Aschersleben l Ausgerechnet in der ersten Woche des unbefristeten Ameos-Streiks wirbt ein bayerischer Klinikverbund in Aschersleben um Personal. Zwei Damen aus der Pflegedienstleitung der Krankenhaus GmbH Weilheim-Schongau sind fünf Stunden mit dem Zug angereist und haben für Dienstag den Konferenzraum eines Hotels in Aschersleben angemietet.

Den ganzen Tag über trudeln vereinzelt Krankenschwestern und Pflegehelferinnen ein und führen hinter verschlossener Tür Gespräche. „Unsere Besucher möchten nicht von der Presse angesprochen werden“, sagt Pflegedirektorin Anne Ertel. Denn es handelt sich in nicht wenigen Fällen um Mitarbeiter, die bei Ameos beschäftigt sind.

Frech und raffiniert

Es ist frech, aber auch raffiniert, ausgerechnet in Aschersleben für Fachpersonal zu werben – damit scheint das bayerische Krankenhaus bewusst zu spielen. „Wir haben einen freien Wettbewerb auf dem Arbeitsmarkt“, sagt Pflegedienstleiterin Sandra Buchner. Pflegedienstdirektorin Anne Ertel fügt zwinkernd hinzu: „Die Mitarbeiter haben wahrscheinlich einen Grund, warum sie herkommen.“

Natürlich kommentieren die Damen das Geschehen bei Ameos nicht, auch in den Bewerbergesprächen nicht. Dass der ihr Bewerbertag ausgerechnet jetzt stattfindet, spielt der bayerischen Klinik aber schon in die Hände. „Wir haben uns vor Monaten im Osten umgesehen und da ploppt Ameos als Haus ohne Tarifbindung natürlich auf“, so Anne Ertel. „Auch der Warnstreik bietet sich für uns an.“ Man habe in den Medien recherchiert.

Als scharfes Abwerben sieht das bayerische Krankenhaus die Aktion im Hotel nicht: „Wir gehen nicht in die Kliniken und betreiben Kaltakquise. Die Mitarbeiter kommen zu uns“, so die Direktorin.

Joboffensive aus Bayern

Die Krankenhaus GmbH aus Bayern fährt seit einem Jahr ein große Joboffensive, mit Bewerbertagen, Halloween-Nacht oder Candlelight-Dinner. Für den Bewerbertag in Aschersleben hat das kommunale Unternehmen einiges Geld in die Werbung mit dem Slogan „Traumland Traumjob“ gesteckt.

„Die Wertschätzung, die wir den Bewerbern heute entgegengebracht haben, hat sie positiv überrascht“, berichtet Anne Ertel. Die bayrischen Kliniken bieten dem Fachpersonal Wohnungen, einen Immobilienmakler, Kitaplatz-Vermittlung, Fortbildungen, unbefristete Arbeitsverträge, Mütter-Schichten und wahlweise den Blick auf die Berge oder nur 30 Minuten bis in die Metropole München. Und: „Für ein kommunales Haus ist die Tarifbindung eine Selbstverständlichkeit“, so Anne Ertel. „Wir schätzen jeden einzelnen Mitarbeiter und schauen, was für ihn individuell am besten ist.“ Wer am Bewerbertag zusagt hat, bekommt ein Dinner auf der Zugspitze.

Weil sich die Pflegeuntergrenze auf zehn Patienten pro Pfleger gesenkt hat, suchen auch die bayerischen Kliniken. Fehlt denn viel Personal? „Jetzt nicht mehr“, sagt Anne Ertel am Konferenztisch und zwinkert.