Staßfurt l „Wir wissen gar nicht, was wird. Viele Angehörige sprechen uns an und sind verunsichert“, sagt Heidi Zacharias. Die Suchtberaterin und Sozialpädagogin hat ein kleines Büro im ersten Stock des Kaiserhofes in Staßfurt, über der Tafel. Gerade bespricht sie mit einer Angehörigen, wie es deren suchtkranken Verwandten geht. „Er hat solche Fortschritte gemacht, ich bin stolz“, sagt sie. Über den Flur verteilt befinden sich sieben Einzelzimmer, die je von Suchtkranken, vor allem Alkoholikern, bewohnt werden. Alle Zimmer sind belegt.

Immer wieder kommen einzelne Männer zu Heidi Zacharias, begrüßen sie freudig und berichten, was sie heute gemacht haben. „Ich habe jetzt einen Garten“, sagt ein Mann um die 40 stolz, der lange früher hier betreut wurde. „Da hab ich etwas zu tun“, erklärt er, warum er sich den Garten zugelegt hat. Er hat Probleme zu sprechen, die Alkoholsucht hat ihn deutlich gezeichnet. Seit sieben Jahren hat er eine eigene Wohnung, kommt aber noch jeden Tag in die Tafel zum Essen.

Sorge um Zukunft

Da die Stadt nach einem neuen Betreiber für den Kaiserhof sucht, befürchtet Heidi Zacharias, dass ihre „Schützlinge“ aus dem Gebäude heraus müssen. Denn dass im Kaiserhof gewohnt wird, will die Stadt in Zukunft nicht mehr. Was aber, wenn die Wohngemeinschaft tatsächlich aufgelöst wird? Wenn jeder eine eigene Wohnung haben müsste? Gerade durch die Gemeinschaft würden die Männer doch aufgefangen und finden sozialen Halt in der Gemeinschaft, argumentiert die Suchtberaterin.

„Die Betroffenen leben gemeinsam hier, teilen sich die Gemeinschaftsräume und essen Mittag in der Tafel. Es ist eine richtige Gemeinschaft geworden“, sagt Heidi Zacharias über die Suchtkranken. „Dabei sollen sie selbständig werden und sozusagen Hilfe zur Selbsthilfe erhalten.“

Das heißt, die Männer kaufen selbst ein, verwalten ihre Finanzen, kochen, halten ihre Zimmer und die gemeinsamen Räume sauber. Es gibt einen Putzplan und jeder wäscht selbst. „Ein Hotel soll das hier nicht sein“, betont die Suchtberaterin.

Selbständigkeit üben

Heidi Zacharias ist seit 2003 über das Unternehmen Projektservice GbR Eisleben angestellt und hat eine gewisse Stundenzahl pro Woche, in denen sie sich um jeden Suchtkranken kümmert. Persönliche Ziele, Beratung, Anleitung zum Tagesablauf und die Entwicklung weg vom Alkohol gehören zu den Aufgaben der Suchtberaterin.

Alkoholiker und andere, die durch ihre Sucht in ein tiefes Loch gefallen sind, werden von Tageskliniken, vom Sozialamt, Jobcenter, der Amtsärztin, dem Maßregelvollzug oder einem Entzug in der Klinik in die Staßfurter Einrichtung vermittelt. Sie brauchen Anleitung im Alltag, um ohne Sucht ein neues Leben anfangen zu können. Bezahlt wird die Leistung vom Sozialamt des Salzlandkreises, das auch die Dauer festlegt. Regelmäßig muss die Beraterin den Entwicklungsstand ihrer Schützlinge berichten und das Amt legt fest, wie lange sie weiterbetreut werden oder ob die Betreuung endet.

Seine Tränen kann Bernhard Schmidt kaum zurückhalten, wenn er über das Wohnen in der Gemeinschaft über der Tafel berichtet. Er lebt seit acht Jahren in einem Zimmer im Kaiserhof. „Allein hätte ich das nicht geschafft“, erklärt er und schaut gerührt seine Beraterin an. Als Melker hatte er sich früher den Rücken kaputt gemacht, dann kam ein Bandscheibenvorfall dazu. Er konnte nur noch stundenweise arbeiten. Als er allein in einer Wohnung am Tierpark lebte, habe sich seine Alkoholsucht entwickelt. „Obwohl ich mal zwei Jahre trocken war, hatte ich es trotzdem nicht geschafft. Als ich zu Frau Zacharias kam, hat mir das sofort geholfen“, sagt er.

