten-Mikado‘. Vor acht Wochen habe ich im Rathaus angefragt. Nichts ist passiert.“ Zumindest bis der Salzland-Kurier sich eingeschaltet habe, so Deichsel, erst dann erhielt er Antwort.

Wirtschaftsförderer Christian Schüler bestätigt, dass der Unternehmer ihn telefonisch über seine Pläne informiert habe, eine Pferdemastzucht im Bereich der Bruchwiesen betreiben zu wollen. Flächen würden sich im Eigentum der NABU-Stiftung Nationales Naturerbe befinden. „Die Nutzungsanfrage haben wir an sie weitergeleitet“, sagt Schüler. In der Antwort der Stiftung sei deutlich gemacht worden, dass mit den Bruchwiesen bei Staßfurt „dem Naturschutz das Primat vor allen anderen Interessen einzuräumen sind“. Ziel der Stiftung sei es zudem, eine natürliche Entwicklung der Flächen zuzulassen. Einer Nutzung für eine Mastpferdezucht stimmt die Stiftung nicht zu.

Rolf Deichsel ist ungehalten darüber und vergleicht jetzt Berlin mit dem Paradies. „Wer dort ein Haus bauen will, hat in 14 Tagen seine Genehmigung. Hier dagegen ist man so unbeweglich. So unbeweglich waren nicht mal die Kommunisten“, wettert der Wahl-Berliner.

Seiner Wirtschaftsförderung attestiert der Staßfurter Oberbürgermeister Sven Wagner (SPD) dagegen eine gute Arbeit. 2018 zum Beispiel stehen 190 Gewerbean- und ummeldungen 148 Abmeldungen gegenüber. Die Stadt hat beste Aussicht auf ein 100-Millionen-Euro-Salzwerk, das der polnische Ciech-Konzern bauen will. Zum Vorhaben Rolf Deichsels meint Wagner nur: „Unser Fokus zielt auf andere Dinge, als auf einen Schlachthof.“

Aber Rolf Deichsel wäre wohl nicht Rolf Deichsel, wenn er keine Alternative im Ärmel hätte. „Dann gehe ich eben nach Polen“, sagt er stolz.