Staßfurt l Sebastian atmet durch, die Brust hebt und senkt sich, er seufzt hörbar, als der Ballast abfällt. Er hat‘s geschafft! Das Kreuzverhör mit den drei netten Damen aus der Bibliothek hat er überstanden. Aber wer wäre denn nicht aufgeregt bei so viel Rampenlicht? Schlimm war es nicht, aber eben doch sehr, sehr aufregend, was sich da in der Stadt- und Regionalbibliothek Staßfurt abgespielt hat. Für alle Beteiligten.

Wie jedes Jahr wurde in der Staßfurter Bibliothek der fitteste Leser im Staßfurter Raum ermittelt. Die „Lesekrone“ 2019 geht als Projekt auf einen Vorlesewettbewerb in Magdeburg zurück. Der Friedrich-Bödecker-Kreis weitete das Projekt zu einem Landeswettbewerb aus und beteiligt Drittklässler aus vielen Schulen in Sachsen-Anhalt. Auch Staßfurter Schulen nehmen seit vielen Jahren daran teil. Und so schickten die Goethe-Grundschule in Staßfurt, die Grundschule Nord in Staßfurt, die Grundschule Förderstedt und die Grundschule Löderburg Kinder in die Bibliothek. Vorher wurden klassen- und schulintern die besten Leser ermittelt. Und da saßen sie nun, die Drittklässler, mit ihren Eltern und Großeltern, wippten mit ihren Füßchen aufgeregt hin und her und warteten, dass sie die öffentliche Lesung schnell hinter sich bringen würden.

Drei Jurymitglieder kommen ins Grübeln

Vor dem Triumvirat Ines Krombholz, Karola Spitzenberg und Susanne Sulek – alles aktuelle oder ehemalige Mitarbeiterinnen der Bibliothek – hatten Marie Deubeler, Felix Emmerling, Paula Kauer, Sebastian Löbel und Dean Möhl abwechselnd Platz genommen. Wer sich entsprechend vorbereitet hatte, konnt zuerst ein paar Seiten aus dem eigens mitgebrachtem Buch lesen. Alle Kinder mussten aber auch die gleichen Zeilen aus dem Buch „Wenn der geheime Park erwacht, nehmt euch vor Schabalu in Acht“ lesen. Ein Kinderbuch für Grundschulkinder.

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Freilich: Alle gaben sich Mühe. Ein Kind nach dem anderen nahm auf dem kleinen Stuhl Platz, las Passage für Passage. Und immer wenn es den fliegenden Wechsel zum nächsten Kind gab, steckten die Damen ihre Köpfe zusammen. „Die Lesetechnik war gut“, murmelten sie dann. „Aber es wurde zu schnell gelesen, da kam vorher mehr an.“ Eine große Rolle spielte auch das Textverständnis. Denn nachdem die Kinder den Text gelesen hatten, kamen noch ein paar Fragen zum gerade Gelesenen. „Wie hießen die Kinder im Buch?“, „Welche Wesen kamen darin vor?“ oder „Was für ein Wesen ist eigentlich Schabalu?“

Stirnrunzeln, Blicke gingen bei den Acht- bis Neunjährigen in den Raum, dann kamen die Antworten. Ja, die Kinder hießen Mo, Jonathan und Kaya. Und klar, es gab Dinos und Cowboys zu bestaunen in der Geschichte. Und Schabalu, ja, das ist ein Clown mit dickem Bauch. Wer das alles wusste, hatte Pluspunkte gesammelt. Weil dann klar war, dass die Leseratte nicht nur fein vorgelesen, sondern den Inhalt währenddessen auch verstanden hatte. Letztlich war es eine knappe Entscheidung. Eine sehr knappe Entscheidung. „Es war noch nie so eng wie diesmal“, sagte Bibliotheksleiterin Susanne Sulek zu den Kindern. Gelogen war das nicht. Hin- und her wurde überlegt, welches Kind am besten war. Dabei gab es durchaus unterschiedliche Meinungen.

Am Ende entschieden sich die drei Bücherexpertinnen für Paula Kauer von der Grundschule Löderburg. Das braunhaarige Mädchen sprang sogleich in die Luft, die Haare wedelten hin und her. Stolz ließ sich Paula die blaue Pappkrone von Susanne Sulek aufsetzen und strahlte dabei über beide Wangen. Dabei ist Paula gar nicht so die Leseratte. „Vielleicht war da auch etwas Glück dabei“, sagte der stolze Papa Tobias Kauer und lachte dabei. Trotzdem macht bei Paula Kauer auch Übung die Meisterin. „Ich freue mich sehr“, sagte sie. Bei der Frage nach den Lieblingsschmökern muss sie nicht lange überlegen. „Ich lese sehr gerne Märchen. Am liebsten Dornröschen.“

Paula hat mit dem Erfolg in der Staßfurter Bibliothek die nächste Runde erreicht. Bis dahin geht aber noch einige Zeit ins Land. „Die nächste Runde wird es im September oder Oktober geben“, erklärt Bibliotheks-Leiterin Susanne Sulek. In der Kreisbibliothek in Aschersleben kommen dann die besten Leser aus dem gesamten Salzlandkreis zusammen und ermitteln den Kreissieger.

Landesausscheid am 21. November

Wer auch diese Runde erfolgreich bestreitet, darf sich auf den 21. November freuen. Im Funkhaus des Mitteldeutschen Rundfunk in Magdeburg wird der beste Vorleser von Sachsen-Anhalt ermittelt. Bis dahin kann auch Paula Kauer noch üben, obwohl sie es ja in Staßfurt schon gut gemacht hat. Bei Fragen ging die Stimme hoch. Bei einem gelesenen „Jaaa“, das als Zustimmung der Kinder im Buch „Wenn der geheime Park erwacht, nehmt euch vor Schabalu in Acht“ galt, lachte sie ein wenig und hauchte den kindlichen Charakteren so Leben ein. „Toll, Paula“, sagte dann auch Susanne Sulek. Nein, Eine Lesefaulheit bei Kindern konnte zumindest an diesem Vormittag nicht festgestellt werden. Lesen macht Spaß. Nach wie vor. Das war das Motto, das über dem Wettbewerb stand.