Eigentlich wollte er gar nicht so lange bleiben, sagt Bernhard Schmidt lächelnd. Um sich zu beschäftigen, macht er sogar Hausmeisterarbeiten im Kaiserhof. „Hier habe ich Halt und komme täglich mit anderen zusammen“, sagt er glücklich.

Einige Langzeitbewohner

Bernhard Schmidt gehört zu den Männern, die schon seit Jahren im Kaiserhof leben. „Mancher ist seit zehn Jahren hier, mancher seit fünf, mancher seit zwei Jahren“, zählt Heidi Zacharias auf. Bei manchen dauere es eben sehr lange, bis sie ausziehen und selbständig in einer eigenen Wohnung leben können. Wenn das soweit ist, kommt die Sozialarbeiterin zu Hausbesuchen bei ihnen vorbei und betreut sie weiter.

Da es die meisten Bewohner schaffen, trocken zu werden, ist die Wohngemeinschaft für die Projektservice GbR Eisleben ein Erfolg. „Ich weiß gar nicht, ob das den Staßfurtern so bewusst ist, was hier geleistet wird für diese Menschen“, sagt Steffen Globig. Er ist als neuer Leiter des Vereins für Soziales und Betreuung Staßfurt, der Tafel, Nähstube und Medientreff im Kaiserhof übernommen hat, unmittelbarer Nachbar. Für viele Suchtkranke wäre es eine persönlich Katastrophe, müssten sie ausziehen und lebten plötzlich allein, denkt Steffen Globig.

Andere Auffassung

Stadtrat Ralf-Peter Schmidt (UBvS) betont allerdings, dass die Wohnnutzung im Gebäude ausgeschlossen werden muss. „Ich bin der Überzeugung, dass die Suchtkranken dort zukünftig ausziehen sollten“, erklärt Ralf-Peter Schmidt, der im sozialen Bereich arbeitet. „Denn das, was sich dort darstellt, hat Heimcharakter.“ Der Salzlandkreis zahlt dem Unternehmen Projektservice GbR Eisleben dort für das „ambulant betreute Wohnen“. „Ambulant betreutes Wohnen bedeutet, dass der Betroffene zuhause in seiner eigenen Wohnung lebt und ein Sozialarbeiter ab und an vorbeikommt, um Anleitung zu geben.“

Dass in der WG eine Gemeinschaft der Betroffenen entstanden ist und diese durchaus sozialen Halt gibt, versteht Ralf-Peter Schmidt. „Allerdings ist das nicht der Sinn der Sache. Beim ambulant betreuten Wohnen sollen sich die Betroffenen weiterentwickeln und in ein selbständiges Leben geführt werden“, argumentiert Ralf-Peter Schmidt. „Was dort passiert, steht dem sogar entgegen. Einige leben schon über Jahre dort und entwickeln sich nicht weiter.“ Für Suchtkranke, die noch nicht so weit sind, gäbe es Tageskliniken und Heime, wo sie rund um die Uhr betreut werden.

Am  Donnerstag wird die Tafel Thema im Stadtrat sein. Sowohl der Finanzausschuss als auch der Sozialausschuss sollen sich kurz vor der Stadtratssitzung noch einmal damit befassen. Details für das Interessensbekundungsverfahren wurden geändert. Die Wohnnutzung für den Kaiserhof ist in der Version für den Stadtrat am Donnerstag dennoch ausgeschlossen. Demnach müssten die Suchtkranken ausziehen und es müssten neue Wohnungen gesucht werden. Die Gemeinschaft wäre in der jetzigen Form nicht mehr möglich. Gleichzeitig betont die Stadt, dass kommunale Wohnungsunternehmen Wohnungen für die Betroffenen bereitstellen sollen. Dazu sind Wobau und Stadt bereits im konkreten Gespräch.