Bundesweites Projekt findet immer mehr Gefallen in den Kitas

Aus kleinen Kindern werden große Forscher

Von Ulrich Meinhard

"Forschen in der Kita" heißt ein bundesweites Projekt, dem sich immer mehr Kindertagesstätten zuwenden. Die wissenschaftlich orientierte Helmholtz Gemeinschaft hat es initiiert, das Bundesministerium für Bildung und Forschung sowie die Industrie- und Handelskammern unterstützen es. Und in Biere (Bördeland) wachsen jetzt richtige Forscher heran.

Biere. Die Welt ist voller möglicher Entdeckungen. Sie müssen nur gemacht werden. Um diese Erfahrung sind jetzt Mädchen und Jungen der Kindertagesstätte "Bördespatz" in Biere reicher. Die Tiger-, die Igel- und die Bärchen-Kinder nehmen nämlich gemeinsam mit ihren Erzieherinnen an einem bundesweiten Projekt teil. Forschen in der Kita heißt es. Und es gibt mit dem Titel "Haus der kleinen Forscher" sogar ein echtes Zertifikat, aber nur, wenn bestimmte Hausaufgeben gemacht worden sind.

Die Tiger-Kinder im "Bördespatz" haben sich jetzt mit den Sinneswahrnehmungen Sehen und Hören beschäftigt und dabei sogar in die Röhre geguckt. Die Fragen, die sie miteinander beantworteten, lauten: Wie groß ist das Sichtfeld eines Menschen, wenn er mit beiden Augen sieht? Wie verkleinert es sich, wenn ein Auge zugehalten wird oder wenn der Blick durch eine Röhre gleitet? "Eines unserer wichtigsten Fazite war, dass nichts über das Sehen mit beiden Augen geht", fasst Kita-Leiterin Hannelore Müller zusammen. Die Kinder können nun den Wert ihres Augenlichtes noch besser schätzen. Zudem haben sie mit Schallwellen experimentiert, die sie mit einem Löffel erzeugten. Und dann war da noch die Sache mit den Fingerabdrücken. "Wir haben dazu einen Lippenstift verwendet und unsere Abdrücke verglichen. Keiner war wie der andere", berichtet die sechsjährige Leonie, die zu den Tiger-Kindern gehört.

Die Igel-Kinder wiederum haben Obst- und Gemüsesorten ertastet, die unter einem Tuch verborgen waren. Sie konnten feststellen, dass der Geschmack im Mund seltsame Signale aussendet, wenn ein Lebensmittel sozusagen blind gegessen wird. "Das Auge isst eben mit", verweist Hannelore Müller auf eine alte Weisheit.

Die Bärchen-Kinder experimentierten mit Wasser und seinen unterschiedlichen Temperaturen. Was ist warm? Was ist kalt? Reine Gefühlssache.

"Ganz aktuell haben wir uns mit Lebensmitteln auseinandergesetzt und ihre Herkunft und ihr Entstehen beschrieben. Wie ein Brötchen entsteht, war für die Kinder am schwersten zu verstehen", sagt die Kita-Leiterin. "Ach", fügt sie mit einer unterstützenden Handbewegung hinzu, "wir haben schon so viel Experimente gemacht..." Demnach dürfte der Weg bis zum Titel "Haus der kleinen Forscher" gar nicht mehr so weit sein?

"Im gesamten Salzlandkreis bereiten sich 38 Kindertageseinrichtungen auf diese Prüfung vor", informiert Marlies Skorsetz vom Fachbereich Kita des Landratsamtes auf Volksstimme-Nachfrage. Damit eine Jury überhaupt den Weg in eine Kita findet, müssen die Erzieherinnen Workshops besuchen. Es gibt Aufgabenstellungen, die mit den Kindern angegangen werden. "Einige Einrichtungen nehmen an den Workshops nur deshalb teil, um ein bestimmtes, darin aufgearbeitetes Thema in den Mittelpunkt ihrer Kita zu rücken", verweist Marlies Skorsetz auf den anregenden Charakter der Arbeitsgruppen.

In der Kreisstadt Bernburg läuft das Projekt Forschen in der Kita schon länger. Mehrere Einrichtungen tragen hier bereits den Titel "Haus der kleinen Forscher". Ein freier Träger hat eine Mitarbeiterin inzwischen zur Trainerin in punkto Forschungsanleitung ausbilden lassen. Alles in allem begrüßt die Verwaltungsmitarbeiterin das Anliegen des Projektes mit wohlwollenden Worten. "Es passt wunderbar in die vom Land Sachsen-Anhalt initiierte Bildungsarbeit an Kitas." Der Forscherkoffer, der bei Beginn des Projektes überreicht wird, werde stetig erweitert. Das Thema Forschung sei grundsätzlich fortführbar; das Angebot werde jetzt auch in die Grundschule hinein erweitert. "Davon gehe ich aus", sagt Marlies Skorsetz. Ihr Rat an alle Erzieherinnen in den 175 Kitas des Salzlandkreises, die mit einer Beteiligung am Forscher-Projekt liebäugeln: "Eine Einrichtung sollte sich mit diesem Projekt identifizieren." Und das geht am besten mit? "Neugier."

Initiator des Projektes ist die wissenschaftlich orientierte Helmholtz Gemeinschaft, der Bund gewährt Unterstützung. Mittlerweile gibt es eine Stiftung "Haus der kleinen Forscher" mit Sitz in Berlin.