Neundorf/Beira l Und dann kamen die Tränen. Mitten im Gespräch. Jaime don Antonio schluchzte und schluchzte. Erst nach einer Weile konnte der Mosambikaner wieder ein Wort herausbringen. Nur dieses eine Wort: Entschuldigung! Er wollte sich dafür entschuldigen, dass die Gefühle ihn gerade überwältigt hatten. Dabei war es ja so sehr nachvollziehbar, dass die Trauer sich diesen Weg gesucht hatte.

Der Mosambikaner Jaime don Antonio war in den 1980er Jahren Schüler in der Schule der Freundschaft in Staßfurt. Am 19. August 1982 kam der heute 51-Jährige als Kind in die damalige DDR. Heute wohnt er mit Frau und 21-jährigem Sohn in Neundorf. Seit 1997 ist er auch deutscher Staatsbürger. Doch die Verbindungen nach Mosambik sind nach wie vor vorhanden. Aufgewachsen ist er in der 500 000-Einwohner-Stadt Beira am Meer. Jene Stadt, die im März 2019 sehr stark vom Zyklon „Idai“ in Mitleidenschaft gezogen wurde. Über 90 Prozent der städtischen Struktur wurden zerstört. Häuser, Straßen, Menschen. All das riss der Wirbelsturm mit sich. In Mosambik sowie den Nachbarländern Malawi und Simbabwe sind insgesamt etwa 1300 Menschen ums Leben gekommen. Auch die Mutter von Jaime don Antonio. Mehrere 100 000 Menschen sind dazu obdachlos geworden.

Erstmals nach fünf Jahren in Mosambik

In Deutschland blieb der Mosambikaner nicht tatenlos. Er organisierte Hilfe und sammelte Spenden ein. Beim EU-Familientag 2019 in Staßfurt sammelte er allein 500 Euro ein. Er stellte Spendenboxen bei Apotheken und Bäckereien auf. Dazu kamen privat direkte Spenden. Knapp 800 Euro waren dabei zusammengekommen. „Dafür möchte ich mich bedanken“, sagt don Antonio.

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Der Neundorfer reiste dabei im Oktober 2019 erstmals nach fünf Jahren selbst nach Mosambik. Das Geld hatte er bar dabei. Ganz bewusst hatte don Antonio das Geld nicht an Organisationen gegeben, weil er befürchtete, dass korrupte Politiker sich das Geld selbst in die Tasche stecken. Er wollte direkt und vor Ort helfen. Wie das für ihn war, seine Heimat wiederzusehen? Hier kommen don Antonio also die Tränen. „Das war nicht schön. Alles war komplett weg. Ich wusste nicht mehr, wo ich bin“, sagt er. Die Straßen seiner Kindheit haben nicht mehr existiert. „Das war sehr emotional. Das einzige, was ich erkannt habe, war das Haus meiner Schwester in Dondo.“

Dondo ist laut don Antonio „etwa so groß wie Bernburg“ und „so weit von Beira entfernt wie Staßfurt von Magdeburg“. Bei seiner Schwester hat er dann auch in den drei Wochen, die er in Mosambik verbracht hat, gewohnt. „Meine Schwester ist mein Anker“, sagt er. Sie arbeitet als Lehrerin, ihr Mann ist Dozent an der Uni. Dazu hat er drei Neffen im Alter von 19, 24 und 26 Jahren.

Jaime don Antonio ging herum und schaute, wo geholfen werden kann. „Mir taten am meisten die Kinder leid. Die Eltern waren tot, sie hatten kein Zuhause und konnten wochenlang nicht duschen.“ Kleine Lager wurden errichtet, in denen die Kinder aufgenommen wurden. Die Schule: zerstört. Mit dem Geld von don Antonio wurde eine provisorische Schule als Zelt errichtet. Für 200 Euro half er, das Dach der stattlichen Catedral Metropolitana de Nossa Senhora do Rosário in Beira zu flicken. Auch beim Aufbau eines Internats für eine Hochschule in Beira half er. Generell ist der Euro viel wert in Mosambik. „Für 50 Euro können dort bereits sechs bis acht Fenster eingebaut werden“, sagt don Antonio.

