Staßfurt l Frank Seifert wackelt mit seinem Kopf nach rechts und kurbelt das Fenster herunter. „Das ist Moni, die hat was für mich“, sagt er noch, bevor er seinen Kopf aus dem Fenster streckt. Zwei Pakete bekommt der Mann hereingereicht. Den eingepackten Kuchen drapiert er in seinem Fahrerhäuschen, dann geht es weiter, dann geht Frank Seifert weiter seiner Arbeit nach.

Frank Seifert ist der Mann mit der Kehrmaschine. Tag für Tag dreht er auf den Straßen in Staßfurt und den Ortsteilen seine Runde. Seine Touren beginnen meist sechs Uhr, manchmal sogar drei Uhr nachts. Er weiß, was auf den Straßen los ist. Kennt den täglichen Wahnsinn, das Gedrängel, Gehupe und rücksichtslose Fahren. „Du kannst ja mal einen Tag bei mir mitfahren. Dann siehst du, was los ist“, sagte Seifert als er kürzlich in der Redaktion anrief, um seinen Missmut über das Verhalten der Verkehrsteilnehmer zum Ausdruck zu bringen. Gesagt, getan. Und so sitzt der Autor ab sechs Uhr neben Frank Seifert. Es steht eine Tour durch die Kernstadt an. Dunkel ist es noch. Die Welt liegt noch im Dämmerschlaf, regt und streckt sich aber bereits. Die ersten Arbeitnehmer sind bereits aufgebrochen mit dem Auto oder dem Fahrrad.

So dauert es keine fünf Minuten, bis Seifert die ersten Verstöße feststellt. Vor Bäcker Bechstein in der Schillerstraße stehen zwei Falschparker. „Das ist jeden Tag so“, sagt Seifert. Er winkt ab. Kennt er.

Am Prinzenberg huschen Fahrradfahrer lang. Aber ohne Licht (im Dunkeln) und in verkehrter Richtung. Ein doppelter Verstoß. Noch gefährlicher wird‘s an der Kreuzung Schlachthofstraße/Hohlweg/Wasserstraße/Calbesche Straße. Ein Auto fährt bei Rot über die Ampel. Davor wird im Hohlweg die Sperrlinie beim Überholen überfahren. Dass die Kraftfahrer an der Kreuzung beim Rechtsabbiegen (mit grünem Pfeil) trotz Stoppschild nicht anhalten, ist allgemein bekannt und kommt täglich vor. Auch die Polizei stand hier schon, hat die Verstöße festgestellt und aufgenommen. An der Penetranz der Verstöße hat‘s aber nichts geändert.

Radfahrer haben Narrenfreiheit

Die Probleme kennt auch Reinhard Glage, Regionalbereichsbeamter in Staßfurt. „Gerade um die Radfahrer müssten wir uns mehr kümmern“, sagt er. „Die haben Narrenfreiheit.“ Wenn er könnte, wie er wollte, hätten diese es nicht so leicht. „Ich kann aber nicht überall sein, bin derzeit auch allein, weil mein Kollege krank ist. Wir müssen an die Vernunft der Leute appellieren.“

Nun ist es aber nicht so, dass nie Kontrollen stattfinden würden. Gerade auf dem Neumarkt stehen oft Polizeischüler von der Fachhochschule in Aschersleben. „Das hat logistische Gründe“, sagt Glage. Dort können Autofahrer bequem herausgezogen und Gespräche geführt werden. An anderen Stellen ist das schwieriger.

Beispiel Kreuzung Schlachthofstraße/Hohlweg/Wasserstraße/Calbesche Straße: „An der Schlachthofbrücke lassen sich Autos und Lkws nach dem Abbiegen ohne Anhalten am grünen Pfeil schlecht rausziehen, ohne dass der Verkehr gestört wird“, so Glage. „Es wäre natürlich wünschenswert, nicht immer gleiche Stellen zu kontrollieren. Aber das kann ich nicht beeinflussen.“ Zumal Glage noch andere Aufgaben hat. Er muss Fahrer ermitteln, Aufenthaltsermittlungen durchführen, Umzüge absichern, Bürgerhinweise aufnehmen. „Der Kalender ist voll.“