Die Herangehensweise war immer gleich. „Ich bin hin, habe es mir angesehen und bin danach los und habe es selbst gekauft“, sagt don Antonio. Damit die Hilfe auch wirklich dort ankommt, wo sie gebraucht wird. Dabei war er in geheimer Mission unterwegs. „Es wurde die ganze Zeit gerätselt, wer ich bin und woher ich komme. Ob ich vielleicht von einer Organisation komme“, sagt Jaime don Antonio und lacht. „Erst viel später hat meine Schwester die Sache aufgeklärt.“

Wie sieht es heute in Mosambik aus? Eineinhalb Jahre nach der Naturkatastrophe kehrt ganz langsam Normalität ein. „In Beira ist soweit alles wieder normalisiert“, erzählt don Antonio. „Die Straßen sind wieder ganz, die Eisenbahn ist wieder aufgebaut. Genauso wie die Brücken. Der Bus fährt wieder.“ Insgesamt sei durch Spenden aus aller Welt viel wieder auf die Beine gestellt worden. Auch der Staat habe dabei mitgeholfen. „Die meisten Häuser sind wieder im Aufbau. Manche sind fertig“, so don Antonio.

Auch wenn der Zyklon „Idai“ aus den Medien verschwunden ist: Im Hintergrund leisten noch immer viele Organisationen wie die Caritas oder Unicef wichtige Aufbauhilfe vor Ort. Auch wenn das nicht im Fokus der Öffentlichkeit geschieht. Schon vor dem Wirbelsturm zählte Mosambik zu den zehn ärmsten Ländern der Welt. Durch „Idai“ sind weitere Tausende Menschen arbeitslos geworden, auch in Beira.

Strenger Lockdown in Corona-Zeiten

Derzeit hat Mosambik auch mit den Auswirkungen der Corona-Pandemie zu kämpfen. „Es gibt immer noch einen Lockdown“, erklärt don Antonio. „Und der ist viel strenger als in Deutschland.“ Es gibt keine Versammlungen. Überall werden Masken getragen. Nicht nur beim Einkaufen, sondern auch im Freien. Und es wird genau darauf geachtet, dass die Maskenpflicht eingehalten wird. „Ohne Maske wird man nicht bedient. Und wenn die Polizei dich ohne Maske erwischt, dann hast du ein Problem. Die Polizei ist nicht zimperlich. Dann wirst du geschlagen“, sagt don Antonio.

Dabei sind die Fallzahlen im Vergleich zu europäischen und anderen Staaten in der Welt gering. 2000 Infizierte wurden laut don Antonio bisher registriert. Zwölf Menschen sind an einer Erkrankung gestorben. Wirken die Eindämmungsmaßnahmen einfach besser? Nicht unbedingt. „Die Menschen in Mosambik leben anders. Sie reisen nicht global. Die meisten leben isoliert in ihren Dörfern“, sagt don Antonio. Infektionen gab es daher vor allem durch Einreisende aus dem Nachbarland Südafrika. Eines der wirtschaftlich stärksten Länder Afrikas.

Obwohl es in Mosambik so wenige Infizierte mit dem Coronavirus gibt, gelten die Einschränkungen weiter. Dadurch sind auch die Arbeitslosenzahlen deutlich angestiegen. „Und es gibt keine Hilfe durch den Staat“, erklärt don Antonio. Viele Mosambikaner versorgen sich auf Märkten durch Händler mit den alltäglichen Dingen. „Das fällt jetzt alles weg“, so don Antonio.

Seine Schwester hingegen hat Glück. Sie hat einen Garten am Haus. „Sie muss Gott sei Dank nicht in die Stadt fahren.“ Sie baut Kartoffeln, Obst und Gemüse selbst an. Davon lebt sie mit ihrer Familie. Jaime don Antonio steht beinahe täglich in Kontakt mit ihr. Ihr geht es gut, seinen Neffen auch. In Zeiten der globalen Krise sind diese kleinen Nachrichten Gold wert.