Währenddessen geht der Wahnsinn auf Staßfurts Straßen weiter, den Frank Seifert in seiner Kehrmaschine beobachtet. Als dieser auf der Schlachthofstraße Richtung Kita „Sandmännchen“ rollt, überholt ein Autofahrer mit überhöhter Geschwindigkeit vor dem Zebrastreifen. Und hupt. Nicht auszudenken, wenn dort ein Kind die Straße überqueren will. Dieses könnte vom schnellen Autofahrer kaum gesehen werden, weil die Kehrmaschine die Sicht verdeckt.

Auch Probleme durch Parksünder

In der Hohenerxlebener Straße kurze Zeit später herrscht auch gegen 6.30 Uhr schon guter Verkehr. Hier überholt ein Lkw über die Sperrlinie, ihm folgt ein Lkw mit einem Überholmanöver am Zebrastreifen trotz Gegenverkehr. Ein Unfall ist nicht mehr weit. Noch knapper wird‘s dann an der Kreuzung Gollnowstraße/Güstener Straße. Ein Auto aus Richtung Kreisverkehr kommend gibt noch Lichthupe, das hindert den anderen Autofahrer nicht, ihm die Vorfahrt zu nehmen und von der Güstener Straße nach links in die Gollnowstraße abzubiegen. Die Bremsen quietschen. Nur so kann der Unfall verhindert werden. „Es ist noch ruhig. Es geht noch schlimmer“, sagt Frank Seifert. „Mit der Abnahme der Polizeipräsenz hat die Aggressivität im Straßenverkehr zugenommen. Die Polizei hat sich die Autorität nehmen lassen und die Kontrolle über die Straßen abgegeben“, meint Seifert. Wer könnte das besser sachlich einschätzen als er? Schließlich kennt dieser alle Straßen Staßfurts in- und auswendig.

Hemmschwelle der Bürger gesunken

Probleme gibt es aber auch im ruhenden Verkehr, um den sich das Ordnungsamt kümmert. Überall stehen Autos im Parkverbot, obwohl das Schild für einen gewissen Zeitraum, wenn die Kehrmaschine kommt, das Stehen untersagt. Immer wieder macht Frank Seifert dann ein Foto, um sich auch abzusichern, wenn er dort nicht kehren kann. Manchmal macht er auch Bürgeranzeigen. Dann bekommen die Fahrzeuge ein Knöllchen. „Die Bequemlichkeit hat unwahrscheinlich zugenommen“, sagt Seifert. Seine Pappenheimer kennt er gut. So seien es teilweise immer die gleichen Autos, die im Parkverbot stünden. Die Halter schreckt auch ein Knöllchen nicht ab.

Dass die Präsenz der Polizei im fließenden Verkehr abgenommen hat, bestätigt der Polizeisprecher im Salzlandkreis Marco Kopitz. „Die Polizei ist nicht mehr so präsent wie noch vor fünf Jahren. Das ist ein Fakt“, sagt er. „Die Hemmschwelle ist gesunken. Kontrollen sind wichtig. Aber es bringt nichts, das ab und zu zu tun. Es braucht mehr Personal und der Lerneffekt sollte sich gleich einstellen.“

Auch daran fehlt es seiner Meinung nach. „Wenn ich nach drei Wochen einen Bescheid bekomme für einen Verstoß, um diesen zu bezahlen, weiß ich manchmal gar nicht mehr, wofür.“ Eine Bezahlung direkt vor Ort könnte dieses Problem lösen. „Es wird bald ein neues Modell geben, mit dem mit der EC-Karte direkt vor Ort bezahlt werden kann“, kündigt Kopitz an.

Und der Personalmangel? Es gibt positive Zeichen. „An der Polizeihochschule haben in diesem Jahr erstmals seit langer Zeit mehr Schüler angefangen, als Kollegen in Rente gegangen sind“, sagt Kopitz. Das Personal nimmt also zu statt ab. Bis diese Trendwende auf den Straßen ankommt, könnte es aber noch Jahre dauern.